Geschichte nachgefragt

2013: 50 Jahre Elysée-Vertrag
2014: 100 Jahre Erster Weltkrieg
2014: 75 Jahre Zweiter Weltkrieg
2014: 25 Jahre Fall der Mauer

Der Projektname macht auf den ersten Blick keinen Sinn.
Der Titel macht stutzig und neugierig.
Was steckt hinter diesem nicht logisch klingenden Projekttitel?
Warum nicht 25 – 50 – 75 – 100? Geschichtliche Abläufe sind nun mal so, wie diese geschehen sind.

Nach deren ganz persönlichen Erinnerungen zu den oben genannten Themen interviewt. Nein, es sollte nicht in die ach so geliebte „Gedenkeritis“ verfallen werden.

Interview Ines Arland

Ines Arland

Gedenktage sind ein Ritual geworden.

Ines Arland wurde im September 1969 in Leipzig geboren. Nach dem Abitur machte sie ihr erstes Volontariat und begann dann das Studium der Kommunikationswissenschaft, Publizistik und Sozialökonomik in Leipzig, Mainz und Bochum. Es folgte ein zweites Volontariat bei der Deutschen Welle, Radio und TV, für 18 Monate. Und dann ihr Beruf? Zuerst Deutsche Welle Radio, Politikredaktion, dann Phoenix TV in Bonn und Berlin. Jetzt Chef vom Dienst (CvD), Korrespondentin. Am 9. November 1989 war sie in Leipzig, Studentin im ersten Studienjahr. Abends hatte sie Dienst in der Bibliothek. Sie hatte das Radio angeschaltet und Nachrichten gehört. Ihre Reaktion: Jetzt würde alles neu werden; wie es sich die letzten Wochen schon angekündigt hatte. Es würde alles möglich sein; das Eingesperrtsein wäre vorbei. Sie hat mit den anderen Studenten gefeiert; einige sind nach Berlin gefahren. Sie ist zur Familie gegangen und hat die Bilder im Fernsehen verfolgt. Es war eine lange Nacht. Alle waren überrascht, glücklich und freuten sich auf den Neubeginn. Der Wandel kam erst nach und nach. Ein Bekannter verhalf ihr zu einer Reise in den Westen, nach Nordrhein-Westfalen, und sie hat sich dort das Leben angesehen. Im Frühjahr 1990 in Leipzig war sie in einer ZDF-Sendung, wahrscheinlich WiSo. Sie hat Fragen gestellt. Das hat dem Moderator so viel Spaß gemacht, dass er ihr ein Praktikum bzw. eine Hospitanz angeboten hat. Sie hat angenommen und wechselte nach Mainz.Einen Zusammenhang zwischen Elysée-Vertrag und Mauerfall sieht sie nicht. Das sind unterschiedliche politische Handlungsstränge, meint sie. Der Fall der Mauer ist eine Leistung der Ostdeutschen, die dieses Ergebnis durch ihre Unzufriedenheit mit dem System und durch ihren Mut herbeigeführt haben. Der Elysée-Vertrag aber ist eine westdeutsche Angelegenheit, eine sehr gute sogar. Aber er hatte mit ihr persönlich nichts zu tun.

Der Elysée-Vertrag hat sich so ausgewirkt, dass beide Nationen einander näher gekommen sind. Er war ein Schlüssel zur Beschäftigung miteinander, ein politischer Pakt zwischen den Staatsmännern, eine Strategie. Nur so ließ sich eine Änderung herbeiführen. Alles, was sie über den Ersten Weltkrieg oder seinen Beginn weiß, sind Wahrnehmungen aus dem Geschichtsunterricht. Aktuelle Fragen überlagern die Geschichte. Eine Rückschau findet man in Feuilletons und Sonntagszeitungen. Gedenktage sind ein Ritual geworden.Die doppelte Erfahrung durch die beiden deutschen Systeme aber war im Endeffekt ein Plus.

Text Beate Lau
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Professor Dr. med. Peter Berlien

Prof.Dr. Peter Berlien Lasermedizin

Mein Vater: „Die Freiheit ist alles, der Wohlstand ist nichts.“
Wir haben Prof. Peter Berlien in der evangelischen Elisabeth Klinik getroffen. Geboren am 18.08.1950 in Brandenburg, damals DDR, wollte er sehr früh, schon mit 5 Jahren, Arzt werden. Nichts konnte seine Meinung ändern: Medizin oder nichts. Seine Ausbildung als Chirurg hat er in Berlin gemacht und sich schnell auf Kinderchirurgie spezialisiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Ärzten ist er immer in Berlin geblieben. 1982 hat er die neue Laser-Technologie kennengelernt, und er war einer von denen, die diese Entwicklung aufnahmen und fortführten. Dieses Ereignis ist ein Beispiel für seine Lebensphilosophie: er konnte sich einer neuen Entwicklung zuwenden und in Berlin bleiben. Der Wandel sicherte die Kontinuität. Die Geschichte seines Vaters ist auch interessant und spricht Bände über die Persönlichkeit von Herrn Berlien sen. Er hat den Kommunismus nie ertragen. Wegen des Kommunismus hat er alles aufgegeben: Arbeitsstelle, Wohlstand, geordnetes Leben. „Freiheit ist alles, Wohlstand ist nichts“. Sein Sohn hat dieses Motto aufgenommen, und man kann heute noch fühlen, wie verankert es bei ihm ist. Sehr früh war der „kleine“ Berlien politisiert, durch die Ereignisse und auch den Politiksinn seiner Eltern. Um seine Gefühle über den 9. November 1989 zu erklären, ging er auf das Jahr1961 zurück. Als die Mauer gebaut wurde, war er erst 11 Jahre alt. Aber schon politisiert, kann er sich genau erinnern, dass etwas Ungewöhnliches in der Luft lag. Man konnte wirklich riechen, dass ein Ereignis bevorstand. Die Vögel sangen merkwürdig. Und die Stimmung war 1989  genau gleich. Man hatte schon Tiananmen erlebt: es konnte dasselbe in Deutschland passieren. Im Oktober 1989 war er in Krakau zur Eröffnung einer Universität eingeladen; danach war er nach Taschkent, Usbekistan, geflogen. Überall konnte er die Freiheit riechen. Es überrascht ihn noch heute, wenn er daran denkt, dass er gerade von Schönefeld ins Mutterland des Kommunismus geflogen war. Am 9. November hatte er keine Zeit für Zeitung, Radio oder Fernseher. Er war total beschäftigt mit der Organisation eines Kongresses im ICC. Er hatte von den Ereignissen in Prag und Ungarn gehört, sie aber nicht bewusst wahrgenommen. Beim Abendessen saß er neben einer französischen Kollegin, die einfach sagte: „die Grenze ist offen“. Das konnte er nicht glauben, aber die Frau eines DDR-Kollegen bestätigte, dass sie gerade aus Ostberlin kam und, wie ihr Mann, einfach die Grenze überquert hatte. Das hat ihn sehr bewegt und er begriff, dass er seine Cousine, die er seit 1961 nicht gesehen hatte, endlich wiedertreffen konnte. Aber der Mauerfall hat sein Leben nicht verändert. Westberlin war für ihn sehr groß und wichtig geworden, und er hatte auf jeden Fall sehr viel oder sogar zu viel Arbeit in der Klinik. Für Westberliner ist dieser Teil der Stadt mehr wie ein Dorf: er konnte es einfach nicht verlassen, und er war auch gewöhnt an diese „Isolation“. Das Wichtigste für ihn war die Perspektive von Frieden für seine Kinder. Zur Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Mauerfall und dem Elysée-Vertrag war er sehr klar: es gibt keinen Zusammenhang, im Gegenteil. Frankreich und Großbritannien waren immer gegen die deutsche Wiedervereinigung. Seit 1960 haben die beiden Länder immer versucht, ein geteiltes Deutschland aufrecht zu erhalten. Nur die Amerikaner und Gorbatschow hatten verstanden, dass die neue Unruhe nicht vergehen würde. Berlien verglich diesen Vertrag mit dem deutsch-polnischen Vertrag von 1970: dieses Mal geht es nicht um Gebiete und Verwaltung, sondern um Einstellungen. Der Elysée-Vertrag hat es geschafft, Frieden und Besänftigung in Europa zu vermitteln. Man soll dennoch nicht glauben, dass es eine tiefe Freundschaft zwischen Adenauer und de Gaulle gab. Aber diese möglichen Differenzen haben nicht verhindert, dass sie gemeinsam diesen Vertrag unterzeichnet haben.  1965 ist Peter Berlien auch nach Frankreich gefahren: seiner Meinung nach machte es diesen Vertrag viel konkreter. Das Wesentliche in diesem Vertrag ist, die Menschen zueinander zu bringen. Politik bewirkt fast nichts. Aber Bildung und Reisen waren die Mittel, die Freundschaft zwischen den Völkern zu bauen: das ist eigentlich eine langwierige Arbeit. Eine andere Folge dieses Vertrags ist die Stabilisierung Westdeutschlands, die sich später nach Osten ausdehnen konnte.  Heutzutage spielt dieser Vertrag keine Rolle mehr. Er hat die Basis für ein vernünftiges Europa geschaffen. Er bleibt in unserem Kopf, aber seine Mission ist nunmehr ausgeführt. Seiner Meinung nach hat der erste Weltkrieg nicht 1914, sondern bereits 1912 angefangen mit dem Balkankrieg, den England und Russland um die Meerenge von Konstantinopel führten und der zur Zerschlagung des Osmanischen Reiches führte. Das Attentat in Sarajevo am 28. Juni 1914 war nur ein auslösendes Moment für den Eintritt Deutschlands in den Krieg. Dieser Krieg hat viele tiefe Wunden geschlagen, physisch und psychisch: Menschen wurden getötet, Strukturen zerstört. In vielen Ländern wurde den Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen, ihre Kultur wurde ihnen von außen genommen. Der Krieg hatte emotionale Auswirkungen, die viel Zeit brauchten, um zu verschwinden. Die Folge war danach fast „logisch“: die Zerstörungen schufen die Bedingungen für die Radikalisierung in Europa. Ohne diesen ersten Weltkrieg hätte man niemals den Nazismus und den Zweiten Weltkrieg geführt. Die Rolle des Krieges 1870/71 ist auch sehr wichtig. Seit dieser Zeit ist die Geschichte von Provokation zu Provokation gegangen: von der Proklamation des deutschen Reiches in Versailles 1871 bis zum Diktat des Versailler Vertrags 1918 hat jede Seite übertrieben. Rache erzeugt immer mehr Rache. Der Elysée-Vertrag konnte diesen Teufelskreis durchbrechen.   

Das Gespräch führte Marie Agard, Paris

Interview Sunhild von Bülow

Sunhild von Bülow

Die Tochter half der Mutter über die Mauer von West nach Ost

In alter Café-Haus-Manier machte ich das Interview mit Sunhild von Bülow im Café Südwind in Berlin-Charlottenburg. Sunhild von Bülow und ich haben zusammen im Herbst 1966 auf dem Friedrich-Schiller-Gymnasium in Preetz/Holstein das Abitur abgelegt.  

Sunhild von Bülow kam am 24.01.1948 auf Gut Wittmoldt bei Plön als Älteste von vier Schwestern und einem Bruder zur Welt. „Familienforschung war nie mein Ding. Mein Vater war aufgrund seiner sozialen Einstellung in seinen Adelskreisen nicht beliebt.“

„Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Ich studierte in Heidelberg, bin dann nach Berlin und entdeckte für mich die Psychologie. Heute habe ich immer noch eine gut gehende Praxis. Durch meine Tochter bin ich fünffache Großmutter, einem Mädchen und vier Jungen.“

Am 9. November 1989 saß die Familie von Bülow in Berlin in der Wohnküche, als das Radio aus der Pressekonferenz von Günter Schabowski berichtete. Sein Kernsatz war die sofortige Reisefreiheit der DDR-Bürger. Die Frauen und der Mann waren so begeistert und schämten sich ihrer Tränen nicht. Mutter und Tochter stürmten in der Dunkelheit zu Fuß los zur Mauer. „Uns war, als hielte Berlin den Atem an. Autos haben wir weder gehört noch wahrgenommen. Endlich waren wir am Brandenburger Tor. Viele Menschen tanzten auf der Mauerkrone. Meine Tochter half mir, auch auf die Mauer zu klettern (von West nach Ost). Von hier aus sah ich auf der Ostseite Menschen völlig euphorisch tanzen. Ich wollte auch dabei sein.“ „Ich umarmte die Volkspolizisten und gab dem einen oder anderen auch einen Kuss auf die Wange. Plötzlich war alle Abneigung, ja auch manchmal Hass, den ich den Volkspolizisten gegenüber aufgrund ihrer Transitschikanen empfunden hatte, wie weggeblasen.“ –  In dieser Nacht wimmelte Westberlin von Menschen aus Ostberlin. Die U-Bahnen waren so überfüllt, dass sich völlig Fremde auf den Schoß eines anderen setzten.

Woher kam die Euphorie der Menschen? Sunhild meint, es war eine Massenpsychose, positiver Stress mit einem Überschuss an Adrenalin. „Aufgrund dieser Konstellation konnte meine Tochter mich auch über die Mauer heben.“

Die Veränderungen nach der Maueröffnung waren offensichtlich. Die Stadt Berlin (insbesondere West-Berlin) war nicht mehr die Insel der Seligen, gemütlich, friedlich und ruhig, sondern sie wurde hektisch, laut und aufgeregt. Die Insel, die Westberlin gewesen war, wurde überflutet. Von Ost nach West und West nach Ost ergossen sich Menschenströme, die allerdings schon Monate vor dem 9. November 1989 begonnen hatten durch die über Ungarn und Tschechien flüchtenden DDR-Bürger.

Beruflich gab es für Sunhild von Bülow keine Veränderungen. Sie hatte damals keine Klienten aus dem Osten. Aber privat gab es eine wichtige Auswirkung: Auf der „Insel Berlin“ sollte das Auto abgeschafft werden, aber jetzt war das Auto nützlich für die Ausflüge ins Umland und bis zur Ostsee. Viele Ausflüge dienten auch zu Treffen mit Familienmitgliedern, was vor dem Fall der Mauer nicht möglich war.

Der EU-Vertrag, sagt sie, war damals eine großartige Angelegenheit. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass die Freundschaft zwischen Franzosen und Deutschen wuchs. Den Prozess selbst, der zur Unterzeichnung des Vertrags durch de Gaulle und Adenauer führte, hat sie nicht bewusst miterlebt. Aber sie konnte an einem Schüleraustausch nach Tarbes (Südfrankreich/Pyrenäen) teilnehmen und hatte sich dort heimlich verlobt (und diese Verlobung erst nach 4 Jahren gelöst). Später nahm sie auch an unserer Klassenfahrt zum Skilaufen im Val d’Isère teil, die durch das deutsch-französische Jugendwerk sehr großzügig finanziell unterstützt wurde.Einen direkten Zusammenhang zwischen Elysée-Vertrag und Mauerfall sieht sie nicht, kann sich aber vorstellen, dass es einen indirekten Zusammenhang gibt, durch den der Boden für den Fall der Mauer geebnet worden war.
Über den Ersten Weltkrieg kann sie nicht viel mehr sagen als die Fakten, die sie in der Schule gelernt hat. Sie meint, dass ihr Großvater und ein Großonkel wahrscheinlich mit im Krieg waren; der Großonkel wurde oft „Hauptmann“ gerufen. Aber Näheres weiß sie nicht. Die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland/dem deutschen Reich vermutet sie im politischen Bereich, der ihr immer fremd war. Sie kann die Behauptung der Erbfeindschaft auch nicht nachvollziehen, weil an den Höfen und beim Adel Französisch die Hof- und Adelssprache war. Und wer auf sich hielt, beschäftigte eine französische Gouvernante für die Kinder.
Beate Lau und Sunhild von Bülow

Beate Lau und Sunhild von Bülow

Interview Reiner Deutschmann

Reiner Deutschmann und Gattin

„Lessing war immer mein Weggefährte.“

Im Café Einstein Unter den Linden in Berlin-Mitte trifft sich die Prominenz. Wir haben dort mit Reiner Deutschmann das Interview geführt.

Am 29. Juni 1953 hat Reiner Deutschmann in der Lessingstadt Kamenz in Sachsen das Licht der Welt erblickt. Er besuchte das Lessing-Gymnasium bis zum Abitur. An der Humboldt-Universität zu Berlin studierte er Geschichte und Geographie für das Lehramt und arbeitete 11 Jahre lang, bis zum Sommer 1989, als Diplomlehrer. 1987 begann seine politische Karriere mit dem Eintritt in die NDPD in der DDR, die nach der Wende mit zur FDP Gesamtdeutschlands verschmolz. Als 1989/90 der Umbau der Verwaltung begann, stieg er in die Kommunalverwaltung in Kamenz ein und  war seit 1990 als Beigeordneter – das ist in Kamenz der stellvertretende Bürgermeister – 18 Jahre lang unter anderem zuständig für Schule, Sport, Kultur und Kindertageseinrichtungen. Er überzeugte den Stadtrat, die Kulturverwaltung von Kamenz und alle städtischen Kultureinrichtungen 1995 als eine der ersten Kommunen in Deutschland in einen Eigenbetrieb zu überführen und wurde 1998 Betriebsleiter des Kulturbetriebes Lessingstadt Kamenz. Der Umsatz des Kulturbetriebes von 2 Mio. Euro entsprach ca. 10 Prozent des städtischen Haushaltes, bei etwa 40 Prozent Eigenerwirtschaftung. Trotzdem wurde der Kulturbetrieb als Eigenbetrieb 2009 wieder „abgewickelt“ – er war wohl zu innovativ.

Das Jahr 2009 war für Reiner Deutschmann das Jahr der Wahlkämpfe: er war engagiert im Wahlkampfgeschehen zum Sächsischen Landtag, zum Bundestag und zur Europawahl sowie bei der Kommunalwahl. Am 27.09.2009 wurde er zum Mitglied des Bundestages gewählt.

Am 9. November 1989 befand sich Reiner Deutschmann in Kamenz. Er war mit der Generalprobe für den Karneval am 11.11.1989 beschäftigt.  

So bekam er von den Geschehnissen in Berlin nichts mit; schließlich hatte er nicht einmal ein Telefon zu Hause, einen Festanschluss erhielt er erst im Dezember 1989. So hörte er erst am Morgen des folgenden Tages davon. Der 11.11. war dann eine verrückte Veranstaltung und die ganze Karnevalstruppe wirkte wie befreit. Es war großartig. Eine bessere DDR wollte man schaffen; an einen Zusammenschluss dachte da noch niemand.

Staatliche Stellen wollten sich im Vorfeld bezüglich der Inhalte in die  Karnevalsvorbereitungen einmischen. Im Jahr 1988 hatte er an einer Großveranstaltung in Dresden teilgenommen, wo vieles zum Besten gegeben wurde, was der Stasi nicht gefiel. So wurde er auch im Frühjahr 89 wieder vorgeladen, weil sein Engagement für den Karneval bekannt war. Laut Programm sollte Neptun – Reiner Deutschmann hatte es geschrieben und spielte Neptun in der Hauptrolle – aus Hamburg über Elbe und Schwarze Elster nach Kamenz kommen. Ab dem Grenzübertritt war ständig ein Herr mit schwarzem Mantel und Hut auf der Bühne präsent. So ging es dann auch in mehreren Veranstaltungen über die Bühne.

In der Wendezeit nahm Reiner Deutschmann als Liberaler an diversen Runden Tischen teil und machte viele Erfahrungen für seine zukünftige Arbeit in der kommunalen Politik und Verwaltung.

Der Elysée-Vertrag war für Reiner Deutschmann damals nicht wichtig und vorher kein Thema in seinem Geschichtsstudium. Das änderte sich erst im Deutschland nach dem Mauerfall, weil der europäische Gedanke auch den Osten Deutschlands erreicht hatte und die neue Generation endlich auch im Sinne des Elysée-Vertrages erzogen wurde. Für den Fall der Mauer sieht Reiner Deutschmann diesen Vertrag nicht als ursächlich an.

Befragt nach den beiden Weltkriegen, erzählte Reiner Deutschmann, dass sein Großvater im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz bekommen hatte. Über die Gefühle seines Großvaters zum Krieg konnte er nichts sagen, da er bereits Anfang der Sechziger Jahre starb.

Sein Vater wiederum war im Zweiten Weltkrieg freiwillig zur Luftwaffe („zu den Fliegern“) gegangen. Auch über dessen Gefühle weiß er nicht viel. Sehr mitgenommen hatte ihn, dass sein Freund direkt neben ihm fiel. Auch er selbst wurde zweimal verwundet. Der Vater hat alles Mögliche, vor allem Schriftstücke aus dem Krieg und auch aus der Zeit davor aufgehoben. So existiert noch ein Großteil seiner Feldpostbriefe.

Reiner Deutschmann ist davon überzeugt, dass der Erste Weltkrieg nicht zwangsläufig hätte kommen müssen. Kaiser-Deutschland wollte wachsen, wollte weitere Kolonien erwerben, baute so eine Flotte auf, um den Briten die Seeherrschaft streitig zu machen. Und es gab noch die Erbfeindschaft mit Frankreich aus dem Krieg 1870/71, durch die Ausrufung des Deutschen Reiches in Frankreich und die hohen Reparationszahlungen. Dazu kam der Konflikt zwischen Russland und Österreich-Ungarn, den die deutsche Politik auch als ihren betrachtete. Es fehlten ernsthafte politische Bemühungen, schließlich war Bismarck als Vermittler zwischen Deutschland und Russland nicht mehr präsent. Im Resultat all dessen war der deutsche Generalstab vom Erfolg eines Blitzkrieges im Westen überzeugt.

Die Folgen des Krieges und der Vertrag von Versailles wiederum lösten durch die hohen Reparationsforderungen die Konflikte nicht, sondern trugen mit dazu bei, dass neuer Kriegshass geschürt werden konnte, den die Nationalsozialisten als Begründung für den Beginn des Zweiten Weltkrieg nutzten.  

Lessings Fingerzeig

Beate Lau im Gespräch mit Reiner Deutschmann
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Interview Rolf Eden

Immer Umschwärmt – Rolf Eden

Die Männer sind auf der Welt, um die Frauen glücklich zu machen.

Jeder fragt sich vielleicht, wie es ist, mit einer berühmten Persönlichkeit zu sprechen.  Ich habe die Gelegenheit gehabt, mit Rolf Eden zu sprechen, dem größten Playboy Deutschlands. Jeder kann auch fragen: Wieso? Weshalb? Warum? Wir waren bei ihm zu Hause, und in seiner vertrauten Umgebung haben wir ihm Fragen gestellt.

Er heißt Rolf Eden und ist 1930 in Berlin-Tempelhof geboren. Obwohl er sehr reich und der Playboy Nr. 1 in Deutschland ist, hat er keine Ausbildung. Er hat nur gelernt, wie man Geld verdienen kann. Er ist als Playboy geboren, das hat er im Blut, und er wird auch als Playboy sterben. Man kann nicht lernen, ein Playboy zu sein; es ist eine Gabe. Sein ganzes Leben hat er nichts für seine Bildung getan, nur Geld und mehr Geld verdient. Er hat sechs Lokale am Kurfürstendamm gehabt und besitzt ca. 800 Wohnungen. Er hat bis jetzt auch 36 Filme gedreht, aber seiner Meinung nach ist er kein guter Schauspieler.

Bevor er bekannt und reich wurde, hat er mit anderen Jobs angefangen. Das erste Mal, dass er Geld verdiente, war in Frankreich, als Taxifahrer in Paris. Dort hat er auch als Kellner gearbeitet. Und er hat musiziert.

Er ist 1956 wieder nach Berlin gekommen, als es eine Rückkehrprämie von 6.000 Deutsche Mark gab. Jeder Berliner bekam diesen Geldbetrag, wenn er nach Berlin zurückkehrte. Aber was ihn von anderen unterscheidet, ist, dass er nur nach Berlin gekommen war, um das Geld zu holen. Er ist wieder nach Paris gefahren, wo er wegen der Mädel bleiben wollte. Die Stadt war für junge Leute ein Magnet. Und außerdem spielte er dort oft Klavier, Saxophon und Schlagzeug.

Aber Berlin zog ihn wieder an. Schon 1957 eröffnete er am Kurfürstendamm seinen ersten Nachtclub, dem weitere folgten. Er prägte in den 50er und 60er Jahren die Nachtclub-Szene in Berlin.

Am 9. November 1989 befand sich Rolf Eden in Paris, fuhr aber sofort nach Berlin zurück, als die Information über den Mauerfall ihn erreichte. Der Mauerfall bedeutete etwas Wichtiges für seine Geschäfte. Er war auch in Ost-Berlin bekannt, denn viele Menschen sind von Osten gekommen. Er fühlte in dieser Zeit ein richtiges Glück. Trotzdem bedeutete es für sein persönliches Leben keinen richtigen Wandel, obwohl er nicht abstreitet, dass er dort viele hübsche Mädchen getroffen und auch viel „amore“ gefunden hat. Es war gut für seine Gesundheit, da Sex für Männer sehr gesund ist.

Als wir ihn fragten, was er über den Elysée-Vertrag denkt, sagte er, er habe keine Ahnung. „Ich kümmere mich darum nicht“, meinte er auch vom erstem Weltkrieg.

Das Gesprächs wurde dann wieder auf die persönlichen Fragen gerichtet. Ich wollte wissen, wer seine erste Liebe war, und er antwortete nur: „gute Frage“. Sein ganzes Leben ist von Sex und anderen „Kleinigkeiten“ zusammengesetzt. Er hat heutzutage eine Freundin, und was er für sie fühlt, hat Eden niemals für jemand anders gefühlt. Er ist richtig verliebt.

Trotzdem wurde er nach der Heirat gefragt und er meinte, dass die Heirat die blödeste Sache ist und man als Playboy nicht heiraten sollte. Man kann sich verlieben und Sex haben. Und das hat er gemacht. Er hat jetzt sieben Kinder und alle von verschiedenen Frauen. Am meisten hat mich überrascht, dass alle zusammen eine gute Beziehung zu Daddy halten. Zwischen den Kindern und Eden gab es niemals großen Streit. Er bezahlte ihre Ausbildung und unterstützte sie so viel wie möglich. Die Folge davon ist Harmonie und Glück. Seiner Meinung nach ist es ein schönes Gefühl, viele Kinder zu haben.

Andererseits war ich neugierig zu wissen, was er normalerweise macht. Er hat immer etwas vor. Wenn er nicht mit Frauen zusammen ist, geht er z. B. gern ins Kino oder trifft sich mit Bekannten oder Freunden. Er hat immer etwas zu tun: Einladungen zu Veranstaltungen, usw. Aber Eden versucht immer, Frauen zu haben und sie ins Bett zu nehmen. Damen sind sehr nett, sagt er. Und Männer können nie zu alt werden, um mit Frauen zu sein. C’est la vie.

Seiner Meinung nach ist es schwierig, zwei Frauen zu lieben, deswegen hat die heutige Freundin seine Priorität. Allerdings ist sie kein Hindernis für ihn, um mit anderen Frauen zu schlafen. „Es ist nur Sex, keine Liebe.“

Sein Geheimnis, sozusagen, ist es, den Mädels Wodka und Sekt im Salon seines Hauses anzubieten, während er Klavier spielt. Wenn die Frauen schon den Effekt des Alkohols spüren, hört er auf, selbst Klavier zu spielen und stellt die Automatik ein. Dann, „ voilà“, der Trick hat Erfolg.

Er liebt es, Mädchen zu beschenken. Männer sind da, um Frauen zufrieden zu machen. Er macht sich Sorgen nur darum, dass es den Frauen gut geht. Er schenkt ihnen Sachen, von denen er weiß, dass sie sie brauchen und nutzen, oder es sind Dinge, die sie sich nicht leisten können. Eden sagt: „Ich bin geboren, um die Damen zu verwöhnen.“

Im Gespräch. Viele Fragen offen.

Text Karen Diaz
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Interview Prof. Dr. Falko von Falkenhayn

Im Gespräch

Polnische Weissagung in Krakau:
„Wir sind für die Wiedervereinigung Deutschlands.“

Wir haben Prof. von Falkenhayn in Dahlem getroffen.

Er wurde am 19. Februar 1940 in Berlin geboren. An der Gottfried-Keller-Oberschule in Charlottenburg hat er sein Abitur gemacht. Das Wirtschaftsstudium hat er mit einem Diplom abgeschlossen und danach in Philosophie promoviert. Seine Schwerpunkte waren Philosophie, Wirtschaft und Management. Er hat viele Unternehmen kennen gelernt: Bosch als Abteilungsdirektor, BMW als Bereichsleiter, Vorstand war er bei Lufthansa und dann bei der Deutschen Lotto in Berlin. 

Der 9. November 1989 war für ihn ein ganz normaler Arbeitstag in Frankfurt/Main. Wieder zu Hause am Abend, hat er den Fernseher angemacht. Er war überrascht von den Bildern des Mauerfalls. Er erinnert sich, dass er zuerst gedacht hatte, wie viele Deutsche in diesem Moment, dass es nur eine Situation für einen Tag war. Er hatte auch überlegt, dass das Problem nicht gelöst war: solange die russischen Truppen in Berlin waren, konnte seiner Meinung nach keine Freiheit existieren. 

Er war ein paar Monate früher in Krakau zu einer Gedenkveranstaltung für den zweiten Weltkrieg gewesen. Die Polen, die er dort getroffen hatte, hatten ihm gesagt: „Wir sind für die deutsche Wiedervereinigung, denn solange russische Trupen in Deutschland stationiert sind, sind sie es auch in Polen.“ An diesen Satz hat er sich am 9. November erinnert: er war Realität geworden. Er war sich des Bedürfnisses nach Luft und Freiheit bewusst, aber er dachte auf keinen Fall, dass die Freiheit wirklich gesiegt hatte.

Als die Mauer fiel, gab es für ihn zwei große Veränderungen. Sein Vater hatte in den 50er Jahren nach der Wiedervereinigung von Österreich gesagt: „Deutschland ist jetzt eigentlich dran, wiedervereinig zu werden. Ich werde es nicht mehr erleben, aber vielleicht du.“ Bis zum Mauerfall war er selbst überzeugt, dass er diesen Moment nie erleben würde. Seine Schwiegermutter hatte keine Reisefreiheit bis 1989. Erst nach dem Mauerfall konnten sie sich wieder treffen: er ist nach Berlin umgezogen.

Auf die Frage nach dem Elysée-Vertrag ist seine Antwort ganz klar: Vor allem die Amerikaner haben Deutschland gerettet und geholfen, wieder auf die eigenen Füße zu kommen. Aber die Tatsache bleibt, dass dieser Vertrag eine große Bedeutung für Deutschland und Frankreich und für Europa hatte und immer noch hat. Der Zweite Weltkrieg wich einer Zeit für Demokratie, Wohlstand und Frieden. Der Vertrag hat den Kern einer festen europäischen Gemeinschaft begründet.

Die Auswirkungen dieses Vertrags sieht er nicht so positiv. Frankreich, das sein Schicksal fest an Deutschland gebunden hat, wollte seiner Meinung nach keine deutsche Wiedervereinigung. Wie der berühmte Schriftsteller Mauriac während des kalten Krieges gesagt hat: „Ich mag Deutschland so, dass ich zwei Deutschland vorziehe.“ Er zitierte auch den Präsidenten Mitterrand, der versuchte, die Wiedervereinigung zu blockieren. Man hat den Eindruck, dass er den Elysée-Vertrag grundlegend für Europa hält, aber bewusst betont, dass Deutschland inwzischen auch ein sehr gutes Verhältnis zu vielen anderen Ländern in Europa, insbesondere auch Osteuropa, hat. Er ist trotz seiner Anklagerede gemäßigt, wenn er sagt, dass man aufpassen soll, um Andere nicht zu schnell zu beschuldigen. Er dachte an Präsident Hollande, der progressiver ist und eine ganz andere Vision von Europa hat als sein Vorgänger Herr Sarkozy.

Prof. von Falkenhayn hat auch viel zu sagen über den Ersten Weltkriegs, der vor 100 Jahren begann: ein Verwandter war im Ersten Weltkrieg preußische Kriegsminister und später Chef des Großen Generalstabs, der während der Schlacht um Verdun sehr verantwortlich war. Er hatte die Idee des Stellungskriegs und der Ermattungsstrategie im Westen entwickelt. Im Osten wollte er ebenso keine großen Bewegungen ins russische Reich, weil er das militärische Scheitern Napoleons vor den Toren Moskaus vor Augen hatte. Prof. von Falkenhayn ist froh, dass zu allen Kriegsgegnern des Ersten und Zweiten Weltkriegs ein freundschaftliches Verhältnis besteht.

Ehepaar von Falkenhayn

Text von Marie Agard
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Interview Eckhard Feddersen

Kaum wieder in Berlin, fuhr ich zur Mauer.

Herrn Eckhard Feddersen habe ich zu Hause besucht
und mit ihm das Gespräch auf seiner herrlichen Terasse geführt.

Eckhard Feddersen ist 1946 in Husum geboren, ist verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkel. Er ist Architekt und spezialisiert auf Sozialbauten, auch auf altersgerechtes Wohnen und Leben, „universal design“ genannt. Er hat zeitweilig in Amerika gearbeitet, spricht fließend englisch. Französisch hat er nur ein Jahr lang im humanistischen Gymnasium in einer Arbeitsgemeinschaft gelernt.

Am Nachmittag des 9. November 1989 war Eckhard Feddersen in Hannover, wo er in der Architektenkammer einen Vortrag halten musste. Schon während der Veranstaltung wurden Stimmen laut, dass sich in Berlin etwas tue. Mit dem letzten Flugzeug aus Hannover war er gegen 22:00 h in Berlin. Als er dann am Flughafen in Berlin ins Taxi stieg, fuhren bereits die ersten Trabis auf der Straße.

 Er war aufgeregt; es war für ihn unglaublich, was da passierte. Kaum zu Hause angekommen, wollte er sofort los zur Mauer. Aber das ging nicht; seine Frau und die Kinder waren noch nicht bereit. So ging er erst am 10. November morgens um 6:00 h über den Kurfürstendamm, der schon oder noch zu der Zeit voller Menschen war, auch voller Flaschen … Und ihm fiel auf, dass das Menschengewühl ganz vorwiegend in blau und beige gekleidet war: blaue DDR-Jeans und beige Anoraks. Und alles mutete an wie ein Festgelage …

Und immer wieder wurde Eckhard Feddersen nach Geld gefragt, wurde gebeten, mit Geld zu helfen. DDR-Geld konnte man nicht tauschen; Karten für den Geldautomat bei der Bank hatten die DDRler nicht. Er hat manche 5 DM verschenkt.

Eckhard Feddersen ist weiter bis zum Brandenburger Tor gelaufen. Und dort ist er gegen 8:00 h dann auf die Mauer geklettert, zusammen mit seiner ältesten Tochter Maria. Dieser Augenblick war für ihn emotional unbeschreiblich. Er hatte das Gefühl, dass sich die ganze Welt drehen wird.

Änderte sich das Leben von Eckhard Feddersen? „Eigentlich nicht“, sagt er, „Dahlem blieb mein Rückzugsgebiet.“ Auch beruflich änderte sich nicht viel, aber seine Arbeitswelt erweiterte sich immens. Er gründete die Gesellschaft Ost-West-Plattform, und die explodierte förmlich. Noch im November organisierte er ein Treffen mit Ostberliner Architekten im Hamburger Bahnhof, um gemeinsam mit ihnen Ost- und Westberlin „zusammen zu nähen“, wie sie es nannten. Was sollte mit der Mauer geschehen? Die Ostberliner Architekten waren in der politischen Diskussion geschult. Eckhard Feddersen setzte sich für die Gedenkspur durch die Stadt ein, wollte auch Erinnerungen an die DDR aufrecht erhalten, z. B. den Palast der Republik stehen lassen. Dieser war von dem Architekten Graffunder erbaut worden, einem kleinen Mann mit großer Energie und voller Warmherzigkeit, mit dem Eckhard Feddersen bis zu dessen Tode eine gute Freundschaft verband.

1990 organisierte er den Besuch von Ost-Architekten und besuchte mit ihnen Westberliner Architekturbüros, um ihnen einen Einblick in die Freiberuflichkeit zu geben und Kontaktmöglichkeiten zu schaffen. Die Treffen wurden vom Berliner Senat finanziert.

In der nächsten Phase sollten die Architektenverbände zusammengelegt werden. Nach vielen Diskussionen fand nur noch eine schreckliche Abwicklung durch den Westen statt. Vielen Architekten wurde damit die Lebensbasis entzogen. Auch die Akademie Bau wurde abgewickelt. Der Leiter der Akademie, Herr Grönewoldt, nahm sich das Leben. Es waren grausame Folgen. Es gab keinen lockeren Umgang mit den anstehenden Entscheidungen, alles lief nach westlich ideologischen Maßstäben. Allerdings hatte auch niemand vorher gewusst, wie viele maßgebliche Leute zur Stasi gehörten. Über entsprechende Informationen der „Aktuellen Kamera“ hatte Eckhard Feddersen nur gelacht.

So hatte er nach dem Fall der Mauer unendlich viele Termine. Er wurde auch Mitglied im Stadtforum mit den verschiedenen Bänken. Und da er gerade 40 Jahre alt und auf dem Höhepunkt des Lebens war, hatte er dazu auch alle Kraft der Welt, wie er sagte. Er hat fünf Jahre lang an allen Sitzungen teilgenommen.

Der Elysée-Vertrag von 1963, Kultur- und Jugendaustauschvertrag, schien für ihn keinen großen Einfluss auf sein Leben gehabt zu haben. Aber im Laufe des Gesprächs  kamen immer mehr bildhafte Erinnerungen. Er erinnerte sich an das Treffen von Adenauer und de Gaulle in Colombey-Les-Deux-Eglises, zwei steife alte Herren, die nebeneinander saßen in de Gaulles Privathaus. Als sensationell erinnert er sich an de Gaulles Besuch bei Adenauer, als beide im offenen Auto fuhren, der eine mit der Generalsmütze, der andere mit dem Schlapphut. Vom deutsch-französischen Schüleraustausch hat Eckhard Feddersen nicht direkt profitiert, da die französische Sprache nicht im Lehrplan seiner Schule stand.

Einen Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall sieht Eckhard Feddersen schon. Er weiß, dass die Franzosen auch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Elysée-Vertrag noch Angst hatten vor einem starken Deutschland wegen seiner dominanten Mittellage in Europa. Der Mauerfall weckte somit alte Ängste, die nur bei den Engländern unter Margret Thatcher noch viel stärker waren. Der Elysée-Vertrag hat nach Eckhard Feddersens Meinung dazu beigetragen, dass die Franzosen sich weniger gegen die Wiedervereinigung wehrten als die Engländer.

Über den Ersten Weltkrieg hat Eckhard Feddersen in seiner Familie manches erfahren. Die Großväter nahmen an beiden Weltkriegen teil. Sein Großvater väterlicherseits war Freimaurer.

Sein Großvater mütterlicherseits war Spieß (Oberfeldwebel) im Ersten Weltkrieg und musste sich um das „Wohlbefinden“ seiner Soldaten kümmern. Er hat viel über beide Kriege erzählt, und es gibt im Familienarchiv dazu viele Fotos. Eckhard Feddersen hat den Großvater noch zu Pferde, zu Fuß etc. vor Augen. Die Erzählungen bezogen sich auf das Ende des Krieges, nicht auf den Beginn oder den Verlauf. So ist dieser Großvater von Frankreich bis nach Husum zu Fuß gelaufen über Hamburg und Kiel. Auf dem Weg begegnete er aufständischen Soldaten, die in Frankreich wie er „die Knochen hingehalten“ und deutsche Werte verteidigt hatten. Diese Werte aber verfielen immer mehr. Die Soldaten suchten die Verbindung zu dem Großvater. Dieser organisierte sich im „Stahlhelm“ und gehörte somit zur „Gründungsmasse“ der SA der Nazis.

Von seiner Mutter lernte Eckhard Feddersen viele Lieder, in denen über das deutsch-französische Verhältnis gesungen wird oder auch über den Kampf um das Elsass.

Auf Nachfrage zu seiner beruflichen Spezialisierung auf altersgerechtes Wohnen und Leben erzählte Eckhard Feddersen von seinem Projekt Rohrlack. Zu seinem Lebensziel gehört es zu beweisen, dass ein vernünftiger sozialer Grundgedanke ohne wirtschaftliche Vorteile gute Ergebnisse bringen kann. Somit ist es eine Aktion neben dem Beruf, die er sich vornimmt und die ihn glücklich macht, wenn sie zu einem guten Ende führt.

Rohrlack ist ein kleines Dorf in Brandenburg, nördlich von Berlin. Es war die tüchtige Bürgermeisterin dieses Dorfes, die Eckhard Feddersen in das Projekt hineingetrieben hatte. Um das Dorf zu retten, verhandelte er mit der Treuhand, was die Bürgermeisterin „nicht konnte“. Die Treuhand spielte mit und verkaufte ihm alles, was zum Dorf, einer ehemaligen LPG, gehörte. In Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern und einer Gruppe sozial engagierter Eltern mit behinderten Kindern wurden die Häuser restauriert, die Scheunen zu Wohnungen und Ateliers umgebaut, auch neue Häuser gebaut. Zu einem sehr frühen Zeitpunkt schon gab es einen großzügigen Spender.

Das Dorf und die Eltern der behinderten Kinder wuchsen zusammen und bilden heute noch ein gutes Team. Die behinderten Kinder wurden die Kinder des Dorfes, d. h. sie konnten mal bei der einen, mal bei der anderen Familie wohnen. Es wurden für sie Werkstätten und Arbeitsplätze geschaffen. In kleinen Schritten wurde dieses Projekt zum Erfolg geführt. Es kommen immer noch viele Einzelteile zu dem Gesamtprojekt dazu.

Eckhard Feddersen war und ist der Mittelpunkt dieses Projekts. Auch hier hat er viele Stunden und viel Arbeit investiert. Mit der Zeit aber konnte er den Dorfbewohnern helfen, die Häuser zu kaufen und die Dorfbelange in die eigenen Hände zu nehmen. Damit wurde das Gewicht von seinen Schultern genommen. Er ist weiterhin Konfliktlöser in dieser Gemeinschaft, aber nicht mehr belastet von den alltäglichen Dingen. Er ist glücklich über die Entwicklung und hat einmal mehr bewiesen, dass man einen sozialen Gedanken aufnehmen und etwas daraus machen kann. Er sieht, dass man auch Zwischenmenschlichkeit wieder beleben kann. Das Dorf hat Selbstbewusstsein entwickelt. Eine Gruppe erarbeitet in mehreren Schritten einen historischen Abriss über das Dorf. Die erste Phase geht von der Gründung bis 1914, dann von 1914 bis 1989, und über die neuere Zeit sammelt die Gruppe weiterhin alle Zeugnisse.


Beate Lau im Gespräch mit Eckhard Feddersen

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Interview von Gabriele Fliegel

Gabriele Fliegel


Frau Fliegel kennt fast alle in Spandau.

Die Konditorei Fester am Markt von Spandau ist ein sehr angenehmer Ort, um sich zu treffen. Und nach einem guten Frühstück ist man noch fröhlicher darüber, ein Interview zu machen. Dort haben wir Gabriele Fliegel kennengelernt. Geboren am 5. April 1946, ist sie in Rellingen in der Nähe von Hamburg aufgewachsen. Ihre Familie betrieb eine Baumschule; sie hat zusammen mit Eltern und Geschwister im Betrieb gearbeitet.

Sie studierte Ökotrophologie an der Universität in Hamburg, dann Kunst und visuelle Kommunikation. Fünfunddreißig Jahren lang unterrichtete sie an einer Hauptschule in Spandau. Alle ihre Schüler kamen zu einem Schulabschluss, und sie kümmerte sich auch um Ausbildungsplätze für die Schüler. Seit zehn Jahren ist sie Vorstandsvorsitzende bei der Vereinigung Wirtschaftshof in Spandau. Dieser private Verein wurde 1949 gegründet. Mitglieder sind große Betriebe wie mittlere und kleine Unternehmen. Frau Fliegel arbeitet Hand in Hand mit dem Bezirksamt Spandau. Die Ziele sind, die Wirtschaft zu stärken, aber auch Kunst und Wirtschaft zu verbinden. Sie wollen ein größeres „Wir-Gefühl“ für die Altstadt Spandau schaffen. Sie versuchen, die Ladenbesitzer dazu zu bringen, sich zu verbinden, zusammen zu kämpfen. Das Motto heißt: „Spandauer, kauft in Spandau.“ Sie ist auch zuständig für den Wochenmarkt und ihre GmbH für den Weihnachtsmarkt.

Als wir sprachen, grüßte sie viele Leute auf der Straße: Frau Fliegel kennt fast alle in Spandau.

Am 9. November 1989 war sie abends zu einer Lehrerfortbildung. Um halb neun traf sie sich in einer kleinen Gaststätte, dem Pfälzer Stübchen, mit ihren Mann: sie hatten zusammen die Gewohnheit, sich dort zu treffen, wenn sie keine Lust mehr hatten zu kochen. Die befreundete Wirtin empfing sie mit den Worten: „Die Mauer ist gefallen.“ Die erste Reaktion von Frau Fliegel war sehr weise: „Man soll darüber keine Witze machen.“ Die Wirtin zog sie zum Fernseher, und da sah sie, dass die Nachricht richtig war. Die ganze Nacht haben dann alle zusammen in der Kneipe das Ereignis gefeiert.

Am folgenden Tag hatte ihr Mann eine Verabredung im KaDeWe, und sie begleitete ihn. Viele Ost- und Westdeutsche unterhielten sich im Kaufhaus, kauften aber nichts. Eine solche Stimmung hat sie nie wieder erlebt.

Als Konsequenz des Mauerfalls hat Frau Fliegel einen Austausch mit einer Ostschule in Falkensee organisiert. Ein halbes Jahr später unterrichtete sie dann drei Monate lang Kunst und Englisch an dieser Schule, während eine Falkenseer Lehrerin an der Spandauer Schule unterrichtete. Mit den Schülern beider Schulen haben die Frauen dann einen Ausflug nach Templin organisiert. Von jeder Schule nahmen daran drei Lehrer teil, außerdem fünf Künstler. Über diese kommunikative und kreative Woche haben sie zusammen ein Buch geschrieben und eine Ausstellung gemacht.

Der Wandel war auch total für sie: sie hatte nie geglaubt, dass eine solche friedliche Revolution möglich sein würde. Und sie konnte sich nicht vorstellen, dass diese Revolution im Osten schon so gut vorbereitet wurde. Es waren nicht die Militärs, sondern die Menschen, die diesen Wandel erlaubt haben. Berlin war von der Welt abgeschnitten, wie eine Insel. Der Markt in Spandau wurde zu einem Zentrum für die Begegnung von Ost- und Westdeutschen. Der Todesstreifen, der z. B. Spandau und Falkensee trennte, ist inzwischen zu einem Fahrradweg ausgebaut worden.  Frau Fliegel wohnt jetzt in Falkensee/Brandenburg.

Der Elysée-Vertrag ist für ihre Generation eine Errungenschaft, durch die Frankreich und Deutschland gute Freunde geworden sind. Sie war schon sehr früh auf der anderen Seite des Rheins und fühlt sich seither dort immer zu Hause. Ihrer Meinung nach ist der Elysée-Vertrag eine „Vorbereitung“ des Mauerfalls. Und heutzutage ist diese Freundschaft immer wichtiger, vor allem mit dem Auftauchen von neuen Fragen: zum Beispiel Jugendarbeitslosigkeit, Globalisierung usw. Die alten Feinde sind jetzt zuständig für diese Problematiken in Europa. Sie sollen zusammen einen neuen Weg finden, immer kreativer werden.

Die letzte Frage ist oft die schwierigste. Über den ersten Weltkrieg kann man eigentlich nur Familiengeschichten erzählen oder politische Meinungen ausdrücken. Bei Frau Fliegel hat der Großvater im Ersten Weltkrieg gekämpft. Im Allgemein findet sie es unverständlich, dass die Menschheit nicht von den Erfahrungen und Erlebnissen des Krieges gelernt hat. Obwohl es keine einfache Lösung gibt, kann sie sich nicht vorstellen, wie Diktaturen zum Beispiel noch unschuldige Menschen in den Kampf führen können. „Krieg sollte verboten sein“ war ihr Abschluss.

„Frauen Gespräche“

Text Marie Agard

Interview Michael Geier

Botschafter Michael Geier

Ansporn für die Fortsetzung des Friedenswerkes

Wir sprachen im Café Südwind (Berlin-Charlottenburg) bei selbstgebackenem Kuchen und frischem Kaffee mit Botschafter a. D. Michael Geier. Michael Geier ist im vorletzten Kriegsjahr 1944 in Paderborn/Ostwestfalen geboren und nach Zerstörung der Stadt auf dem Land bei Wewelsburg aufgewachsen. Er ist seit 1979 mit einer Brasilianerin verheiratet und hat drei Kinder.

Er hat 1964 sein Abitur in Grevenbroich gemacht. Nach einer begonnenen Augenoptikerlehre kam er zum Jurastudium nach Bonn und setzte es in Kiel und Freiburg fort. Während dieser Zeit ging er zu Arbeits- und Studienaufenthalten nach Afghanistan und Kolumbien. Nach dem zweiten Staatsexamen 1972 bewarb er sich für den Höheren Auswärtigen Dienst. Ab 1974 hat er dann in den Generalkonsulaten in São Paulo und Rio de Janeiro (Brasilien) gearbeitet. Zwischendurch folgten Tätigkeiten in den Botschaften von Kingston und Buenos Aires, dann in Maputo (Mosambik), als Botschafter in Ouagadougou (Burkina Faso), in Tunis, Rom, und schließlich wieder als deutscher Botschafter in Seoul (Südkorea) und Sofia (Bulgarien). Mehrfach hat er zwischen den einzelnen Botschafts- und Botschafterentsendungen in verschiedenen Stellungen im Auswärtigen Amt gewirkt. Seit 2009 ist er im „Un-Ruhestand“.

Von 1988 bis 1990 war Michael Geier Ständiger Vertreter in der deutschen Botschaft in Tunis. Dort befand er sich auch am 9. November 1989. In den Botschaften war die Erwartung, dass sich etwas bewegen würde in der DDR, natürlich groß, und so erreichte ihn die aktuelle Nachricht vom Fall der Mauer, als er mit Freunden aus anderen Botschaften vor dem Fernseher saß. „Wir haben alle geweint.“ „Wir haben uns wie jedes Jahr auf den vier Kriegsgräberfriedhöfen bei Tunis versammelt und die Toten geehrt. Aber wir haben ihnen auch von der Wiedervereinigung erzählt. Dieses Erlebnis war für uns der Ansporn für die Fortsetzung des Friedenswerkes.“

Das Leben von Michael Geier hat sich durch den Mauerfall nicht grundsätzlich verändert, aber er wurde für weitere 16,675 Mio. Deutsche zuständig. Die Botschaften der DDR waren über Monate gar nicht mehr amtlich über die Entwicklungen in Deutschland informiert. Ein MTS-Mann der DDR-Botschaft in Tunis, der der SED viel zu verdanken hatte, saß ihnen beinahe „auf dem Schoß“ und konnte es nicht fassen, was da entschieden worden war. Auch der DDR-Botschafter selbst war fassungslos. Er stand kurz vor seiner Rente und hatte sich im Laufe der Zeit im Ausland alle Dinge angeschafft, die in der DDR teuer oder nicht zu bekommen waren. Durch den Mauerfall und noch stärker durch die Wiedervereinigung ging seine Kalkulation dann nicht mehr auf, auch nicht die über niedrige Lebenshaltungskosten in der DDR.

Der Elysée-Vertrag, erklärt Michael Geier, ist eigentlich kein völkerrechtlicher Vertrag, sondern nur eine politische Erklärung. Herr Geier war von 1990-1993 im Auswärtigen Amt u. a. als Frankreichreferent tätig und hat in dieser Zeit die jährlichen Gipfel mit vorbereitet, die den Elysée-Vertrag wieder mit Leben erfüllten. An diesen Gipfeln in der Zeit von Bundeskanzler Kohl und Präsident Mitterand, der Außenminister Genscher und Dumas hat er auch teilgenommen. Michael Geier ist aber überzeugt, dass die Franzosen nie völlig negativ zur Wiedervereinigung Deutschlands gestanden haben. Frankreich hat aber, wie andere befreundete Staaten, Reparationsforderungen auf den deutschen Tisch gelegt, was nach dem Londoner Schuldenabkommen nach einem Friedensschluss mit Deutschland möglich gewesen wäre. Aus diesem Grund trägt das 2+4-Abkommen auch nicht den Titel Friedensvertrag. Forderungen privater Kriegsopfer und ihrer Nachkommen vor ausländischen Gerichten sind bisher an der deutschen Staatenimmunität gescheitert. In der politischen Diskussion werden auch staatliche Forderungen zum Beispiel nach Honorierung der griechischen Zwangsanleihe wieder erhoben, bisher immer ohne Erfolg.

Zum Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren verweist Michael Geier darauf, dass Bundesaußenminister Westerwelle einen Sonderbeauftragten für die Gedenkveranstaltungen zum Beginn des Ersten Weltkriegs ernannt hat, Ministerialdirektor Meitzner. Er selbst ist mit den Kriegsfolgen des Ersten Weltkriegs befasst gewesen. Es musste zum Beispiel noch existierendes Giftgas und anderer Kriegsschrott, der in Europa und den Meeren um Europa vorhanden war, fachgerecht entsorgt werden. Und er meint, dass in einigen westlichen Staaten die Zeitenwende mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs in der kollektiven Erinnerung tiefere Spuren hinterließ als die Schrecklichkeiten des Zweiten Weltkriegs, der vor allem als Fortsetzung des Ersten Kriegs empfunden wird.

Autorin Beate Lau und Botschafter M. Geier

Text Beate Lau
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Interview Annemarie Gerzer-Sass

Annemarie Gerzer-Sass

Die zwei Staaten waren für mich „normal“.

Man soll sich nie zu weit von seinem Büro entfernen: deshalb haben wir Annemarie Gerzer-Sass vor dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend getroffen.

Geboren in München, ist sie jetzt 65 Jahre alt. Nach dem Studium von Wirtschaft und Sozialwissenschaften in München, Berlin und Bonn sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte begann sie zu arbeiten als freie Mitarbeiterin bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich um bürgerliche und politische Bildung von Deutschen kümmert. Dann begann sie ihre Karriere als Familienforscherin am Deutschen Jugendinstitut (DJI), einem anerkannten Forschungsinstitut in München. Heute leitet sie das Projekt „Mehrgenerationenhäuser“ des Bundesfamilienministeriums. Das Ziel ist, Einrichtungen zu entwickeln, die nicht nur für eine, sondern für vier Generationen offen sind.

Glücklich für uns, kann sie sich genau erinnern, was sie am 9. November 1989 gemacht hat. Sie saß mit ihrer Familie, Freunden und Söhnen zusammen und hörte die Nachricht aus dem Fernseher. Sie ist sofort in den Keller gegangen und hat eine Flache Champagner geöffnet. Sie sind sich in die Arme gefallen und waren in Tränen aufgelöst. Ihre Kinder waren noch klein und konnten nicht richtig verstehen, was los war, aber sie haben wie die Anderen an der Freude teilgenommen. Frau Gerzer-Sass hat auch versucht, Freunde anzurufen, hat sie natürlich nicht erreicht. Sie und ihre Kollegen vom Institut haben am nächsten Tag in einer Versammlung entschieden, zwei Busse zu mieten, um nach Berlin zu fahren. Sie wollten dieses enorme Ereignis zusammen erleben. Aber sie kamen dort nicht an; die Straßen waren  völlig verstopft ….

Champagner, Tränen, Busse … Das war für sie eine große emotionale Begeisterung. Sie ist noch heute sehr bewegt, wenn sie von diesem Ereignis spricht.

Für sie waren die zwei deutschen Staaten ein Zustand, mit dem sie aufgewachsen war. Und weil sie nichts anderes kannte, konnte sie sich eine Wiedervereinigung nicht vorstellen. Vielen Leuten in der Bundesrepublik war nicht bewusst, wie kaputt die DDR war. Was war der richtige politische Weg? Frau Gerzer-Sass hatte große Debatten mit ihren Freunden: Sollte man sich für die Wiedervereinigung entscheiden oder der DDR eine Chance geben? Der Weg war nicht so einfach.

Trotzdem hatte sie schon die Sprengkraft mitbekommen, die in der DDR existierte. Ihr Mann war in Leipzig gewesen und hatte die Demonstrationen gesehen. Er konnte fühlen, mit welcher Kraft die Leute auf der Straße eine Veränderung wollten.

Nach dem Mauerfall ist sie durch die neuen Bundesländer gefahren. Das war wichtig für sie, diesen für sie neuen Teil Deutschlands kennen zu lernen. Sie hatte keine Familie im Osten gehabt.

Ihrer Meinung nach hat vor allem Gorbatschow die Veränderungen möglich gemacht. Frankreich und Großbritannien hielten sich im Hintergrund wegen der uralten Angst vor einem großen und – wieder – bösen Deutschland. Ronald Reagan hat auch eine große Rolle gespielt, weil er den Aufstand in der DDR unterstützte. Er hat darin den Sieg des Kapitalismus über den maroden Sozialismus gesehen.

„Ab diesem Moment hat mein Leben sich verändert,“ erzählt sie: zuerst beruflich. Alle  neuen Bundesländer sollten integriert werden in Deutschland. Auch für das Deutsche Jugendinstitut in München gab es eine Änderung. Das Deutsche Jugendinstitut der DDR in Leipzig wurde als Forschungsinstitut nicht anerkannt, sondern als politische Organisation der  SED gesehen. Die Idee von Frau Gerzer und ihren Kollegen war, ihre Kollegen aus dem Ostinstitut in das Team des Westinstituts zu integrieren. Sie war persönlich berührt von der sich anbahnenden Ungerechtigkeit. Als Vorsitzende des Institutsrates hat sie es geschafft, dass 30 Ostkollegen übernommen und die Außenstelle Leipzig eingerichtet wurde.

Ihrer Meinung nach sind der Mauerfall und der Elysée-Vertrag miteinander verbunden. Deutschland sollte in das europäische Konzept eingebunden werden. Das war endlich mit dem Elysée-Vertrag geschehen. Es gab in Europa noch Angst vor Deutschland, das schon so stark geworden war. Aber dieses Mal war die Kraft wirtschaftlich. Die Angst kam wieder mit dem Mauerfall: Deutschland war wiedervereinigt und hatte sein Gebiet erweitert. Aber das Verhalten war anders: das Ziel war es jetzt, den Nachbarn zu zeigen, dass man friedlich bleiben wollte. Das Land hat sich völlig engagiert, um eine Europapolitik zu entwickeln, die dem Frieden verbunden ist.

Der Elysée-Vertrag ist ihrer Meinung nach eine „grandiose Versöhnung“: die Erzfeinde, die so viele Kriege wie den Krieg von 1870/71 und die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert gegen einander geführt hatten, behaupteten, dass die Idee der Feindseligkeit überholt war. Es wurde von De Gaulle und Adenauer sehr gut eingeleitet und hat der Beziehung neue Strukturen gegeben. So entstanden auf der Ebene der Zivilgesellschaft z. B. das deutsch-französische Jugendwerk und viele Städtepartnerschaften.

Ihr letztes Fazit: Es kann kein Krieg mehr sein zwischen beiden Ländern.

Marie Agard
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Interview Maurice Gourdault-Montagne
Ambassadeur de France

Maurice Gourdault-Montagne
Ambassadeur de France

„Ich entdeckte mich selbst …!
In diesen Kulturen und in  den anderen Sprachen

Der Botschafter der Französischen Republik in Deutschland, Maurice Gourdauld-Montagne, hat uns zu einem Interview in der Französischen Botschaft am Pariser Platz empfangen. Wir bedanken uns auf diesem Wege sehr herzlich für das Gespräch.

Maurice Gourdault-Montagne wurde am 16. November 1953 in Paris geboren und wuchs im 12. Bezirk auf. Nach dem Abitur hat er Politische Wissenschaften, Jura und östliche Sprachen (Hindi und Urdu) und auch Deutsch studiert. Die beiden östlichen Sprachen hat er gewählt, nachdem es ihn nach dem Abitur für gut zwei Monate nach Indien verschlagen hatte. Er hat dort viele positive Erfahrungen gemacht, war von der bunten Vielfalt fasziniert, ebenso von der – nicht religiösen – Vitalität der indischen Völker. Diese Eindrücke hat er vor 36 Jahren gesammelt.

Sein Vater und seine beiden Großväter waren Offiziere und hatten eine sehr hohe Achtung vor der deutschen Kultur.

Maurice Gourdault-Montagne lernte Deutsch während eines zweimonatigen Ferienkurses in Freiburg im Breisgau. Es war für ihn eine gute Zeit. Es bereitet ihm Vergnügen, sich in unterschiedlichen Kulturen zu bewegen: er entdeckt sich selbst an diesen Kulturen und den anderen Sprachen.

Abgeschlossen hat er sein Studium mit einem Diplom am Institut für Politische Wissenschaften in Paris, sein Jurastudium mit der Maîtrise, einem Deutsch-Zertifikat an der Sorbonne und einem Diplom für Hindi und Urdu. Seine Karriere begann im französischen Außenministerium, wegen seiner Sprachkenntnisse wurde er Botschaftssekretär in Neu-Delhi, später Botschaftsrat in der Französischen Botschaft in Bonn, Botschafter in Tokyo und London, und seit März 2011 ist er Botschafter in Berlin. Im Februar 2012 wurde er in den Rang eines ‚Ambassadeur de France’ erhoben.

Die Wiedervereinigung Deutschlands führte ihn persönlich in die neuen Bundesländer. „Dort spürt man etwas anderes, einen anderen Wind …“ sagt der Botschafter. „Wir – damit ist wohl Europa gemeint – müssen gemeinsam etwas Neues schaffen.“

Den Stellenwert des Elysée-Vertrags schätzt der Botschafter sehr hoch ein. Dieser Vertrag ist für ihn Auftakt und Vollendung des Neuen, der Versöhnung. Adenauer und de Gaulle waren mutig mit ihrer Entscheidung. Das 50. deutsch-französische Jubiläum hat gezeigt, dass die Völker Netzwerke aller Art geschaffen haben, dass aber vieles gepflegt werden muss. Z. B. müssen, seiner Meinung nach, die Städtepartnerschaften erneuert und verjüngt werden. Es gibt 2.500 Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Frankreich. Deutschland und Frankreich müssen vorangehen, denn ohne diese beiden Länder gibt es keine kritische Masse in Europa. Beide Länder zusammen müssen Europa weiter bauen, müssen die Gleichgültigkeit vieler Menschen aufbrechen. Deutschland und Frankreich müssen gemeinsam arbeiten, Europa weiter vorantreiben wegen der Herausforderungen von morgen. Und diese Gemeinsamkeit braucht jeden Tag Pflege.

De Gaulle hat schon gesagt: Der Kommunismus wird nicht ewig halten. Er hat auch gegen die Blöcke gearbeitet, aber nie gegen die Verbündeten. Er wollte ein starkes Europa aufbauen, zu dem Adenauer als Vorschlag eingab: man müsse eine Stabilität erreichen. Keiner dieser beiden Herren aber hatte die Idee der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Am 9. November 1989 befand sich Maurice Gourdault-Montagne in Bonn vor dem Fernseher und hat die Zettel von Herrn Schabowski gesehen. Was er dazu hörte, jagte ihm eine Gänsehaut über den Körper. Würde es eine Bedrohung durch die Russen geben? Er nahm aber auch die Bilder auf, die Familien zeigten, die sich nach 40 Jahren wiedersahen – und Deutschland weinte.

Autorin Beate Lau und Maurice Gourdault-Montagne Ambassadeur de France

Die Furcht vor den Deutschen, vor einer Wiedervereinigung, war bei Mitterands Generation noch vertreten, bei der des Botschafters nicht mehr. Er hat keine Bedrohung gespürt.

Text Beate Lau
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Interview Marita Gründler

Marita Gründler

„Der Austausch ist für mich eine Reise in eine andere Gedankenwelt.“

Frau Marita Gründler und ich haben uns am Alexanderplatz in Berlin-Mitte getroffen und das Gespräch geführt. Sie wurde 1960 in Aachen geboren und ist dort aufgewachsen. Jetzt lebt sie mit ihrer Familie bei Bielefeld (NRW). Von Beruf ist sie selbstständige Kauffrau.

Am 9. November 1989 lebte sie in einer ländlich-dörflichen Gegend in Hessen. Sie hatte schon in den Monaten vorher die Geschehnisse in Ungarn und in Prag im Fernsehen intensiv verfolgt. Sie weiß auch noch, dass die Züge, die die Menschen aus dem Osten aus der deutschen Botschaft in Prag in den Westen brachten, ganz langsam durch die DDR geleitet wurden, um den Ausreisenden das Herz besonders schwer zu machen, wenn sie an ihren Häusern, Dörfern oder Städten vorbeifuhren, wo sie natürlich nicht mehr aussteigen konnten.

Und durch die fortlaufende Beschäftigung mit den Geschehnissen hat sie auch die Maueröffnung direkt im Fernsehen gesehen. Sie bekommt noch heute eine Gänsehaut, wenn sie an das Geschehen denkt. Sie sagt, sie hat mitgeweint, sie erinnert sich an den Mauerfall als an ein sehr intensives Erlebnis, an den Jubel der Westler und das Frohsein der Ostler. In dem kleinen Ort, in dem sie wohnte, stellten die Bewohner, als die Ostler die Bundesrepublik „eroberten“, so viele Kerzen in die Fenster wie sie Übernachtungsplätze für die Ostler zur Verfügung hatten.

Hat sich ihr Leben durch den Mauerfall verändert? „Ja“, sagt Marita Gründler, „weil das Bewusstsein für meine minimale geografische Kenntnis der DDR und später der Ostländer mich stark bewegt hat.“ Die Ostler dagegen kannten sich in der Geografie der BRD nach ihren Erfahrungen sehr gut aus. Für die jüngeren Westdeutschen hörte die Welt an der Grenze, dem Eisernen Vorhang, immer auf, besonders wenn man weder Verwandte noch Bekannte im anderen Teil Deutschlands hatte. Sie hatte aber in Aachen eine alte Lehrerin, die ihren Schülerinnen insbesondere Berlin sehr genau beschrieb und näher brachte. Kurios war nur, dass diese Lehrerin Berlin nie gesehen hatte.

Nach dem Mauerfall ist Marita Gründler öfter nach Erfurt, Leipzig und Weimar gefahren und hat über die Jahre die Veränderungen gesehen. Auch ihr Mann hatte geschäftlich in den neuen Bundesländern zu tun und hat ihr viel über die Unterschiede und die Veränderungen erzählt. Sie ist immer noch sehr froh über die damalige Entwicklung, auch wenn sie nicht mit allen Auswirkungen einverstanden ist.

Der Elysée-Vertrag war und ist für Marita Gründlers Leben sehr bestimmend gewesen. Sie hat das Bild von zwei alten Männern vor sich, die Visionen für die Jugend schufen. Marita Gründler hat seit ihrem 12. Lebensjahr an den neu geschaffenen Austauschprogrammen teilgenommen in Aachens Partnerstadt Reims. Sie hat zwar zu Anfang auch noch Anfeindungen durch die Franzosen erlebt, aber der überwiegende Teil ihrer Erfahrungen dort war positiv. Sie findet es schade, dass heutzutage das Interesse an der französischen Sprache stark zurückgegangen ist und immer weniger Schulen Französisch als erste Fremdsprache anbieten. Ihre beiden Söhne hat sie in der Tradition des Jugendaustauschs erzogen und viele Jahre lang Austauschschüler aus den europäischen Ländern auf der Basis von Gegenseitigkeit aufgenommen. „Der Austausch ist für mich immer noch eine Reise in andere Gedankenwelten,“ sagte Marita Gründler sehr nachdenklich.

Für sie ist auch der Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall offensichtlich. Sie glaubt, dass die Akzeptanz der Wiedervereinigung bei den Franzosen auf der Basis des Elysée-Vertrags und durch die positiven Erfahrungen seit 1963 eine große Rolle gespielt hat. Er hat geholfen, das Bild des Feindes im Osten abzubauen. Ungeschmälert sieht sie aber auch die Verdienste Russlands in der Person eines weitsichtigen Gorbatschows.

Zum Ersten Weltkrieg hat sie weder eine persönliche noch eine familiäre Beziehung. Sie weiß, dass die Soldaten damals mit Begeisterung in den Krieg gezogen sind und glaubten, dass der Krieg im gleichen Jahr zu Weihnachten beendet sein würde. Aber es wurde ein langer Krieg, es wurden erstmals Massenvernichtungswaffen eingesetzt, es gab einen Kriegstreiber Ludendorff und einen eitlen Kaiser. Der Vertrag von Versailles war dann ebenso eine Katastrophe und führte zur Herrschaft Hitlers und zum Zweiten Weltkrieg. Diese Fehler wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gemacht; man hatte gelernt, dass auch der Feind eine Möglichkeit braucht zum Überleben. Letzten Endes war der Elysée-Vertrag Ausdruck dieser neuen Konsequenz durch die Vision von Adenauer und de Gaulle.

Ludendorff war nicht nur Kriegstreiber im Ersten Weltkrieg, er hat auch lautstark Juden, Jesuiten und Freimaurer für die Niederlage des Krieges verantwortlich gemacht. Dann tauchte er ab und erst 1923 wieder auf, als er mit Hitlers Kreisen auf die Feldherrenhalle in München zu marschierte. Seine Hetzreden wurden durch den Verlag seiner Frau verbreitet; dazu gehören Schriften gegen die Freimaurer, die auch heute noch publiziert werden.

Das Ausbluten des deutschen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg war ein großer Fehler der Gewinner. Es war dann Gustav Stresemann (deutscher Außenminister), der zusammen mit Aristide Briand, die beide Freimaurer waren, Deutschland in den Völkerbund zurück brachte.

Freimaurer sind in Deutschland selten als Einzelpersonen verfolgt worden. Allerdings wurden die Logen von den Nazis geschlossen oder „aufgelöst“. Einige Freimaurer haben aber dafür Sorge getragen, dass die Unterlagen und Ausstattungen der Logen versteckt wurden. Leider gab es auch Freimaurer, die sich einer Verfolgung entzogen haben, indem sie sich den Nazis andienten.

Ich wollte von Marita Gründler wissen, ob und, wenn ja, welche Auswirkungen der Mauerfall auf die weibliche Freimaurerei hatte. Sie begann mit einem historischen Überblick.

Aktive Frauen in Berlin gründeten 1949 eine Loge, die von den Großmeistern der Bruderlogen „in Arbeit gesetzt“ wurde. Aufgrund des Inselstatus Berlins hat es dann 30 Jahre gedauert, bis die ersten Frauenlogen in Düsseldorf und Wetzlar gegründet wurden. Damit waren es drei weibliche Logen bundesweit; eine Voraussetzung zur Gründung einer Großloge als Dachverband. Danach wurde Schritt für Schritt mit dem Aufbau weiterer Logen begonnen. Marita Gründler ist zur Zeit Großmeisterin der Frauen-Großloge von Deutschland.

Nach dem Mauerfall gab es eine Veranstaltung der Freimaurerinnen in Dresden. Das Interesse bei den Besucherinnen dort war vorhanden, aber relativ verhalten. Die Dresdnerinnen scheuten wahrscheinlich Bindungen an eine Organisation. Seit vier Jahren bilden sich Interessengruppen (Vorläufer zu Logen) in Weimar, Meiningen und Dresden. Die im Jahr 2012 in Potsdam gegründete Loge (Märkisches Mosaik) ist daher die erste Loge in den neuen Bundesländern. Historisch gesehen gibt es für die Arbeit der weiblichen Freimaurer im Zusammenhang mit dem Mauerfall wenig Anknüpfung an die Vergangenheit, sondern mehr Arbeit in die Zukunft.

Text Beate Lau
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Interview Joachim Haack

Joachim Haack

Beim Besuch de Gaulles in Hamburg war schulfrei.

Kaum hatten die Vertreter von Capital und IfD die Bundespressekonferenz verlassen, da begannen wir das Interview mit Joachim Haack. Er hatte die Pressekonferenz zum Elite-Panel organisiert.

Geboren am 05.04.1950 in Hamburg, ist er dort auch aufgewachsen und bis heute geblieben. Nach dem Besuch des Wirtschaftsgymnasiums hat er eine Ausbildung zum Werbekaufmann gemacht und Kommunikationswissenschaft studiert. Seine erste berufliche Tätigkeit führte ihn ins Medienhaus, in die Abteilungen Anzeigen und Vertrieb. Er hat dann in einer internationalen Werbeagentur gearbeitet, in einem US Medienhaus, in einer Stabsstelle für Public Relations beim Vorstand der BAT, dann bei Gruner & Jahr. 1991 hat er sich selbständig gemacht mit der PR-Agentur Publikom. Er berät Unternehmen, erstellt Bewertungen, Logistik und Finanzkonzepte.

Am 9. November 1989 war er auf dem Weg nach Hause von einer Geschäftsreise. Er hat die ersten Bilder vom Mauerfall im Fernsehen gesehen. Das war für ihn ein enormes emotionales Erlebnis. Zwei Tage später kamen die ersten Trabis in Hamburg an: ein zweiter Schock für ihn. Immer blieben zwei unterschiedliche Gefühle übrig: Ungläubigkeit und Freude. Er hatte sich ein solches Ereignis nie zuvor vorstellen können.

Beruflich gab es für ihn keinen Wandel. Er hat trotzdem mit seiner eigenen Art an der Wiedervereinigung teilgenommen. Zum Beispiel war er im Redaktionsbüro eines Wirtschaftsmagazins, das eine besondere Beilage für östliche Unternehmer gegründet hatte. Es handelte sich darum, diese Leute über das kapitalistische Prinzip zu informieren. Das war eine Hilfe, um sie besser in das westliche System zu integrieren und konkurrenzfähig zu machen.

Den Mauerfall und den Elysée-Vertrag kann man seiner Meinung nach nicht miteinander vergleichen.

Er vergisst den Besuch von De Gaulle in Hamburg nicht. Aus diesem Anlass hatte er schulfrei. Er war noch jung, aber sehr überrascht über die Popularität des französischen Präsidenten, so früh nach dem Krieg. Er bemerkt dazu, dass er aus einer gebildeten Familie kommt. Es war zu jener Zeit eine Ausnahme in Deutschland, so bewusst von dieser deutsch-französischen Annäherung Kenntnis zu haben.

Der Elysée-Vertrag legte den Grundstein zur europäischen Union und zur Eurozone. Er half den beiden Ländern, sich anzunähern und sich besser zu verstehen. Das Jahr 1963 war in dieser Hinsicht ein wesentlicher Schritt „für unser kleines Europa“.

Seine Familie war vom Ersten Weltkrieg nicht persönlich betroffen. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, sehr früh über die Verachtung von Menschen schockiert zu sein, noch mehr über den Einsatz von Gas. Seiner Meinung nach war Weihnachten ein einziger Moment im Ersten Weltkrieg, wo die Soldaten ein bisschen Menschlichkeit und ein soziales Verhältnis wiederfanden.  

Den Mord von Sarajewo, der Auslöser war für den Beginn des Ersten Weltkriegs, hält er für einen manipulierten Grund, der das Durchsetzen territorialer Ansprüche verstecken sollte.

Im Gespräch

Text Marie Agard
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Interview Hans Joachim Heidenreich

Hans Joachim Heidenreich

An diesem besonderen Tag brauchten die Ossis kein Visum mehr …

Herr Hans Joachim Heidenreich hat uns in seinem schönen Garten auf dem Dach eines Gebäudes im Wedding empfangen. In der Mitte von Rosen und Zitronenbäumen haben wir zusammen diskutiert. Champagner hat uns am Ende geholfen …

Hans Joachim Heidenreich wurde am 30. Oktober 1937 in Schlesien geboren. Im Dezember 1945 verließ er mit seinen Eltern die Heimat und kam nach Mecklenburg. Nach Beendigung seiner Schulzeit 1951 ging er bis 1954 in die Lehre und wurde Feinblechschlosser. Im August 1955 ging er dann in den Westen, nach Köln. 1956 meldete er sich freiwillig zum Militär, erwarb dort berufsbegleitend erst die mittlere Reife und wurde Funkoffizier. Über eine Reifeprüfung erwarb er das Sonderabitur und die Berechtigung zum Studium an der Universität Münster. Er entschied sich aber für ein Fernstudium, das er als Diplom-Versicherungskaufmann 1968/69 abschloss. Als Versicherungsmakler hat er sehr viel Geld verdient, diesen Beruf aber 1975 aufgegeben, weil er nicht nur Geld verdienen, sondern mehr „erleben“ wollte. Er schaute sich in Wien und München das Filmgeschäft an und beschloss, seine eigenen Studios für Film und Musik in Berlin aufzubauen. Auch hier war er sehr erfolgreich und international bekannt. So war er z. B. tätig als Intendant des europäischen Musikfestivals 1984 in Warschau. Jetzt im Alter hat er sich auf die Musikproduktion beschränkt und den Filmbereich aufgegeben.

Am 9. November 1989 war er unterwegs von St. Peter-Ording nach Berlin. Er hatte ein großes Projekt laufen. Zu der Zeit lebte er in Westberlin, aber offiziell auch in Warschau. So hatte er ein Transitvisum, mit dem er einfach von Ost nach West fahren konnte. Aber an diesem besonderen Tag brauchten „Ossis“ kein Visum mehr. Auf der Autobahn nach Westberlinsah er schon weit vor der Grenze lange Schlangen von Trabis und Menschen. Heute noch, wenn er an diese Menschen denkt, die damals das erste Mal im Westen ankamen, hat er Tränen in den Augen. Er erinnert sich noch genau an ein junges Paar, das mit seiner kleinen Tochter in den Westen fuhr: ein Polizist, der an der Grenze war, ließ sie fast lässig durchfahren. Sie waren einen Tag vorher Fremde: jetzt wurden sie wieder Mitbürger. Er wünscht jedem jungen Menschen, ein solches Ereignis zu erleben.

Über die Wiedervereinigung kann er nur Kanzler Kohls Taten anerkennen. Er schien etwas fast Unmögliches zu schaffen, aber seiner Meinung nach hat der ehemalige Bundeskanzler es sehr richtig gemacht. 

Der Elysée-Vertrag brachte ihn dazu, auf die Zeit Napoleons zurückzugehen. Seit dieser Zeit sind Deutschland und Frankreich nur feindlich verbunden gewesen. Der Wiener Kongress 1815 und dann der Krieg 1870/71 haben diese Animosität verstärkt. Auch das Ende der Dynastie Napoleons hat nicht dazu beigetragen, diesen Teufelskreis zu stoppen. Es ging weiter bis zum Beginn des ersten Weltkriegs. Das Ziel des Elysée-Vertrags war es, Frieden und Sympathie zwischen diesen beiden Ländern zu begründen. Der Vertrag war eine der Voraussetzungen für die Gründung und später Vertiefung der europäischen Gemeinschaft.

Seine Analyse über den Beginn des ersten Weltkriegs ist, dass das Allianzen-Spiel eine große Rolle gespielt hat: solange Bismarck an der Macht war, hatte Deutschland zu Russland gute Beziehungen, während Frankreich und England eine starke koloniale Politik führten. Mit Kaiser Wilhelm II änderte sich die Situation: Deutschland störte die kolonialen Pläne von Frankreich und England in Afrika und auch in Asien. Das half diesen Ländern, Deutschland besser zu schätzen: das Reich war mit Militarismus und großer Macht immer verknüpft. Die Freundschaft mit Russland verschwand mit Bismarcks Abschied: der Zar hatte dann keine Pflicht mehr gegenüber Deutschland. Alle diese Ereignisse führten zum ersten Weltkrieg. Die Ursprünge sind doch sehr tief und alt.

über den Dächern von Berlin

Text Marie Agard
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Interview Dirk Hennig

Dirk Hennig


Dieses „brutale“ Ereignis war erfolgreich.

Im Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz haben wir Herrn Dirk Hennig getroffen.

Am 10. Februar 1968 wurde er in Großröhrsdorf, in der Nähe von Dresden, geboren. Nach einem Technikstudium in Dresden mit einem Ingenieur-Diplom begann er, in der Firma PWC zu arbeiten. Er hat dort seine ganze Karriere geschafft. Er kümmert sich um Beratung, Bewertung und Wirtschaftsprüfung für Unternehmen. Er bildet auch Bilanzen ab und kann helfen, den Börsengang vorzubereiten. Die Verbindung zu seinem Studium ergibt sich, weil er mit dem Immobilienbereich beschäftigt ist.

Am Tag des Mauerfalls arbeitete er in der Universität in Dresden. Er hat die Nachricht aus dem Fernsehen bekommen und sofort seine Eltern und Freundin angerufen. Sein Plan war, am nächsten Tag nach Berlin zu fahren. Für ihn als Ostdeutschen kam dieses Ereignis sehr unerwartet, aber er hat sich sehr darüber gefreut. Er brauchte trotzdem mehr als eine Woche, um die Tragweite dieses Ereignisses völlig zu verstehen. Die Frage war: „Wie lange wird die Mauer geöffnet bleiben?“ Am Anfang war nur ein Segment von der Mauer geöffnet. Er wollte vorsichtig bleiben und sich nicht zu viel und zu früh freuen. Die russischen Soldaten waren natürlich noch in der DDR – sie verließen Ostdeutschland erst 1994 – sowie die Stasi und die Polizei. Für ihn konnte der Wandel nicht so schnell und brutal sein. Nach zwei Wochen war er endlich sicher, dass der Fall der Mauer sich nicht mehr umkehren lassen konnte. Kein Platz für Zweifel mehr. Es gab kein Zurück mehr, immer weniger nach der Wahl zur Volkskammer 1990 und den politischen Veränderungen. Trotzdem war der Abschied der Soldaten ein sehr langer Prozess.

Am 10. November 89 fuhr er nach Berlin (Ost) und verbrachte dort das Wochenende. Er kannte einen Geschäftsfreund seines Großvaters. Aber schon am Montag war das Leben wieder „normal“. Obwohl der Tagesablauf weiter gelaufen ist, hatten die Themen sich verändert.
Der Mauerfall war so für ihn kein großer Wandel. Die wichtigste Veränderung war wirtschaftlich: zum Beispiel war das Unternehmen seines Vaters 1972 verstaatlicht worden. 1990 sollten sie es, wie alle anderen östlichen Firmen, an die Marktwirtschaft anpassen. Sie investierten in neue Maschinen, kauften neue Produkte … Seiner Meinung nach, war dieses „brutale“ Ereignis erfolgreich.

Mit dem Elysée-Vertrag war die Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich endlich beendet. Das war wie der Mauerfall ein „kleines Wunder“, ein großer Schritt, um ein politisches Europa zusammen zu führen, obwohl die Politik beider Seiten oft unterschiedlich ist. Es gab endlich die Möglichkeit für Deutschland, sich in Westeuropa einzuwurzeln. Heutzutage, wenn Politik und Wirtschaft in Deutschland oder Frankreich nicht klappen, hat es einen Einfluss auf den ganzen Kontinent. Jedes Land hat die Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu entwickeln. Wir können so spekulieren: wäre die Wiedervereinigung gekommen ohne den Elysée-Vertrag?

1914 hat man einen Auslöser gesucht und leider gefunden. Die europäischen Länder haben sich zusammen in der Krise verstrickt. Man hat erfahren müssen, wie gefährlich eine Konfrontation zwischen Deutschland und Frankreich sein konnte. Das hat auf beiden Seiten viel dauerhaften Schaden angerichtet.

Wer schreibt? Der bleibt!

Text Marie Agard
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Interview Heike Herzog

Heike Herzog Opel

„Ich hatte schon die Pionierbluse gekauft …“

Im Büro im 19. Stocks eines Berliner Hochhauses trafen wir Heike Herzog. Von dort aus hatten wir einen wunderbaren Blick über die Dächer Berlins und auf die Regenwolken, die erst in der Ferne und dann direkt vor dem Fenster einen „Wasservorhang“ ausbreiteten.

Heike Herzog wurde am 1. August 1960 in Leipzig geboren. Sie besuchte bis zum Abschluss nach 10 Jahren die Polytechnische Oberschule Leipzig und machte dann ab ihrem 16. Lebensjahr bei der Deutschen Reichsbahn eine Berufsausbildung zur Wirtschaftskauffrau inklusive Abitur. Für die kombinierte Reifeprüfung und Facharbeiterprüfung erhielt sie eine sehr gute Note. Danach studierte sie von 1980-84 an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden und schloss die Ausbildung mit einem Prädikatsdiplom als Dipl.-Ing.-Ök. ab. Sie ist seit den frühen 80er Jahren verheiratet und hat eine jetzt 31-jährige Tochter. 

Von 1984-88 lebte sie mit Mann und Kind in Leipzig und arbeitete dort im Reichsbahnausbesserungswerk im Bereich Industrierobotereinsatz. An den rauen Ton dort musste sie sich als junge, unerfahrene Frau, als Neue, gewöhnen. Sie ist davon überzeugt, dass ihr das für den späteren beruflichen Werdegang sehr geholfen hat. Sie folgte ihrem Mann nach Berlin und arbeitete von 1988 bis Dezember 1990 im Zentralen Forschungsinstitut des Verkehrswesens Berlin. Die Familie wohnte in einer Neubauwohnung in Hellersdorf. Ihre kleine Tochter kam dort in die Schule.

Der 9. November 1989 verlief für sie völlig normal. Sie und auch ihr Mann gingen früh schlafen und hörten erst am nächsten Morgen, was sich in der Nacht zugetragen hatte. Sie hatte überhaupt nicht mit einer solchen Möglichkeit gerechnet: „ich hatte schon die Pionierbluse für meine Tochter gekauft …“, und diese Bluse gibt es immer noch. Dann schauten sie sich im Fernsehen die Nachrichten und Reportagen an und fuhren erst dann nach Westberlin. Das war aufregend und auch sehr schön. Sie bekamen jeder die 100 DM Begrüßungsgeld, und eine alte Dame aus Wilmersdorf schenkte ihnen auch noch 5 DM, was für die Ostler sehr viel Geld war. Sie kann sich noch erinnern, dass sie zuerst eine Flasche Granini und eingezuckerte Himbeeren gekauft hat.

Auf die Frage nach ihren Gefühlen zum Fall der Mauer war sie verhalten; sie erzählte, dass sie sich ein bisschen Sorgen machte, weil jetzt Rauschgift und Waffen gekauft werden konnten … und sie schaute auf die Nachbarn und ihr Tun. Erst kurz vor Weihnachten ging sie mit ihrer Familie zum Brandenburger Tor und durch das Tor hindurch und holte sich Mauersteine bzw. Stücke davon. Zuvor hatte sie das Brandenburger Tor nur aus der Ferne sehen können; etwa von dort aus, wo sich heute das Café Einstein Unter den Linden befindet.

Aber eine große Sehnsucht nach dem Westen hatte sie nicht. Sie freute sich über Mitbringsel von Tante Ruth aus Leipzig in Form von Penatencreme und Mandarinen. Solche Dinge brachte auch ein Freund aus Ungarn mit. Bis 1994 lebte sie in Hellersdorf, und erst dann fuhr sie das erste Mal nach Hamburg, nach Helgoland und auf die Insel Sylt.

Die Wende brachte für sie eine berufliche Veränderung. Da das Zentrale Forschungsinstitut des Verkehrswesens Berlin dem öffentlichen Dienst der DDR angehört hatte, wurden alle Mitarbeiter zur Überprüfung in den Wartestand gesetzt. Das war ihr zu langweilig und sie bewarb sich bei der Adam Opel AG. Sie wurde ab Januar 1991  Distriktleiterin Verkauf für Berlin, 1994 Leiterin in der Geschäftsentwicklung der Vertriebsregion Ost und wurde 1998 für ein Führungskräfte-Nachwuchsprogramm für drei Monate in die USA geschickt. Ihr Aufstieg bei der Adam Opel AG ging bis heute unaufhörlich weiter. Anschluss und Aufstieg in der westlichen Berufswelt ist ihr hervorragend gelungen: „Man muss immer mobil sein!“

Heike Herzog sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall: ohne Vertrag, meint sie, wäre die Vereinigung nicht zustande gekommen. Man muss miteinander reden und sich kennen, dann ist es gut. Das war auch die Grundlage für eine deutsch-russische Freundschaft, die sie in Leningrad und Moskau erfahren hat.

Zur Frage des Ersten Weltkriegs sieht sie Deutschland als Verursacher dieses Krieges. Ein Resultat daraus war der große Hass zwischen den Völkern aufgrund der Schrecken von Verdun und Metz. Dass aus diesen tiefen Wunden nach dem Zweiten Weltkrieg dann ein Kompromiss wachsen konnte, bedurfte großer Geister, die dies zustande brachten.

Heike Herzog und Beate Lau

Text Beate Lau
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Interview mit Heidi Hetzer

Heidi Hetzer Frau Opel

„Ich bleib Berlinerin, ich werde nie was anderes“
und „Geht nicht, gibt’s nicht.“

Mit schon 76 Jahren ist Heidi Hetzer eine wunderbare Frau. Sie hat sich dafür entschieden, die Welt kennen zu lernen. „Es ist nie zu spät“ sagt sie. Besser jetzt als nie. Die Berlinerin Heidi Hetzer, am 20. Juni 1937 geboren, wird eine Reise durch die Welt verwirklichen. Aber es ist nicht irgendeine Reise; mit ihrem blauen 83-jährigen Auto wird sie die gleiche Strecke fahren, die vor ihr Clairenore Stinnes in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gefahren ist.

Heidi Hetzer ist eine unternehmungslustige Frau, die die Schule abgeschlossen, aber kein Abitur gemacht hat.  Sie hat auch nicht studiert, sondern den Beruf der Kfz-Mechanikerin im Familienbetrieb erlernt. Als Frau Hetzer 21 Jahre alt war, ist sie von zu Hause weggelaufen. Sie wollte nicht nur die Tochter ihres (sehr bekannten) Vaters sein. Sie hat sich von einem Mechaniker aus dem Familienbetrieb ein bisschen Geld geborgt und damit im Wedding einen Raum gemietet, der Büro und Schlafplatz gleichzeitig war. Mit zwei VW-Käfern hat sie angefangen …

Kein Autohaus wollte sie unterstützten.

Um Geld zu verdienen, hat sie in einer Bar gearbeitet, obwohl so eine Arbeit damals einen schlechten Ruf hatte. Sie hat nur Getränke gemixt, sagt sie. Dann fand sie Arbeit in einer Zigarettenfabrik. Dort durfte sie aber nur als Aufseherin arbeiten, nicht nachts am Fließband. Das gefiel ihr nicht.

1958 entdeckte sie eine Marktlücke. Sie vermietete Autos, auch für die Nacht. Sie hat das über zwei Jahre gemacht. Aber in der damaligen Zeit brauchte man ungefähr 10 Jahre für den Aufbau eines Unternehmens. So gab sie auf und ging als nächstes in die USA, um an einem Austausch teilzunehmen. Als Mädchen, sie war gerade 24 Jahre alt, hatte sie es schwer, aber sie fand in der NADA einen Sponsor.

Sie brauchte eine Woche, um mit dem Schiff nach NY zu kommen. Als sie die „Statue of Liberty“ sah, war das für sie der beste Anblick ihres Lebens. Sie ist empfindsam, wenn die Erinnerungen in ihrem Kopf hochsteigen. Tränen der Freude fluteten ihre Augen.

Ihr Ziel war Kalifornien; mit ihrem VW Käfer ist sie über die Route 66 hingefahren. Sie erzählte, dass sie bei einem Portugiesen gearbeitet hat und dort sehr ausgenutzt wurde. Sie verdiente nur 124$ und musste bei der Sekretärin wohnen. Leider hat sie auch nicht viel gelernt. Sie wechselte noch zu einer deutschen Familie, bevor sie nach Virginia ging. Sie machte Zwischenstation in Seattle und arbeitete dort während der Weltausstellung auf dem Berlin-Stand.

Am Tag ihres Geburtstags ist sie zu schnell gefahren und wurde von einem Polizisten angehalten. In ihren Papieren sah er, dass es ihr Geburtstag war. Er hat sie weiterfahren lassen mit der Ermahnung, die Geschwindigkeit zu beachten. Sie ist schnell weggefahren.

Dann arbeitete Frau Hetzer bei Chevrolet mit einem Holländer und einem Dänen zusammen. In diesem Fall hat sie in jeder Abteilung etwas gelernt. Sie hat Werbung gemacht. Und dann begleitete sie ihre Geschichte mit dem Spruch: „Geht nicht, gibt’s nicht.“

Später hatte sie im Miami Beach Hotel die Gelegenheit bekommen, im Namen von NADA sieben Minuten lang vor 5.000 Autohändlern zu sprechen. Als das vorbei war, bekam sie Grüße von Willi Brandt. Es war unglaublich für sie.

Nach diesem Jahr im Ausland 1961/62 ist sie wegen ihres Verlobten nach Hause zurückgekehrt. Sie hat ihn aber nicht geheiratet. Stattdessen hat sie einen Amerikaner geheiratet und zwei Kinder mit ihm. Sie sind in die USA gezogen, wieder im Rahmen eines Austauschprogramms. Daran nahm ihr Mann teil, sie nicht. 1965 hat sie ihr Haus verkauft und ist nach Westberlin zurückgezogen.

Als ihr Vater 1969 starb, übernahm sie die Firma und führte das Opel-Autohaus bis 2012. Jetzt hat sie die Firma verpachtet, um durch die Welt reisen zu können. Noch eine kleine Information: Heidi Hetzer war Rallye-Fahrerin, sie ist die Rallye Paris-Dakar mehrfach mitgefahren. Sie liebt es immer noch.

Zur Projektfrage erzählt sie uns, dass der 9. November 1989 für sie ein Glückstag war. Sie nahm am Abend im Axel-Springer-Verlag bei der jährlichen Verleihung des Goldenen Lenkrads teil, als ein Mann herein kam und dem Vorsitzenden etwas zuflüsterte. Bürgermeister Momper verließ den Raum. „Die Mauer geht auf,“ hörte sie. „Wie geht denn der Witz weiter?“ hat sie damals gefragt. Dann verstanden fast alle, was gerade geschah. Sie haben geweint und sich in die Arme genommen. Die Westdeutschen waren weniger beeindruckt, sie wollten in die Disco. Heidi Hetzer ging zum Brandenburger Tor und an die Mauer. Sie wusste nicht, wie breit die Mauer war. Dann ist sie nach Hause gegangen und hat ihren Sohn geweckt. Er antwortete nur: „Mama, ich muss morgen eine Arbeit schreiben.“ Als sie ihm alles erklärt hatte, radelte er los und hat sich Andenkenstücke aus der Mauer herausgebrochen.

Am nächsten Tag ist sie nach Westdeutschland geflogen, weil sie ein Opel-Meeting hatte. Sie war überrascht, dass ihre Gesprächspartner nicht wussten, was an der Mauer passiert war.

Das Ereignis brachte keinen Wandel für ihr persönliches Leben. Sie hat trotz bester Angebote die Immobilie ihres Autohauses nicht verkauft. Diese Immobilie war einmal ein Traditionshotel, „Das Autohotel“ oder ein Motel. Frau Hetzer weiß, dass sich das Leben für die Anderen verändert hat, denn sie konnten z. B. reisen, was mit der Mauer nicht möglich gewesen war.

Auf die Frage nach dem Elysée-Vertrag antwortet sie nur, dass er für sie gar nichts bedeute. Sie glaubt, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Mauerfall und dem Elysée-Vertrag gibt.

Als sie nach dem Erstem Weltkrieg gefragt wird, erzählt sie, dass ihr Vater am Krieg teilnahm. Er war Auto- und Flugzeugmechaniker und wurde als Meldefahrer mit Motorrad eingesetzt. Sie erzählt von seiner Begeisterung: „Mensch, wenn der Krieg zu Ende ist, kaufe ich mir ein Motorrad.“

Als letztes, als wir in ihrem Auto sitzen und noch ein wenig erzählen, beschreibt sie ihre Vergangenheit und meint, dass sie in den amerikanischen Tagen wie eine Amerikanerin gelebt hat. Wenn Halloween oder Thanksgiving gefeiert wurde, nahm sie daran teil. Aber eine Sache hat sie klargestellt: „Ich bleibe Berlinerin, ich werde nie was anderes. Hier in Berlin kann man alle Kontraste beobachten: alt,  neu, usw. Es ist die schönste Stadt der Welt.“

Heidi Hezer vor ihrer Weltreise

Text Karen Díaz
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Interview Dr. Eva Högl

Dr. Eva Högl MdB

„Ich wünsche mir …!“
Frau Dr. Eva Högl, MdB, haben wir in ihrem Bundestagsbüro aufgesucht. Da zur Zeit Parlamentsferien sind, konnte sie sich für uns etwas Zeit nehmen, wofür wir ihr sehr dankbar sind. Nach dem Gespräch musste sie sich aber auch gleich wieder dem beginnenden Bundestags-Wahlkampf widmen.

Frau Dr. Eva Högl wurde am 1. Januar 1969 in Osnabrück/Oldenburg geboren. Sie ist verheiratet. Sie hat in Osnabrück und Leyden/Niederlande Jura studiert. Nach dem Abschluss des Studiums hat sie 10 Jahre im Bundesarbeitsministerium als Juristin gearbeitet. Sie war zuständig für internationale und europäische Angelegenheiten. Das aus dem europäischen Sozialfonds finanzierte deutsch-französische Jugendwerk gehörte in ihren Zuständigkeitsbereich. Im Jahre 2009 ging sie dann als Nachrückerin am 12.01.2009 in den Bundestag und wurde schon am 27.09.2009 als Abgeordnete für die SPD im Bezirk Berlin-Mitte gewählt. „Begegnungen mit Menschen sind der beste Teil meiner Arbeit“, sagt sie.

Am 9. November 1989 war sie 20 Jahre alt und gerade im dritten Jurasemester. Sie war aktiv politisch engagiert bei den Jusos. Sie war gerade auf dem Weg von Osnabrück nach Hannover und verfolgte die Informationen und Reportagen im Autoradio. „Warum bin ich nicht nach Berlin weitergefahren?“ fragt sie sich heute. „Ich habe mich nicht getraut,“ antwortet sie sich selbst.

Sie war ungeheuer überrascht über diese Ereignisse. „Was macht die Führung der DDR?“ hat sie sich gefragt. Dass es eine Wiedervereinigung geben könnte, war ihr nie in den Kopf gekommen. Sie war aufgewachsen mit zwei Staaten und fand das normal.

Einen Wandel hat sie anfangs für ihr Leben nicht gesehen, aber sie hatte die Hoffnung, etwas ganz Neues zu erleben oder zu bewegen. Sie war überzeugt, dass jetzt beide Teile zusammen kamen und man aus beiden das Beste nimmt und zusammenführt. Eine Änderung war es für sie nicht; trotzdem war alles plötzlich ganz anders: es gab ihren Ost-West-Wahlkreis und alles war neu.

Die Jugendorganisation der SPD musste auch den Weg in die neue Zeit erst finden. Sie engagierte sich im Vorstand der Bundes-Jusos, um Aufbauhilfe im Osten zu leisten.

Mit der Antwort zum Zusammenhang zwischen Elysée-Vertrag und Mauerfall zögert sie etwas. „Ja“, sagt sie, „zumindest bei der deutschen Einheit und dem Vertrag. Er hatte die Freundschaft zwischen den Erbfeinden gefördert. Die Freunde wollten gemeinsam etwas Gutes schaffen in der Mitte Europas. Deshalb hat Frankreich der Einigung zugestimmt. Somit kann der Elysée-Vertrag als Grundlage für die deutsche Einheit bezeichnet werden.

Der Erste Weltkrieg hat für sie eine Beziehung zum Elysée-Vertrag. Der Erste Weltkrieg ist schon eine Folge des preußisch-französischen Krieges von 1870/71 und der Zweite Weltkrieg eine Folge der Ereignisse wiederum des Ersten Weltkriegs. Der durch die Erbfeindschaft immer wieder auftretende Kreislauf wurde durch den Elysée-Vertrag durchbrochen, der Hass aufeinander aufgelöst. „Wir sollten immer wieder hervorheben, dass wir seit 68 Jahren in Frieden und guter Nachbarschaft leben.“ Feindseligkeiten und Kriege zwischen Deutschen und Franzosen gehören der Geschichte an. Für sie persönlich waren es die Großeltern, die im Zweiten Weltkrieg in Frankreich waren. Sie haben der Enkelin vermittelt, wie wichtig Europa ist.

Als Letztes fragten wir sie noch, was ihr am meisten am Herzen liegt und was sie als Erstes tun würde, wenn sie zur Bundeskanzlerin gewählt würde. Ihre Antwort kam prompt:

  1. Mindestlohn einführen
  2. Mietrecht sozial gestalten
  3. Frauenquote einführen
  4. Bildungspolitik intensivieren, Schulen sanieren

Wir danken Frau Dr. Eva Högl für das offene Gespräch.

Eva Högl im Gespräch

Text Beate Lau
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Interview Olaf Höhn

Olaf Höhn Florida Eis

… als ich zurück kam, gab es nur noch EIN Berlin …

Von Berlin folgen Sie der Heerstraße bis zum Ende. Dort fahren Sie rechts. Dann links und wieder geradeaus. Schauen Sie jetzt nach links. Sie dachten vielleicht, dass es nichts in diesem Viertel gibt. Quatsch! Sie sind in Wirklichkeit in der Fabrik angekommen, wo man „aus Sonne Eis“ macht: Sie sind in der Florida Eis Fabrik. Im ersten Stock finden Sie das Büro des Besitzers Herrn Olaf Höhn.

Am 07.09.1949 wurde Olaf Höhn in Berlin-Mitte geboren. Er ist in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte er, um Maschinenbau-Ingenieur zu werden. Nach seiner Ausbildung in Stuttgart ist er nach Berlin zurückgekommen. Im Backbetrieb seines Vaters konnte er dann arbeiten. Ein Freund der Familie machte ihm einen Vorschlag: es gab ein Eiscafé in Spandau zu kaufen. Damals hieß es „Café Amelie“: nichts Besonderes, aber Herr Höhn hatte ein gutes Geschäft gewittert. 1984 hat er sich darauf eingelassen. Am Anfang hatte er vier Mitarbeiter. Zwei sind noch da. Für ihn ist die Geschichte dieser Firma eine „Erfolgsstory“. Heute besitzt er diese große Fabrik, in der jeden Tag gearbeitet wird. Er produziert ungefähr 2 Millionen Liter Eis jedes Jahr. Das Eis wird in mehreren Städten in Deutschland verkauft. Man kann in Berlin fast überall Florida Eis finden. Es läuft auch ein weiteres Projekt: im Dezember 2012 haben sie einen Vertrag mit dem bayerischen Königshaus gemacht. Er sieht vor, ein noch schmackhafteres Eis zu kreieren aus der Küche des Königs Ludwig, der ein großer Gourmet war. Er schrieb selbst die Rezepte und hatte immer als Nachtisch Eis: das ideale Vorbild. Zur Zeit wird die Herstellung vorbereitet: das Eis wird in November 2014 vorgestellt. Dieses Projekt war riskant, weil das Königshaus  normalerweise bayerische Anbieter vorzieht, aber sein Erfolg war für Höhn auch der Beweis für die Qualität seiner Firma. Man hat es nicht zufällig gewählt: „Wir machen das leckerste Eis,“ sagt er einfach. Er hat übrigens als kleines Ritual: er isst zwei Kugeln Eis pro Tag.

Am Tag des Mauerfalls saß er im Flugzeug aus Amerika und landete früh am Morgen in Berlin. Die Rückkehr ist immer schwierig, und er war ganz im Jetlag. Als er zu Hause ankam, nahm er seinen Sportswagen und fuhr ein bisschen durch die Straßen. Im Garagenhof traf er Frau Ludwig, über 80 Jahre alt. „Herr Höhn, die Mauer ist weg“ sagte sie. Zu dem Zeitpunkt dachte er nur: „Jetzt spinnt die Frau.“

Um 11 Uhr konnte man schon viel Bewegung und Unruhe fühlen. Er wohnte und wohnt immer noch in Tempelhof. Dort hat er die ersten Trabis im Westen gesehen. Als er das Radio einschaltete, gab es keinen Zweifel mehr: „die Mauer ist weg“, wie Frau Ludwig es gesagt hatte. Er ging sofort in die Kochstraße, zum Checkpoint Charlie und machte dort viele Fotos von den ersten Ossis, die die Grenze überquert hatten. Dort sah er auch etwas Komisches: einen riesigen Haufen Bananenschalen im Abfallkorb vor Kaiser’s Supermarkt. Bananen waren im Osten selten gewesen … Er rief Freunde an und traf sie am Kurfürstendamm. Sie hatten sich verabredet, Westgeld an Ossis zu verschenken. Sie hatten so ganz tolle Gespräche. Das war richtig ein „bewegender Moment“.

Der 10. November war auch ein wichtiger Tag. Noch niemand hatte eine Perspektive. Seit 28 Jahren waren die Westberliner von der DDR „umzingelt“. Sie konnten in den Urlaub nur durch die DDR fahren. Und das Warten an der Grenze war oft lang und unvorhersehbar. Er erinnert sich noch, dass sein Vater ihn gezwickt hat, damit er weinte: so konnten sie manchmal schneller die Grenze passieren.

Nach dem Mauerfall kamen viele Eiscafé-Besitzer aus dem Osten: sie suchten Rat für die Entwicklung ihrer Geschäfte. „Das Gras auf der westlichen Wiese war grüner.“ Er hatte gleichzeitig auch neue Kunden. So war es ein beruflicher Wandel, aber auch ein persönlicher: er konnte endlich aus Berlin wegfahren, wenn er wollte. Das war trotzdem nicht so einfach. Er war nie in den Osten gefahren und sollte sich nun an dieses neue Land anpassen. „Das war noch nicht mein Land.“ Er brauchte Zeit, um sich dort wohl zu fühlen. Er wollte die Verbindung zwischen diesen zwei unterschiedlichen Welten wieder mit aufbauen.

Aber wer oder was ist für den Mauerfall zuständig? Ob man zuständig für ein solches Ereignis sein kann? Gorbatschow? Reagan? Frankreich? Für letzteres war es lange nicht so klar. Mitterrand misstraute einem großen Deutschland. Das ist kein Vorwurf gegen Frankreich: man soll immer versuchen zu verstehen. Aber Deutschland wollte eigentlich nicht mehr Macht. Industrie, Weltimage, usw. waren jetzt seine Sorge.

Der Elysée-Vertrag wurde von Konrad Adenauer eingeführt. Er baute das Verständnis für einander zwischen den beiden Ländern. Für Olaf Höhn ist dieser Vertrag ein schönes Beispiel, das wirklich in der Praxis funktioniert hat. „Vielleicht haben die Kriege diese Annäherung erlaubt“, war seine – traurige – Feststellung.

Der erste Weltkrieg hatte seiner Meinung nach ganz andere Hintergründe als der zweite. Diplomatie, Druck, Geld … Es gibt so viele andere Mittel als Kriege, um Streit zu lösen. Aber er kann sich immer noch nicht vorstellen, warum und wie dieser Krieg so weit eskalieren konnte. Alles beginnt mit Intoleranz und Fehlen von Kommunikation zwischen den Völkern.

Und er fragt sich im Konjunktiv: was wäre ohne Krieg passiert?

Heute hält er einen Krieg in Europa nicht mehr für möglich. Und er selbst sieht sich als Weltbürger, der überall leben könnte.

Eiskönig Olaf Höhn mit Marie Agard vor Ort

Text Marie Agard
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Interview Markus Katterle

Der Feuerwerkkönig Markus Katterle

„Pavel Kohout verdanke ich meine Firma.“

Lichter und Farben; Ansichten und Erinnerungen; Fröhlichkeit … Markus Katterle versucht, es in seiner Arbeit zu spiegeln. Es geht nicht nur um die Show und die Verzauberung, es ist etwas mehr. Der Zauber und das Spiel mit den Lichtern, mit dem Stoff, mit der Musik produzieren dieses momentane Gefühl, dieses Leuchten in den Augen der Zuschauer, diese Aufregung. Er erreicht die Herzen seiner Zuschauer, und wenn Katterle es geschafft hat, ist es nicht mehr wichtig, wie lange die Show dauert. Die Befriedigung ist alles; sie ist der Sinn seiner Arbeit.

Markus Katterle ist am 12. Juli 1960 in Köln geboren und hat von seinem 14. Lebensjahr an in Bielefeld gelebt. Nach dem Abitur hat er eine Ausbildung als Tischler gemacht. Er hat Zivildienst an einer Behindertenschule geleistet und am Amateurtheater gespielt, Regie geführt und Seminare gegeben. Bevor er zur Universität gehen konnte, hatte er sechs Monate Leerlauf. In dieser Zeit suchte das Stadttheater Bielefeld einen Tischler. Er übernahm diese Arbeit, lernte praktisch die Bühnentechnik dazu und blieb dann fünf Jahre am Theater als Requisiteur.

Lachend erzählt er uns eine Geschichte vom Theater: Für das Theaterstück „Krieg im dritten Stock“ von Pavel Kohout hatte er Teile von alten Maschinenpistolen für die Requisite zusammengeschweißt und am Ende des Einakters die Bühne mit speziellen Effekten „in Schutt und Asche gelegt“. Eine Studentin der Hochschule für Gestaltung lieh sich eine Maschinenpistole für eine Filmproduktion aus. Ihre Vermieterin entdeckte die Maschinenpistole und ging zur Polizei. Das BKA kam nicht nur zur Studentin, sondern auch ins Theater. Dass die Maschinenpistolen Attrappen waren, akzeptierte das BKA, stellte bei dieser Gelegenheit aber fest, dass die Legalität für Innenraumpyrotechnik im Theater nicht gegeben war. Da es zu dem Zeitpunkt, d. h. in den 80er Jahren, keine Bühnenlizenzen dafür in Deutschland gab, machte Katterle eine Ausbildung zum Großfeuerwerker.     

Diese Faszination ließ ihn nicht wieder los. Da die Perspektive als verantwortlicher Pyrotechniker am Bielefelder Stadttheater nicht groß war, gründete er 1987 seine Firma FLASHART. Er entwickelte als Erster Feuerwerke für geschlossene Räume. Seine Firma wurde auch bekannt für viele verrückte Erfindungen. Sie hat viel Erfolg. Sie waren z. B. auch die Ersten in Deutschland, die Multimediashows mit Wasser, Laser und mit Raketen bestückten Tänzern als Bühnenfeuerwerk kreierten.

Heute ist Markus Katterle einer der international am meisten gefragten Spektakelmacher, Geschäftsführer der Firma, und führt international große Projekte durch, wie in Russland, Thailand, China, in Adana/Türkei, in Katar usw.

Die Zeit, die man für die Entwicklung dieser kurzzeitigen Shows braucht, hängt vom Auftrag des Kunden ab. Es hängt auch von der Musik und von den ganzen „Zutaten“ und Effekten ab, die mit enthalten sein sollen.  Es kann 14 Tagen oder ein Jahr sein. Einmal, erzählt Katterle, wurde die Einführung der Verfassung von Katar um einen Tag verschoben, weil der Auftrag so kurzfristig kam, dass die Feuerwerke nicht schnell genug herbeigeschafft werden konnten. Es war eine große logistische Herausforderung, und „dieses ganze Ding“ für nur eine halbe Stunde Show.

„Wir erzeugen Emotionen“ sagt Katterle überzeugt. Sie recherchieren und suchen nach Materialien, die sie benutzen können; sie erstellen das Storyboard. Aber dann müssen sie das Wichtigste für die Shows finden: den Soundtrack. Und der muss emotional sein. Mit Musik wird das Ereignis erst erfolgreich.

Wir haben ihnen gefragt, ob er sich als Handwerker oder Künstler sieht. Handwerker hat im Spanischen einen künstlerischen Aspekt. Für ihn ähnelt der Künstler einem Regisseur. Er muss die Geschichte ausdrücken wie ein Techniker und die Schauspieler kennenlernen. Wenn ein Regisseur sie nicht kennt, dann ist er ein schlechter Regisseur. Man muss Kunst verstehen, um die Technik anzuwenden. Und die Technik gibt keine Widerworte.

Später habe ich ihn gefragt, ob ein Feuerwerk nicht viel Schmutz macht. Er meinte, dass keiner davon redet, wie viel Schmutz von einem Theaterabend oder einer Staatsbibliothek ausgeht. Er ergreift Maßnahmen, damit die Zuschauer nie verletzt werden. Trotzdem ist es Quatsch zu sagen, dass „Feuerwerke umweltfreundlich sind“.

Als letztes erzählte er, dass seine Arbeit speziell ist auf eine besondere Art: er produziert einen einzigartigen Augenblick. Er hat immer Premiere, es ist immer life, er fühlt sich als Adrenalin-Junkie. Dieser magische Moment ist sein Lohn. Danach ist er leer und braucht zwei oder drei Tage, um sich zu erholen.

Nach diesem ausführlichen Teil über sein Leben sind wir zu den Projektfragen gekommen. Mit der ersten Frage geht es, wie immer, um den Tagesablauf vom 9. November 1989. Katterle befand sich in der Kochstraße, im Axel-Springer-Haus, bei der Preisverleihung des Goldenen Lenkrads. Er war sozusagen der Regisseur der Veranstaltung. Er war begeistert, als er die Nachricht hörte, hatte aber keine Zeit, mit den Westberlinern zum Brandenburger Tor zu gehen. Er musste mit dem Auto sofort nach Westdeutschland, nach Bielefeld, zurück, weil seine Kunden für den nächsten Morgen schon im Flieger saßen. Unterwegs bemerkte er, dass es keine Kontrollen mehr gab!


Für ihn war es undenkbar gewesen, dass Deutschland je wiedervereinigt würde. Er wurde in das geteilte Deutschland geboren. Er hatte keine Verwandtschaft im Osten.  Für ihn war es ein „schöner Traum.“ Durch Reisen hat er erfahren, dass das Denken und Fühlen im Osten anders war. Seine Tochter, die 1999 geboren ist, kann sich dagegen ein geteiltes Deutschland nicht mehr vorstellen.

Den Wandel nach der Wiedervereinigung beschreibt er in einer kurzen Aufzählung:

  • Deutschland ist wieder ein großes Land, ist stark und wirtschaftlich die Nr. 1.
  • Es hat die Besatzung überwunden.
  • Ein neues Nationalverständnis ist entstanden.
  • Der Bayerische Rundfunk hat als erster Sender die Nationalhymne wieder gespielt; Anmerkung: der Intendant stand der NPD nahe.
  • Im Fußballsommer 2006 haben die Deutschen zum ersten Mal wieder deutsche Fähnchen geschwungen.

Seine Generation, sagt er, hat Frieden gemacht mit diesem Land.

Als er Yad Vashem einen Besuch abstattete, hätte er es verstanden, wenn die Soldaten mit Maschinenpistolen auf ihn geschossen hätten. Er habe kein Wort deutsch gesprochen.

Dann wird er nach dem Elysée-Vertrag gefragt. Er glaubt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Mauerfall und Elysée-Vertrag gibt. Trotzdem erlaubte es der Elysée-Vertrag, die Wiedervereinigung zu schaffen. Frankreich hat sie  damit unterstützt.

Der Marschallplan war eine kluge Entscheidung nach dem Zweiten Weltkrieg, alles anders zu machen als nach dem Ersten mit dem Vertrag von Versailles. Er schuf eine gute Situation. Länder wurden mit eigenen Identitäten gegründet. Der Elysée-Vertrag bedeutete die Schaffung von Stabilität für Deutschland.

Als er nach dem erstem Weltkrieg gefragt wird, gesteht er, dass er die Komplexität des Ersten Weltkriegs nur aus Büchern zu Hause gelernt hat. Die Ursachen für den Krieg waren seiner Meinung nach Großmachtphantasien. Deutschland wollte eine Großmacht werden, eine herrschende Macht, unter Führung des Kaisers. Deutschland war zu der Zeit noch keine große Nation. Siege waren notwendig, um das Selbstbewusstsein einer Nation zu entwickeln. In dieser Zeit gab es noch kein „wir sind …“

Im Haus der Bundespressekonferenz

Text Karen Diaz
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Interview Cornelia Kausch

Cornelia Kausch

„Wenn Du im Ausland bist, bist Du auch immer
Botschafterin Deines Landes.“

Wir sitzen in der Lobby des Hotels Berlin, Berlin, wo wir verabredet sind mit Cornelia Kausch. Und sie erzählt sofort, dass sie 1985 nach Berlin kam mit der Absicht, ein Jahr zu bleiben. „Ich habe einen Koffer in Berlin,“ sagt sie, und dass Berlin ihre absolute Heimat sei. Sie wird in keine andere deutsche Stadt ziehen. Wenn es nicht Berlin sein kann, geht sie ins Ausland.

Cornelia Kausch wurde 1962 im Schwarzwald geboren. Der elterliche Hotelbetrieb ist über 200 Jahre alt. Weil es zu Zeiten der Napoleonischen Kriege Einquartierungen von Franzosen gegeben hatte, existiert noch heute ein „Napoleon-Zimmer“.

Nach Abschluss der Schule hat sie die Hotelfachschule in Lausanne besucht. 1985 begann sie ihre Laufbahn mit Pressearbeit für das Hotel Berlin, Berlin. Dann schickte man sie im Rahmen der „Westliche Welt Promotion“ als Berlin-Beauftragte in die USA. „Dial Berlin“ war das Markenzeichen. Ihr gehörte ein Büro in Missouri, wo sie jeweils zwei Wochen vom Büro aus arbeitete und dann zwei Wochen auf Tour ging. Die Arbeit, der Einsatz, der Erfolg, alles gefiel ihr. Warum sollte sie also wieder nach Berlin gehen?

Dann kam der 9. November 1989. Sie ging zurück nach Berlin und arbeitete im Hotel Interconti, dann im Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz. Eines fiel ihr besonders auf zwischen Ost- und Westberlinern: „Wir sprachen die gleiche Sprache, aber das hieß nicht, dass wir uns verstanden.“ Sie nannte ein Beispiel für diese unterschiedliche Kommunikation:

Im Westen: Wenn Du um 8:00 h anfängst, bist Du da.

Im Osten: Erst wird gefrühstückt, dann beginnt die Arbeit. Jede Abteilung frühstückt für sich, aber überall in den Pausenräumen liegen gehäkelte Deckchen auf den Tischen. Das dauert 15 – 20 Minuten, und es wird ausschließlich Privates besprochen, kein Business.

Im Westin Grand Hotel in der Friedrichstraße wurde sie stellvertretende Direktorin. Ihre Erfahrung: der Westteil der Stadt war hochnäsig, der Osten eine Baustelle. Die Westberliner waren (vielleicht aus Angst?) arrogant. Sie mussten ihre Komfortzone aufgeben. Sie aber war Herrin über 300 Zimmer und 900 Mitarbeiter. „Connie, wie kannst Du in den Osten gehen?“ war sie gefragt worden. Sie weiß, dass es richtig war, was sie getan hat. Sie hat viel über Toleranz und Verständnis gelernt, sie hat über viele Schicksale erfahren, und sie konnte Vertrauen aufbauen. Heidi Hetzer hatte einmal zu ihr gesagt: „Wenn Du im Ausland bist, bist Du immer Botschafterin Deines Landes.“ Dieser Spruch galt für sie auch im Ostteil der Stadt Berlin, und er gilt für sie immer noch.

Es gab für sie weitere neue Aufgaben in neuen Hotels mit neuen Menschen. Dann ging sie zurück nach Westberlin. Die Integration in die Berliner Westkreise gestaltete sich relativ schwierig. Mit der Eröffnung des Hotel Adlon im August 1998 nahm sie eine positive Änderung wahr, die sich verstärkte durch die Eröffnung 2004 des Marriot Hotels und des Ritz Carlton Hotels, beide am Potsdamer Platz.

1994 wurden ihre beiden Kinder geboren, die sie dann 2003 mitnahm nach Budapest. Es zog sie immer wieder in den Osten, weil der Westen ihrer Meinung nach so gesättigt war. Aber zwei Jahre später fand sie dann doch den Weg zurück nach Berlin. Mit einer eigenen Firma spezialisierte sie sich auf Hotelberatung und machte dafür sehr viel Akquise. Schließlich beriet sie auch eine schwedische Firma zum Kauf des Hotels Berlin, Berlin, was im Jahr 2006 zur Fußball-WM in die Wege geleitet wurde. Sie begleitete den Umbau des Hotels und betreute die Firma mit bis zu 80 % ihrer Zeit. Neben Kauf- und Umbauberatung begann sie auch mit dem Coaching von Führungskräften.

Sie ist jetzt über 50 und hat beschlossen, nur noch das zu tun, was ihr Spaß macht, und nur die Menschen zu treffen, die ihr gefallen.

Am 9. November 1989 war sie, wie oben beschrieben, noch in den USA, als sie über CNN die Nachricht vom Mauerfall hörte. Sie weinte vor dem Fernseher, wurde aber immer wieder vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Sie rief dann bei Willi in Westberlin an und musste ihm die Nachricht erst bringen. „Conny, du spinnst.“ Als er bald darauf wieder anrief, sagte er: „Ich komme vom Brandenburger Tor. Auch der Ku’damm ist voll.“

Ohne den Mauerfall wäre sie vielleicht in den USA geblieben. Aber nach diesem Ereignis war klar, dass die wichtigen Dinge in Berlin geschahen. Außerdem wurde „dial Berlin“ aufgelöst.

Sieht sie einen Zusammenhang zwischen Mauerfall und Elysée-Vertrag? Keinen direkten. Die beiden Ereignisse stehen in einer geschichtlichen Abfolge. Ohne den Vertrag hätte die Mauer nicht fallen können. Die Angst der europäischen Nachbarländer vor einem neuen Großdeutschland wäre ohne den Vertrag auch viel größer gewesen und hätte die Vereinigung verhindern können. „Can Europe sustain so much Germany?“ titelte eine britische Zeitung im November 1989. Im Endeffekt glaubt sie, dass die Vereinigung eher durch die Zustimmung der Alliierten als durch den Elysée-Vertrag zum Erfolg geführte.

Das Gedenken zum Beginn des Ersten Weltkriegs streiften wir nur ganz kurz. Nach dem, was sie von ihren Eltern weiß, spielte hier die Sehnsucht nach Macht eine große Rolle, während der Zweite Weltkrieg natürlich näher lag und von ihren Eltern erlebt wurde.   

Im Hotel Berlin- Berlin

Text Beate Lau
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Interview Helmut Kleebank

Helmut Kleebank

„Frieden ist kein Zufallsprodukt, sondern muss aktiv betrieben werden.“

Im Rathaus in Spandau, im Büro des Bürgermeisters, haben wir mit Helmut Kleebank gesprochen.

Helmut Kleebank wurde am 18.11.1964 in Berlin geboren. Er wuchs im Bezirk Spandau auf und erwarb auf dem Spandauer Kant-Gymnasium das Abitur. Er begann seine berufliche Karriere als Krankenpfleger. Nach fast 8 Jahren in diesem Beruf studierte er Mathematik und Physik auf Lehramt. Er unterrichtete die Fächer 13 Jahre lang auf Gymnasien, arbeitete dann als Schulinspektor und übernahm bis 2011 die Leitung der Heinrich-Böll-Oberschule in Hakenfelde. Um seinen Spielraum für gesellschaftliche Gestaltung zu erweitern, kandidierte er 2011 erfolgreich als Bezirksbürgermeister für Spandau. Er ist seit 1988 verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Helmut Kleebank hatte wenig Berührungspunkte mit Frankreich. Die zwei Jahre Französischunterricht in der Schule haben ihm die Sprache nicht nahebringen können. Er hatte auch keine Gelegenheit, an einem Schüleraustausch mit Frankreich teilzunehmen. Seine ersten Frankreichkontakte brachte ihm erst sein Amt als Bürgermeister von Spandau. Im Rahmen des 50jährigen Jubiläums des Elysée-Vertrags 2013 besuchte er Spandaus Partnerstadt Asnières-sur-Seine. Im offiziellen Programm stand eine Kranzniederlegung auf dem Soldatenfriedhof auf dem Plan. Dort hatte Helmut Kleebank eine ihn sehr berührende Begegnung: eine ältere französische Dame zeigte ihm ihre Freude darüber, dass er als erster deutscher Bürgermeister die Partnerstadt besuchte und gab ihm, dem Deutschen, die Hand. Das hatte sie, bedingt durch Kriegserlebnisse mit deutschen Soldaten, bisher noch nie getan.

Diese Begegnung zeigte Helmut Kleebank, welche Bedeutung Zeitzeugen haben. Sie tragen und trugen dazu bei, dass aus der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland sich die Freundschaft zwischen den beiden Ländern  entwickelte.  Aber ihre Zahl wird immer kleiner und die nachfolgenden Generationen, die den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt haben und schon auf eine lange Friedenszeit blicken können, verlieren immer stärker den emotionalen Bezug zu den Errungenschaften des Elysée-Vertrags, der die Idee von zwei Menschen war.

Am 9. Und 10. November 1989 hatte Helmut Kleebank Krankenpflege-Frühdienst. Er war am Abend des 9. November früh schlafen gegangen. Als er zu seiner Arbeitsstelle in der Osloer Straße ging, wunderte er sich über die Trabis auf der Straße und erfuhr von der Öffnung der Mauer erst durch die Kollegen. Aber die Nachricht von dem Fall der Mauer war für ihn nicht wirklich überraschend. Glasnost und Perestroika sowie die Grenzöffnung in Ungarn hatten deutlich gemacht, dass die DDR bald Geschichte sein würde. Der Zeitpunkt der Öffnung war nicht vorhersehbar, aber seiner Meinung nach hätte die Öffnung nicht rückgängig gemacht werden können, selbst wenn, wie von vielen Beobachtern befürchtet, Panzer aufgefahren und geschossen worden wäre. Die Situation 1989 war nicht mehr vergleichbar mit den Geschehnissen von 1953.

Die Auswirkungen des Mauerfalls führten für Helmut Kleebank und seine Familie zuerst vor allem zu problemlosen gegenseitigen Verwandtschaftsbesuchen mit der Familie seiner Frau aus Cottbus und Elsterwerda. Allerdings hatte fast die gesamte Ost-Familie schon 1988 eine Besuchsreise zur Hochzeitsfeier nach Westberlin machen dürfen. Die Durchlässigkeit an der ehemaligen Grenze entwickelte sich langsam. Familie Kleebank ließ sich Zeit mit Ausflügen in die Berliner Umgebung.

Eine berufliche Auswirkung hatte der Mauerfall für Helmut Kleebank erst nach der Jahrtausendwende, als er Schulinspektor wurde. Er besuchte natürlich Berliner Schulen in Ost und West. Hier zeigte sich für ihn ein großer Unterschied in der Grundhaltung von Lehrern, Schülern und Eltern. Im ehemaligen Westberlin begegnete man den Inspektoren eher mit Offenheit und es wurde über die guten und schlechten Vorkommnisse an der Schule geredet. Im ehemaligen Ostteil der Stadt dagegen vermittelte man eher: „Bei uns ist die Welt in Ordnung. Konflikte mit Eltern, Schülern und Lehrern gibt es nicht.“ Für Helmut Kleebank zeigte sich die auch nach Jahren noch in Teilen fortbestehende Spaltung zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands.  Das Zusammenwachsen ist nicht einfach, und es wird noch dauern, bis die neue Generation die Trennung überwunden hat. Verständnis und Toleranz sind von beiden Seiten notwendig. Und es ist die Kenntnis der Geschichte, die für Helmut Kleebank eine Brücke bildet, ganz besonders auch Gedenktage zum Elysée-Vertrag, zum Mauerfall, etc.

Ein Zusammenhang zwischen dem Mauerfall mit der Wiedervereinigung und dem Elysée-Vertrag ist für Helmut Kleebank gegeben. Die Bundesrepublik war über den Elysée-Vertrag in die Westbündnisse integriert und konnte als starker und verlässlicher Partner helfen, den Frieden zu sichern. Die Alliierten konnten auch wegen der jahrzehntelangen erfolgreichen Integration der Bundesrepublik Deutschland in die Bündnisstrukturen zu der Überzeugung kommen, dass ein neues, wiedervereinigtes Deutschland keine erneute Gefahr für den Frieden bedeuten würde.

Zum 100jährigen Gedenken des Beginns des Ersten Weltkriegs und zum 75jährigen des Zweiten Weltkriegs gibt es aus der Familiengeschichte von Helmut Kleebank keine besonderen Vorkommnisse, die weiter erzählt wurden. Weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg gab es kriegsbedingte Todesfälle in der engeren Familie. Aber er hält Gedenktage für wichtig, nicht nur zur Würdigung der Geschichte, sondern als Bewusstseinspunkte für die Entwicklungslinien und Zusammenhänge. Sie sollten in diesem Sinne für die junge Generation als Anknüpfungspunkte für die Entwicklung von Gemeinsinn, Verantwortungsbewusstsein und Liebe zum Frieden entwickelt werden.

Bez.-Bürgermeister und Beate Lau

Text Beate Lau
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Interview Prof. Renate Köcher

Prof. Renate Köcher

„Die 65 Jahre Frieden in Europa müssen stärker gewürdigt werden.“

Das Elite-Panel der Zeitschrift „Capital“ wurde in der Bundespressekonferenz vorgestellt. Es war eine Umfrage zur kommenden Wahl in Deutschland. Im Auftrag von „Capital“ hatte das IfD bedeutende Mitglieder aus Wirtschaft und Politik zu verschiedenen Themen befragt. Wir hatten nach dieser Pressekonferenz das Glück, Frau Prof. Renate Köcher zu interviewen. Sie hatte für das IfD mit dem Chefredakteur von „Capital“ die Themen präsentiert und erklärt.

Am 17.07.1952 wurdet sie in Frankfurt/Main geboren. Sie studierte Soziologie, Publizistik und Wirtschaft in Mainz und München. Sie begann danach, fast zufällig, im Institut für Demoskopie Allensbach zu arbeiten, hat dann aber ihre Karriere nur dort verfolgt. Das IfD ist das älteste Institut für Meinungsforschung in Deutschland, das sich um Medien und Marktforschung kümmert. Schwerpunktmäßig werden face-to-face Interviews geführt. Sie wollen damit u. a. Politikern helfen, den Kontakt mit den Wählern  herzustellen, nicht zu verlieren und nicht abzuheben. Die Politiker sollen sich nicht für eine Sache oder ein Gesetz entscheiden, weil die Mehrheit dafür ist, sondern sie sollen wissen, auf welcher Seite die Mehrheit ist. Ob die Mehrheit gegen eine politische Maßnahme ist, wird so der Regierung oder dem Entscheidungsträger bewusst gemacht, aber diese sind nicht gezwungen, sich der Mehrheit anzuschließen.

Das Ereignis am 9. November 1989 hat sie im Fernsehen verfolgt. Sie sollte im Rahmen ihres Berufes die Reaktion der Bevölkerung beobachten und studieren. Es stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Deutschen geweint hat. Obwohl sie selbst sehr gerührt und begeistert über diese Entwicklung war, hat sie nicht geweint. Die Mauer war ein Zustand für sie und für Berlin, aber sie hat nie an die Konstanz der Zweistaatenlösung geglaubt.

Nach dem 9. November konnte das Institut auch ein Interviewnetz im Osten aufbauen. Das war für sie und ihre Kollegen eine große Herausforderung. Die Leute im Westen hatten größtenteils keine Ahnung, wie der Osten aussah. Als sie das erste Mal die Grenze überquerte, fand sie dieses andere Deutschland sehr grau und schrecklich. Ihr wurde schnell bewusst, wie wirtschaftlich erfolglos die DDR war. Sie war sehr neugierig auf die notwendigen, kommenden Veränderungen. Nur der politisch richtige Weg konnte hier Gutes bewirken.

Sie sieht keinen Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag von 1963 und dem Mauerfall. Der Druck für letzteres Ereignis war die Unzufriedenheit der Menschen im Osten und nicht der politische Vertrag. Außerdem meint sie, dass die Unterstützung von Amerika eine große Rolle gespielt hat. George Bush sen. hat viel in dieser Richtung getan. Als dritten Grund sieht sie die Ereignisse in Ungarn und der Tschechoslowakei am Ende des Sommers 1989. Die Mauer begann zu bröckeln. Auf Seiten von Großbritannien und Frankreich herrschten Skepsis und Angst vor einem starken Deutschland.

In Deutschland „hatte man sich arrangiert“. Eine neue „Konstellation“ hatte sich gebildet. Ein enormes emotionales Gefühl wurde von der Bevölkerung entwickelt: „Wir gehören jetzt zu demselben Land.“

Während des Ersten Weltkriegs hat die Menschheit fast alles empfunden: Leid, Tod, Verlust. Die neue Kriegstechnologie, die am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelt worden war, wurde effektiv eingesetzt. Es war ein besonders schrecklicher Krieg, aus dem dann der Zweite Weltkrieg sich entwickelte.

So lange Friedenszeiten wie heute hat man in Europa bisher nicht erlebt. Diese letzten 65 Jahre Frieden sollten deshalb viel stärker gewürdigt werden.

Gespräch im Haus der Bundespressekonferenz

Text Marie Agard
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Interview Hellmut Königshaus

Hellmut Königshaus Wehrbeauftragte

„Damit ich nicht in eine ‚Ostschule’ gehen musste,
trennten sich meine Eltern.“

Der Wehrbeauftragte des Bundestages Hellmut Königshaus hat uns in seinem Büro in Berlin-Mitte zum Interview empfangen.

Hellmut Königshaus wurde am 28.07.1950 im Osten Berlins geboren, wo er bis 1957 mit seinen Eltern lebte. Damit er nicht in eine „Ostschule“ gehen musste, trennten sich seine Eltern, und seine Mutter nahm ihn mit nach Karlsruhe, in die Nähe ihrer Familie. So konnte er die „Westschule“ besuchen und später im Westen auch Jura studieren. Noch vor Abschluss des Jurastudiums ging er nach Berlin, wo er heute noch lebt. Er arbeitete in Berlin als Richter, als Senatsrat in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, als Leiter des Senatorenbüros und war von 1989 – 1993 verantwortlich für den Aufbau und die Leitung der Abfallwirtschaftsbehörde Berlin. 1993 wurde er Generalbevollmächtigter eines großen Unternehmens. 2004 wurde er in den Bundestag gewählt und ist seit 2010 Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter und zwei Enkelinnen.

An den 9. November 1989 erinnert sich Hellmut Königshaus noch ganz genau. Er war den ganzen Nachmittag und frühen Abend auf der Schlossstraße in Berlin und verteilte Flugblätter. Er bekam mit, dass es im Radio eine Ankündigung während einer Pressekonferenz gegeben haben musste, dass es einen freien Reiseverkehr für DDR-Bürger geben sollte. Der Auslöser aber war ihm nicht klar, auch die Nachrichten der Tagesschau ließen für ihn die Tragweite des Geschehens nicht erkennen. „Typisch DDR, “ dachte er, „die Ostbürokratie macht Stempel für die Ausreise.“

Erst am nächsten Morgen sah er von der Wohnung aus die Trabis auf der Straße fahren. Sollten die Meldungen von gestern doch auf eine Wiedervereinigung hinauslaufen? Schon Monate vorher wurde über einen Zusammenbruch der DDR geredet, ebenso über den Zusammenbruch Russlands. In der FDP war viel über den Vereinigungsprozess diskutiert worden. Aber Hellmut Königshaus hatte nicht daran geglaubt; er hielt das für utopisch, und so waren die neuen Ereignisse eine große Überraschung für ihn.

In der folgenden Zeit wurde es offensichtlich, dass sich fast die ganze Welt über den Mauerfall freute wie später auch über die Wiedervereinigung. Ablehnend verhielten sich allerdings die Franzosen und vor allem die Engländer unter Margaret Thatcher.

Das Thema war auch Besprechungsgegenstand im Berliner Senat. Da Berlin Besatzungsgebiet war, wäre eine Autonomie verfassungswidrig. Auch hatte man Angst vor einem Angriff der Russen, weil man glaubte, dass die Russen sich den Fall der Mauer nicht gefallen lassen würden. Dass Demonstranten, die am Abend des 10. November von der westlichen Seite auf die Mauer geklettert waren, mit Wasserwerfern von der Mauer gespritzt wurden, schien ein Indiz zu sein. Die Westalliierten beobachteten die Menschenmengen und Menschenströme. Die Stadt war insgesamt „überschwemmt“ von Leuten. Und doch wurden immer mehr Grenzübergänge geöffnet: die Glienicker Brücke, der Potsdamer Platz … Das Brandenburger Tor wurde erst Weihnachten von Helmut Kohl und Willi Stoph für Fußgänger geöffnet.

Die Entwicklung blieb unvorhersehbar und war völlig anders als vorgestellt:

  • Die Übergänge zwischen Ost und West waren unbeschränkt nutzbar.
  • Bis zur Währungsunion kassierte die Volkspolizei noch Umtauschgelder.
  • Die Grenzbeleuchtung war abgeschaltet, die Wachhunde waren weg.
  • Für Ostgeld konnte man Bier trinken gehen und dabei den Volkspolizisten ein Schnäppchen schlagen.
  • Berlin-West konnte den Westmüll nicht mehr in Ostberlin entsorgen.

Persönlich empfand Hellmut Königshaus: „Ich bin nicht mehr eingemauert! Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, einen Flug zu buchen, wenn ich nach Westdeutschland will. Ich muss keinen Passierschein mehr beantragen, es gibt keine Kontrollen mehr.“

Beruflich war er als Leiter der Abfallwirtschaft bis 1993 von der Weigerung Ostberlins, weiterhin den Westmüll aufzunehmen, noch stark betroffen. Das änderte sich im Laufe seiner weiteren Karriere.

Zum Elysée-Vertrag hat Hellmut Königshaus sehr viel zu sagen. Durch diesen Vertrag wurde die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich besiegelt. Das deutsche Volk war wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen. Und es wurde nach seiner Erinnerung sofort spürbar: Frankreich war keine Besatzungsmacht mehr. Es gab ewiggestrige Deutsche, die den Franzosen weiterhin misstrauten, weil sie Charles de Gaulle als Befreier feierten. Und anderen Meinungen zum Trotz meinte er auch, Konrad Adenauer war ein Widerständler und kein Mitläufer. Er habe aus tiefer religiöser Überzeugung gehandelt.

Einen Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall sieht Hellmut Königshaus nicht. Der Druck in der DDR war sehr groß und es war ein Glücksumstand, dass Michail Gorbatschow in Moskau regierte. François Mitterand gab seinen Widerstand gegen die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wegen des Elysée-Vertrags auf und machte diese dadurch möglich. 

Die Europäische Union hält Hellmut Königshaus für sehr wichtig und er sagt, sie muss weiter entwickelt werden. Man müsse gegenseitige Abhängigkeiten annehmen und sich nicht gegeneinander stellen. Faktisch sei Deutschland dominant, aber institutionell nicht.

Wir rissen noch kurz die beiden Weltkriege an. Die Familie Königshaus kommt aus Kattowitz, das nach dem Ersten Weltkrieg bzw. erst 1922 durch eine Volksabstimmung polnisch wurde zu Kattowice. Bis auf einen einzigen Onkel hatte die Familie Königshaus bei dieser Volksabstimmung für Deutschland votiert; der Onkel, der sich für eine Zugehörigkeit zu Polen ausgesprochen hatte, wurde von der Familie seit der Zeit gemieden. Er ist nach Kanada ausgewandert, um dem Familienstreit zu entgehen.  

Beate Lau und Hellmut Königshaus

Text Beate Lau
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Interview Altbischof Dr. Martin Kruse

Bischoff Martin Kruse

„Die neue Generation hat es schwerer, die Zukunft vorauszusehen.“

Im Garten einer denkmalgeschützten Siedlung haben wir den Altbischof Dr. Martin Kruse kennen gelernt.

Sohn einer großen Familie, geboren am 21.04.1929 in Lauenburg, ist er heute 84 Jahre alt. Er ist im lutherischen Pfarrhaus in Lingen an der Ems, in der Nähe der holländischen Grenze, aufgewachsen. Seine Kindheit war auch die Kriegszeit: sie war nicht so gut. In der Nachkriegszeit hat er gelernt, mit Wenigem gut auszukommen. Er sagt lustig, dass „damals das Leben viel einfacher war.“ Es gab nicht so viel Auswahl im Supermarkt wie heute. Das Motto in dieser Zeit war: „Jetzt kann es nur besser werden.“ Das hat seine Generation wirklich geprägt. „Die neue Generation hat es schwerer, die Zukunft vorauszusehen.“ Obwohl seine Lehrer wollten, dass er Naturwissenschaften studierte, wählte er die Theologie. Sein Vater, als Pastor, hatte ihn sicherlich beeinflusst. 1976 wurde er, ohne seine Bewerbung, in das Bischofsamt in Westberlin gewählt, als „Bischof von außen“. So wurde er Hirte über 800.000 evangelische Christen. In Berlin war die Situation in dieser Zeit schwierig. Es gab die Studentenrevolte und den Terrorismus. Die Kirche war zerrissen zwischen der konservativen und der progressiven Bewegung. Und er sollte sich auch um Partnerschaften mit Kirchen in der ganzen Welt kümmern. Seit 1994 ist er im Ruhestand, sitzt aber nicht im Sessel, ohne was zu tun. Er hat noch viele Ämter und Termine. Er hat auch spontan gesagt, dass der Fall der Berliner Mauer das wichtigste Ereignis seiner Zeit war.

Als evangelischer Pastor und Bischof ist Martin Kruse verheiratet und hat vier Kinder und sechs Enkel. „Enkel sind gut, weil die am Computer helfen können,“ meint er.


Am 9. November 1989 befand er sich fast an der schweizerischen Grenze. Dort fand eine Synode statt, das Parlament der Kirche. Als er die Nachricht bekam, dachte er sofort: „Ich muss jetzt in Berlin sein.“ Am 10. November war er schon auf dem Weg. Das war für ihn eine unglaubliche und „überglückliche“ Situation.

Nach dem Mauerfall kamen viele neue Aufgaben. Er war nicht nur Bischof für Berlin, sondern auch Vorsitzender der evangelischen Kirche Westdeutschlands und nach der Vereinigung für Gesamtdeutschland. Weil er kraft seines Amtes schon früher in den Osten reisen durfte, kannte er viele Pastoren im Osten, musste nach der Vereinigung aber feststellen: „So gut wir uns kannten, waren wir einander doch fremd.“ In einer Diktatur lebt und denkt man natürlich nicht wie in einer westlichen Demokratie. Im Osten dachte man damals: „Wir haben es schwerer als die im Westen, aber wir sind die Kirche der Zukunft.“ Man hatte auch Angst vor der Herrschaft der westlichen über die östliche Kirche. Aber die Vernunft gewann. Und die Maßstäbe des Westens wurden angepasst. „Es braucht alles nur seine Zeit.“

Er zitiert auch diesen Satz von Willy Brandt: „Nun wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Er hielt die zwei Wörter getrennt: man sollte zusammen wachsen. Es bedeutet, die beiden „Staaten“ zueinander zu führen. Das Wichtigste war, nicht rückwärts zu schauen, sondern einen neuen Weg zu finden.

Seine Gefühle waren gespalten: ein Teil war natürlich Freude. Aber es gab auch die große Frage: Wie werden die Rote Armee und die Machthaber auf dieses Ereignis reagieren? Er war sich all der Aufgaben bewusst, die auf ihn zukamen. Sie brauchten Kraft und Geduld.
Er ist Bischof für ganz Berlin geworden: eine erhebliche Veränderung. Das Arbeitsfeld hatte sich sehr verändert und erweitert. Der Lebensraum war freier geworden. Man konnte endlich reisen, man war nicht mehr auf dieser „Westberliner Insel“ eingesperrt. Es gab ein neues Lebensgefühl.

Im Zusammenhang mit dem Elysée-Vertrag denkt er gerade an die Sowjetunion. Die Russen wollten dieses geteilte Deutschland neutralisieren, verhindern, dass es sich zu stark mit dem Westen verband. Im Westen war es die wichtigste Aufgabe, die Einigung mit den westlichen Mächten zu schaffen. Und für dieses große Friedenswerk war der Elysée-Vertrag eine Grundentscheidung. Das hat die Initiative gefördert zu lernen, wie man zusammen lebt. Er bemerkt auch die große Rolle von Amerika und die Opposition von Margaret Thatcher, die sich dieser Entscheidung später angeschlossen hat.

Die Wiedervereinigung war seiner Meinung nach möglich geworden, weil alle Nachbarn zugestimmt haben.

1914 gab es eine nationalistische Stimmung. Die meisten Deutschen waren damals so sehr von sich überzeugt, dass sie das Gefühl für die anderen Nationen verloren hatten. Es gab Jubelgottesdienste für den Krieg, Waffen wurden gesegnet, der Sieg des Krieges schon gesehen. Alle beteiligten Länder sind mit Freude in den Krieg gezogen. Das Freudegefühl verschwand dann im Verlauf des Krieges.

Der Vertrag von Versailles war auch zuständig für den Teufelskreis, der 1963 mit dem Elysée-Vertrag aufgebrochen wurde. Er war zu hart, zu ungerecht, er konnte Deutschland keine Zukunft bringen. Das ist auch der Grund, warum Hitler so viel Zustimmung finden konnte. Die Ideen von Militär und Macht fanden einen Raum. So gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Kriegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man dies endlich verstanden. Amerika schaltete schnell. Care-Pakete und Hilfspläne halfen, die Deutschen und ihre Industrie wieder aufzubauen. Und man begann, Deutschland wieder als Partner und nicht als Verlierer zu sehen.

Im Gespräch

Text Marie Agard
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Interview Dr. Frank Meik

Dr. Frank Meik

Ein Medienmann mischt sich ein: „Ohne den Elysée-Vertrag
kein Europa.“

Zwischen Bissen von spanischen Tapas und Schlucken deutscher Apfelschorle haben wir, eine Ecuadorianerin und eine Französin, einen sehr interessanten Mann nach seinen Meinungen gefragt.

Er heißt Dr. Frank Meik und ist am 26. Juni 1954 geboren. Bis heute ist er mit seiner Frau seit 37 Jahren verheiratet und hat eine Tochter und einen Hund.

Als er jung war, hat er Rechtswissenschaft, Betriebswirtschaft und Politik in Marburg und Gießen studiert. In Gießen blieb er nach Abschluss des Studiums drei weitere Jahre und promovierte bei Prof. Beutin, dem Papst des Genossenschaftswesens, über Tarifautonomie.

Er hat dann am Aufbau eines Buchverlages teilgenommen. Da er den Universitätsbetrieb langweilig fand, hat er die angebotene Lehrtätigkeit nicht angenommen. Stattdessen wurde er Leiter mit personalpolitischen Grundsatzfragen bei der Dräger AG in Lübeck und machte hier eine grundlegende Erfahrung: für den folgenden Tag war eine Pressekonferenz angesetzt. Ein 80-seitiger Geschäftsbericht musste dafür auf eine Seite komprimiert werden. Nach einer langen arbeitsreichen Nacht hatte er es geschafft, alles auf 1 Seite + 6 Zeilen zusammen zu fassen. Aber der Chef war noch nicht zufrieden: er brauchte eine Seite, nicht mehr. Er sagte nur, dass sie Zeile für Zeile gemeinsam lesen würden. Am Ende, weil er die Arbeit gemacht hatte, bekam er den Auftrag, die Rede zu halten. Meik war sehr begeistert, dass er es gelernt hatte, die Informationen zusammenfassend darzustellen.

Einige Jahre später wurde er Verlagsgeschäftsführer in München bei der Süddeutschen Zeitung, wechselte dann zum Zentralen Zeitungsvertrieb beim Münchner Zeitungsverlag und wurde mit 37 Jahren jüngster Verlagschef beim Münchner Merkur. Seine nächste Verantwortung war bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: er hat dort das Betriebssystem entwickelt und automatisiert. Als Vorsitzender der Internationalen Verleger begann 1997 auch sein Engagement mit China: er wurde beauftragt, die Asien-Sektion aufzubauen. Bei der Stiftung Cogisum Intermedia AG hat er sich interessiert für neue Medien, Kommunikation und hat vor allem eine Suchmaschine entwickelt. Das war die Grundlage seiner Selbstständigkeit.

Als Ergebnis seines Interesses an Medien hat er 2011 sein erstes Buch geschrieben: „Wir klicken uns um Freiheit und Verstand.“ Das Thema ist ganz aktuell: es handelt über den Einfluss der neuen Medien auf die öffentliche Meinung. Sein zweites Buch über die Finanzkrise ist jetzt in Vorbereitung. 

Am 09. November 1989, Tag des Mauerfalls, befand er sich in einem Hotel in Frankfurt. Er sollte ein Vorgespräch für die Arbeitsgeber Nordmetall führen. Es gab Vorschläge für neue Gesetze und die Erhöhung von Tarifen. Abends, während der Gespräche, rief ein Freund ihn an und brachte die Nachricht, dass die Mauer gefallen war. Der Freund ist mit seinem Motorrad sofort nach Berlin gefahren. Die Verhandlungen der Arbeitgeber wurden abgebrochen: alles war durcheinander geraten. Meik musste nach Hamburg fahren. Man hatte keine Ahnung, wie Menschen aus dem Osten arbeiten, wie hoch die Produktivität sein würde: man wusste gar nicht, wie der Osten einzuschätzen war.

Der Mauerfall war umso wichtiger für ihn, als seine Familie im Osten und Westen getrennt war. 1989 waren sie wieder vereinigt. Sein Vater hatte immer an die Wiedervereinigung geglaubt.

Mit 10 Jahren war Meik mit seinem Vater von Frankfurt nach Berlin geflogen Er wollte seine Großmutter in Ostberlin besuchen. Sein Vater hatte Geld für die Großmutter in seiner Sporttasche versteckt: kleine Jungen wurden meistens von der Grenzpolizei nicht kontrolliert. Das ist ein Beispiel, wie Leute in der Zeit lebten: Schmuggel war eine übliche Praxis.

1987 machte er eine ihn schockierende Erfahrung in Ostberlin: er konnte sich nicht vorstellen, dass die Freiheit von Menschen so eingeschränkt sein konnte. Irgendwann mussten die Menschen einmal frei werden.

Als die Mauer fiel, war die Freude groß. Die Familienmitglieder konnten sich wieder treffen. Leider waren die Gespräche zwischen den Familienmitgliedern ganz anders als früher: es gab die neue Wahrnehmung. „Wir sind so arm, ihr seid so reich.“ Für seinen Vater war klar, dass das Zusammenwachsen der beiden Deutschlandteile mindestens 50 Jahre, also mindestens eine Generation, dauern würde. Die BRD war der Sieger; man war arrogant und nicht bereit, vom Osten zu lernen.

Für sein persönliches Leben war es ein deutlicher Wandel: es gab so viele neue Aufgaben, die erfüllt werden sollten. Er musste Verantwortung übernehmen.

In den letzten fünfzig bis sechzig Jahren gab es viele Wandlungen. Deswegen kämpft er dafür, die Freiheit zu erhalten.

Als wir ihm über den Elysée-Vertrag Fragen stellten, meinte er wie andere Personen auch, dass er die Grundlage für Frieden und Freiheit in Europa war. „Ohne den Elysée-Vertrag kein Europa.“ Deutschland und Frankreich hatten seit langem ein besonderes Verhältnis: zwischen  großen Nationen gibt es immer Streit. Aber es gibt auch das Sprichwort: „Was sich liebt, das neckt sich!“ Der europäische Gedanke war von Einheit und Brüderlichkeit ab diesem Moment geprägt. Die politischen Systeme sind unterschiedlich, aber das Wichtigste ist, seiner Meinung nach, das Verständnis zwischen den Völkern. Er ist ein Verfechter des Europagedankens: er sagte, dass es bis 2050 mehr Franzosen als Deutsche geben wird. Aber das bedeutet kein Problem für ihn: das Positive ist, dass Europa größer wird.

Er meinte auch, dass das Blei an den Füßen Europas der Egoismus der Nationen sei. Wenn man Interesse nur für sich selbst hat, kann die Gemeinschaft nicht funktionieren. Es wäre perfekt, wenn unterschiedliche Nationen dieselbe Sprache sprächen. Das ist ein Beweis von Toleranz, und das ist, was am besten transportiert werden kann. 

Seiner Meinung nach war der Auslöser des ersten Weltkriegs die Opposition zwischen alter und neuer Welt. Die alte Welt des Kaisers hatte keine Antwort mehr auf Fragen, die die industrialisierte Welt gebracht hatte: die alte Welt hat es nicht geschafft, sich den sozialen Veränderungen anzupassen. Der Grund war auch, wie heute, dass es keine Gespräche mehr zwischen den Menschen gab. Die Abwesenheit der Kommunikationsfähigkeit ist seiner Meinung nach eine Voraussetzung für Kriege. Alles, was im ersten Weltkrieg nicht gelöst wurde, beeinflusste die Entscheidungen des zweiten Weltkriegs.

Im Gespräch

Text Marie Agard und Karen Díaz
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Interview H. E. von Oppeln-Bronikowski

H.Eike von Oppeln

„Ich habe bei der Angleichung der zwei Rechtssysteme mitgewirkt.“

Wir besuchten Herrn von Oppeln-Bronikowski in seiner Kanzlei Unter den Linden. Wir saßen in einem Raum, der rundherum Fenster hatte, die aber nicht direkt nach draußen führten. Der Raum war sehr hell und freundlich, und Marie, die Tochter einer Pariser Architektin, fühlte sich sehr wohl in dieser Umgebung. Ich hatte Probleme damit, dass man aus dem Augenwinkel die Leute sehen konnte, die sich auf dem Flur bewegten.

Ich werde den Namen auf „Herr von Oppeln“ für dieses Interview verkürzen.

Herr von Oppeln wurde am 30.08.1946 in Schwäbisch-Hall, Baden-Württemberg, geboren. Sein Jurastudium hat er an der FU Berlin abgeschlossen. Seit dem Abschluss des zweiten Staatsexamens ist er Rechtsanwalt und Notar in Westberlin. Er war zweimal verheiratet und wird zum 3. Mal in diesem Jahr heiraten. Er hat vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter.

 Am 9. November 1989 verfolgte Herr von Oppeln die Ereignisse im Rundfunk und im Fernsehen; zur Mauer ist er nicht gegangen. Es gab abends immer wieder neue Mitteilungen; seine Töchter sind an oder auf die Mauer gegangen, das weiß er nicht so genau.

Könnten die Ereignisse einen Wandel in seinem Leben erzeugt haben? Nein, haben sie nicht. Er war schon immer viel in der DDR, hatte mit jungen Menschen und mit Kultur zu tun. Er kannte die Verhältnisse. Für ihn war der Fall der Mauer ein zwangsläufiges Ereignis. Das entsprach schon seit den 60er Jahren seiner Meinung.

Er meint, dass der Mensch vorzugsweise in seinem Komfortbereich bleibt, wenn die Umstände ihn nicht zur Revolte treiben. Aber in der DDR hatten es die Menschen satt, ständig überwacht und eingesperrt zu werden. Die Entwicklung begann schon in Polen mit den Aktionen der Solidarnosc.

Westberliner bekamen zwei Tagesvisa, aber für jeden Tag mussten sie einen Tag extra einplanen für den Antrag, den sie dann einen Tag später abholen konnten. 

Nach dem Mauerfall erfuhr er von einigen Bekannten, dass sie bei der Stasi waren. Er hat es zur Kenntnis genommen, denn er war nie in Gefahr.

Gefragt nach dem Elysée-Vertrag erklärt er, dass er eine Form von Opportunismus darin sieht. Aber das Interesse beider Nationen war es, Missverständnisse zu bereinigen und Feindschaft hinter sich zu lassen. Der EU-Vertrag war nur möglich durch den Elysée-Vertrag. Der Vertrag ist eine profunde Basis für eine lebendige Kultur zwischen Deutschland und Frankreich. Die EU wäre ohne ihn nicht denkbar.

Was den Beginn des Ersten Weltkriegs betrifft, hält er die Gründe, die im Allgemeinen angebracht werden, für läppisch: die Schüsse in Sarajewo. Die Welt war insgesamt in Aufruhr, die Ablösung der Kaiserreiche war unabwendbar, die Industrialisierung setzte sich immer stärker durch mit all ihren Facetten. Es gab aber auch ein intensives Raumproblem wegen enormer Geburtenzugänge durch die sich durchsetzenden Hygienevorschriften etc. Auf der anderen Seite sollte man bei der Betrachtung allerdings nicht vergessen, dass die Deutschen und die Franzosen sich als Völker nahe standen: sie waren hervorgegangen aus den Ostfranken und den Westfranken. Herr von Oppeln sieht hier einen großen Einfluss, den sie aufeinander haben.

Es gab noch zwei Fragen der Praktikantinnen außerhalb des Projektrahmens:

  1. Welches Rechtssystem gilt im vereinigten Deutschland? Herr von Oppeln hat nach dem Fall der Mauer mitgewirkt an der Anpassung der Rechtssysteme beider deutscher Teilstaaten. Die Arbeit daran hat 10 Jahre gedauert. Es ist zwar so, dass der Westen das neue gemeinsame Rechtssystem dominiert, aber es sind auch Rechtsvorschriften aus der DDR übernommen worden. Für die EU wird es auch sehr wichtig sein, die Verfahrensordnungen der Nationalstaaten zusammen zu führen.
  • Was ist eine Stiftung? In eine Stiftung gibt jemand Geld, damit etwas geschieht. Eine operative Tätigkeit soll gefördert werden. Stiftungen haben einen Ewigkeitswert. Es gibt sie bereits seit 800 Jahren. In Deutschland gibt es 60 000 – 80 000 Stiftungen mit einem Gesamtwert an Stiftungskapital von ca. 180 Mrd. Euro.
Nach dem Gespräch

Text Karen Díaz
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Interview Anemone Poland

Anemone Poland

„Lessing stand schon an meiner Wiege!“

Der Zutritt ist diskret, aber das sagt nichts darüber aus, was es drinnen gibt. In der Eisenbahnstraße, im Stadtteil Kreuzberg, haben wir das reizende Theater mit Anemone Poland entdeckt.

Anemone Poland wurde 1951 in Kamenz geboren, der Heimatstadt des großen Dichters Lessing. Doch schon 1953 ist sie in das Ruhrgebiet umgezogen. Nach dem Besuch des Gymnasiums hat sie zuerst Elektrotechnik studiert. Tanz und Physik haben nichts gemeinsam, aber sie war gleichzeitig Tänzerin. Sie hat an der Meisterklasse in der Deutschen Oper Berlin teilgenommen. Sie hat dann reiflich überlegt, weil eine Tänzerin mit mehr als 40 Jahren keine Zukunft mehr hat. Und so hat sie eine Schauspielerausbildung begonnen. Sie war free lancer und spielte überall in Deutschland. 1989 war es das erste Mal, dass sie hier im Theaterforum Kreuzberg gespielt hat. Das Theaterstück war von Ernst Barlach geschrieben, und sie bekam die Hauptrolle. Zu der Zeit hatte das Theater aber kein Geld mehr. Sie spielten verschiedene Theaterstücke, aber das Ensemble war immer dasselbe. Sie machte dann den Vorschlag: warum nicht an Gastensembles vermieten? Das könnte eine neue Sprungkraft für dieses Theater geben. In der Folge wurde ein „Gastspiel-Betrieb“ gegründet.

Das Theater ist durch viele Krisen gelaufen, hat aber immer gegen den Sturm angekämpft. Die größte Krise war vielleicht 2008, als die finanzielle Unterstützung von Seiten des Senats ausblieb. Der Senat hatte verkündet: „Es gibt genug Theater in Berlin.“ Das Problem dabei war nicht nur das fehlende Geld, sondern waren auch die fehlenden Ideen. Das Motto war: „Die freie Szene ist definitionsgemäß frei.“ Das Theater konnte dann jeden Augenblick geschlossen werden. Zum Glück ist dieses Forum Kreuzberg ein sozialpädagogischer Ort, der ein Theater unbedingt wollte. Die anderen finanzierten Projekte halfen ein bisschen mit Geld aus. Diese Zeit war so schwierig, dass Anemone Poland ein Buch über die schwierige Finanzierung des Theaters geschrieben hat.

Und ganz so einfach war es immer noch nicht. Sie wandte sich an den Rechtsanwalt von Oppeln, um eine lebensfähige Lösung für das Theater zu finden. Er hat das Projekt begleitet: das Ziel war, aus diesem Theater einen eigenen Verein zu machen und das Theater aus dem bestehenden Verbund heraus zu bringen. Das war wichtig, um zu wissen, wohin das Geld genau fließt. Und das hat auch dem Theater geholfen, sich einen Namen zu machen. In der Tat wird ein Vereinstheater besser angesehen als ein Amateurtheater. Nach dieser Operation wurde das Theaterforum Kreuzberg ein gut etabliertes Haus in der Berliner Theaterlandschaft.

Das Motto dieses Theaters ist es, eigene Produktionen zu spielen: Autoren, die man nicht so gut kennt, die man nicht in anderen Theatern sehen kann. Ionesco oder Vitrac wurden hier zum Beispiel viel gespielt. Dies sind französische Autoren, die die Ostdeutschen nicht vergessen haben, obwohl es nach 1990 kein großes Interesse beim Publikum für diese Autoren gab. Kein Geheimnis mehr … Sie suchen eher leichte Theaterstücke als solche mit ernstem Hintergrund.

Am 9. November 1989 war Anemone Poland auf der Bühne in Stuttgart. Sie trug die Kleidung der Magd Nicole in Le Bourgois Gentilhomme von Molière. Sie war damit auf Tourneedurch Deutschland. Ihr Mann war in Berlin im Theaterforum geblieben und hatte sie angerufen, um ihr die Nachricht zu überbringen. Während der Aufführung gab es eine solche Stimmung, eine besondere Atmosphäre, die das Publikum auch gefühlt hat. Alle waren aufgeregt, und manche Schauspieler waren betrunken. Am 10. November wurden fast alle Plätze im Theaterforum in Kreuzberg von Ostbesuchern gekauft. Im Theater wurde ein Theaterstück von Heiner Müller gespielt, das in der DDR verboten gewesen war. Als Bezahlung gaben sie teilweise statt Geld nur Knöpfe und Schnürsenkel.

Anfangs hat sich ihr Leben nicht verändert. Ein Teil der Familie war noch in Dresden, und sie behielt immer in Erinnerung, wie furchtbar die Besuchsprozedur war. Man musste sozusagen „Eintritt“ bezahlen, und man konnte manchmal warten, warten und noch mal warten, ohne Gründe. Noch heute, wenn sie auf der Autobahn fährt, denkt sie: „Was war das für eine Arroganz …“ Seit Ende 1989 konnte sie endlich ohne Kontrolle aus Berlin hinausfahren. Jetzt war es auch möglich, im Osten ins Theater zu gehen ohne Zwangsumtausch. Früher musste sie vor 24 Uhr in den Westteil der Stadt zurückgehen.

Nach dem Mauerfall brauchte sie trotzdem eine „Anpassungszeit“. Für eine Weile konnte sie nicht in die DDR gehen. Sie weiß nicht genau warum, aber sie wollte es nicht. Aus beruflichen Gründen war es okay, dort hin zu gehen. Sie wollte nicht als Touristin in diesen Teil ihrer Stadt gehen, mit dieser fast ungesunden Neugier.

Eine andere Erinnerung kam: das Theaterstück „Jedermann“ wird jedes Jahr in Salzburg gespielt. Ein Kollege hatte entschieden, es auch in Berlin in der Marienkirche zu spielen. Das war das erste Mal, dass ein Westberliner Ensemble eine Vorstellung im Osten gab. Normalerweise gibt es für dieses Theaterstück in einer Kirche keinen Beifall und keine Verbeugung. Aber dieses Mal war es anders: sie wurden als Gäste begrüßt und das Publikum hat sehr spontan geklatscht. „Wiederkommen“ wurde geschrien. Juni 1989: das war schon die Zeit, als die Leute in der DDR anfingen, sich zu versammeln und zu organisieren. Einer der Schauspieler hatte da gesagt: „Hoffentlich sind Sie noch da, wenn wir wiederkommen.“ Es war eigentlich unglaublich, wie schnell alles gekommen ist.

Sie hat eine andere Anekdote zu diesem Thema: 1987 sollte sie ihren künstlerischen Vater, den Regisseur Henryk Tomaszewski aus Polen, in Frankfurt wiedertreffen. Er durfte nicht reisen, solange er (in Polen) nicht gewählt hatte. Er hatte ihr erzählt, was in seinem Land los war. „Mit der DDR geht es zu Ende,“ hatte er vorausgesagt. Das war schlicht und einfach für eine Deutsche unmöglich zu begreifen. Sie hat später verstanden, dass er eine andere und interne Sicht hatte. Er hatte schon gespürt, wie krank das System war.

Zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall sieht sie keinen Zusammenhang, sondern eine „Parallele“. Ihrer Meinung nach sind das Abkommen zwischen Adenauer und de Gaulle und die Ostpolitik von Willy Brandt miteinander verbunden. Der Elysèe-Vertrag war vor allem für Westdeutschland gemacht. Die DDR war ausgeschlossen. Brandt hat es geschafft, die Stimmung durch seine Ostpolitik zu verändern. Er hat Anstöße gegeben in Richtung Osten. Die konservative Regierung war immer sehr feindlich dem Osten gegenüber eingestellt. Man konnte fühlen, wie leer zum Beispiel die Beziehung mit Frankreich war. Alles war bei der Begegnung und dem Händedruck von Kohl und Mitterand vorhergeplant. Willy Brandts Kniefall war viel tiefer und ganz spontan. Anemone Poland gehört natürlich zu der Generation, die „Fan“ des damaligen Bundeskanzlers Brandt war.

Bezogen auf den ersten Weltkrieg versteht sie immer noch nicht die Begeisterung von jungen Männern, als sie sich auf den Krieg vorbereiteten. Viele Künstler und Maler waren auch in den Krieg gezogen. Sie haben besser als andere die Schrecken des Krieges gemalt oder beschrieben.

Sie erklärt auch, dass ein kleines Ereignis wie der Mord von Sarajevo im Juni 1914 nicht allein eine Weltkatastrophe auslösen konnte. Vieles war offenbar schon vorbereitet. Das Ereignis selbst hat nur mehr Öl ins Feuer gegossen.

Im Theaterforum Kreuzberg

Text Marie Agard
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Interview Uwe Pruss

Uwe Pruss

„Wir haben den Kalten Krieg gewonnen.“

Wir haben zusammengesessen und auf Uwe Pruss in seinem Restaurant „Wirtshaus Gatow“ in Alt-Gatow, Berlin,  gewartet. Er kam, wie vereinbart, um 17:00 Uhr und wir begannen mit den Fragen zum Interview.

Er heißt Uwe Pruss und wurde am 25. April 1943 in Posen, im heutigen Polen, geboren. Bis zur Flucht 1945, die ihn mit seinen Eltern nach Barmstedt in Schleswig-Holstein verschlug, lebte er auf einem Bauernhof. 1951 ist die Familie nach Bremerhaven umgezogen, wo sein Vater Arbeit bekommen hatte. Da ging Uwe Pruss bis 1962 zur Schule. Dann wurde er Soldat bei der deutschen Luftwaffe. Er wollte lernen, Düsenjäger zu fliegen, wurde aber als nicht reif genug ausgemustert und zur Raketeneinheit Pershing überstellt. Er war insgesamt fünf Jahren bei der Bundeswehr; 1963/64 wurde er zur Ausbildung in die USA geschickt. 1967 hat er die Bundeswehr dann verlassen und ist nach Amerika ausgewandert.

Er bekam ein Stipendium für die Oklahoma State University. Er studierte Chemie und musste sich für das Stipendium als Football-Spieler verpflichten. 1971 hatte er die Prüfung für die amerikanische Staatsbürgerschaft bestanden und musste den Eid auf die amerikanische Verfassung leisten. Die Polizisten wollten, dass er seinen Vornamen änderte, da sie nicht verstanden haben, wie man „Uwe“ aussprechen konnte. Sein Kommentar: wie „Hoover“ ohne H und ohne r.

1972 ging er zur Artillerie  und machte eine Ausbildung zum Leutnant der US Army. Im selben Jahr wurde er zur Zeit der Olympiade nach Deutschland versetzt. Er hat auch in anderen Ländern für die US Army gearbeitet, z. B. in Panama und Südungarn. Er arbeitete auch einmal als Oberst im Pentagon. Zuletzt übte er das Amt des Verbindungsoffiziers in der amerikanischen Botschaft in Berlin aus, und zwar bis Ende letzten Jahres.  

2009 hat er Zissi kennengelernt und letztes Jahr in Miami geheiratet. Er hat nicht nur ein ereignisreiches Leben geführt, sondern auch viele Ämter ausgeübt.

Er wird nach seinem Tagesablauf am Tag des Mauerfalls gefragt. Er befand sich im Auto auf den Weg von Wien, wo er Freunde besucht hatte, nach Frankfurt/Main. Er musste in Frankfurt seinen Umzug nach Virginia/USA vorbereiten. Als er im Auto saß, hörte er im Radio die überraschende Nachricht. Er war innerlich ganz still. Die Überraschung war riesig. Was anderes als Glück konnte er fühlen? Er wollte immer, dass der Mauer verschwand. Er sagte: „Wir (d. h die westlichen Länder) haben den kalten Krieg gewonnen.“ Dafür musste der Westen aber auch viel bezahlen. Die Ökonomie war für die Bundesrepublik Deutschland kritisch.

Das Feindbild änderte sich plötzlich. Er musste rundum und nicht nur in eine Richtung schauen. Der Friede war ausgebrochen. Und das bedeutete einen Wandel. Es bedeutete für Uwe Pruss Fröhlichkeit, alte Gedanken in Erinnerung zu bringen. Es war positiv, mit den „Zivilen“ zusammen zu sein.

Pruss ist der Meinung, dass der Elysée-Vertrag der Schlüssel für den Frieden in Europa war. Der Vertrag ist auf Druck u. a. der Briten geschlossen worden. In der Präambel wird die starke Bindung an die USA festgehalten. Er ist ein „Segen für Europa“ und brachte Frieden und Wirtschaftsaufschwung. Er verstärkte auch die Bereitschaft, die anderen europäischen Sprachen zu lernen. „Sprache verbindet, fehlende Sprache entzweit.“

Der erste Weltkrieg wurde am Anfang wie ein Volksfest gefeiert. Aber der Krieg ist schlimm zu allen Zeiten. Im ersten Weltkrieg kam es zum Einsatz von Giftgas. Es wurde ein Stellungskrieg geführt. Am Ende gab es Verlierer und Gewinner. Der Ausgang des ersten Weltkriegs war der Auslöser für den zweiten Weltkrieg.

Text Karen Diaz
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Interview Michael Roden

Michael Roden

24.06.2013, Berlin

Herr Roden hat seit drei Jahren den Vorsitz im Schaustellerverband Berlin inne. Wir haben ihn getroffen in den Büroräumen seines Unternehmens, das „Roden Schausteller Betriebe“ heißt. Geboren 1962 in Berlin, hat er allein und durch  praktische Erfahrung gelernt und diese Stelle erreicht.

            Als die Mauer fiel, war er weit weg von der Berliner Unruhe: er verbrachte Urlaub in Fuerteventura, Spanien. Er lag an einem einsamen Strand, als ein englischer Freund ankam und zu weinen, zu schreien und gestikulieren begann. Dann verstand er endlich den Grund dieser Emotion: die Mauer war gefallen. Es gab an seinem Urlaubsort keinen Fernseher, kein Handy: das einzige Telefon war 20 Kilometer weit weg. Er wollte sich die Nachricht bestätigen lassen: er ging dort hin, um seinen Vater anzurufen. Es war ganz richtig: aber wie war es möglich? Einer seiner ersten Gedanken war, dass die Russen ein paar Tage später die ganze Stadt einnehmen würden. Er hatte Angst, aber dieses Ereignis hat seinen Urlaub nicht abgekürzt.

            Auf jeden Fall hat dieser Tag sein Leben nicht radikal geändert. Die Änderung geschah in aller Ruhe, in Laufe der Jahre.

Als die Mauer noch stand, gab es noch die britischen, amerikanischen und französischen Garnisonen (s. Viermächtestatus), mit denen viele Feste und Veranstaltungen organisiert wurden. Nach dem Mauerfall beobachtete er eine große Änderung in dem Verhalten der Menschen. Es ist vielleicht unwesentlich, aber er erzählt zum Beispiel, dass die Leute vor dem 9. November sich das Bier schmecken ließen. Danach war Bier fast aus diesen Festen verbannt.

            Über den Elysee Vertrag sieht er keine wirklich zusätzliche Verbindung mit Frankreich als Folge dieses Vertrags. Aus politischer Sicht erlaubte dieses Ereignis keinen großen Fortschritt für die beiden Länder. Als Schausteller denkt er trotzdem, dass es den Tourismus und die Feste in Berlin gefördert hat. Das deutsch-französische Volksfest ist geboren in 1963 mit der Begegnung von Adenauer und De Gaulle in Bonn. Der Mauerfall und der Abschied von den Franzosen hat diese Tradition nicht verändert.

Nach dem Mauerfall blieben die großen Volksfeste mit den „Besatzungsmächten“ noch erhalten, auch nach dem Abzug der Soldaten. Und es wurde viel gefeiert. Der Bierkonsum verringerte sich erst erheblich, als die Promillegrenze für Autofahrer durch die Bundesregierung von 0,3 Promille auf 0,0 Promille gesetzt wurde. (Bei 0,3 Promille konnte man noch ein Bier trinken!) Da mussten die Autofahrer vorsichtiger werden, weil die Polizei an der Ausfahrt vom Festplatz Alkoholkontrollen bei den Autofahrern durchführten.

Ein weiteres Beispiel für die Veränderung und das nachlassende Interesse der Bevölkerung war das Verbot von Feuerwerken aus Gründen des Lärmschutzes und der Sicherheit. Dieses Verbot wurde aber nach einigen Jahren fast wieder aufgehoben; das Feuerwerk muss heutzutage um 22:00 h beendet sein.

Positive Veränderungen gab es zuerst nach dem Mauerfall auch deshalb, weil  die Schausteller aus dem Westen an den Jahrmärkten im Osten beteiligen wollten, um über das ganze Jahr besser ausgelastet zu sein. Aber das führte zu erheblicher Konkurrenz mit den Ost-Schaustellern, die mit den modernen Geräten der West-Schausteller nicht mithalten konnten. Ich glaube, die Zahl der Märkte hat sich verringert, oder aber der Westen „beschickt“ die Ostmärkte nicht. Das hat er aber nicht deutlich gesagt und ich weiß es nicht. Die Information in diesem Absatz kannst Du ruhig weglassen.

Text Marie Agard
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Interview Sigrid Rommel

Sigrid Rommel

Danzig – Bernburg – Berlin

Sigrid Rommel war erst gar nicht, dann sehr zögerlich und dann doch mit viel Spaß bereit zu diesem Interview. Wir haben uns bei ihr zu Hause getroffen.

Sigrid Rommel wurde am 3. November 1929 in Danzig geboren. In Danzig und Ost- bzw. Westpreußen ist ihre Familie mütterlicherseits beheimatet. Ihre Mutter war zur Geburt der Tochter nach Danzig gekommen, um im Kreis der Familie das Kind zur Welt zu bringen. Der Vater von Sigrid Rommel war beim Militär und wurde oft versetzt. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ließ sich die Familie in Bernburg an der Saale nieder und blieb dort auch die ganze Kriegszeit und die Zeit danach. Während der Vater in Kriegsgefangenschaft war, musste die Mutter Sigrid und den jüngeren Bruder allein durchbringen. Deshalb musste Sigrid Rommel 1944 die Schule mit 16 Jahren und mit dem Abschluss der mittleren Reife verlassen. Sie sollte ihre Mutter unterstützen, während ihr jüngerer Bruder später das Abitur machen und studieren konnte.

Die Ausbildung zur Steuer(fach)gehilfin machte sie in einer Kanzlei in Köpenick (Ostteil von Berlin). Sie hat dort viel gelernt, wurde übernommen und hat gern dort gearbeitet. Sie wechselte in die Verwaltung der Landwirtschaft, wo sie regelmäßig landwirtschaftliche Betriebe besuchen bzw. kontrollieren musste. Durch die vielen kleinen Naturaliengeschenke der Bauern konnte sie Mutter und Bruder wirkungsvoll unterstützen.

Als junge Werktätige wurde sie immer wieder zu politischen Veranstaltungen abgeordnet, was ihr nicht gefiel. Deshalb ging sie 1951 in den Westteil von Berlin, was damals noch völlig unproblematisch war. Sie arbeitete zuerst in einem Steuerberatungsbüro, dann bei der Berliner Bank und schließlich ab 1956 bei einer Gebäudereinigungsfirma. In diesem „Putzerladen“ bei „Putzer-Rudi“ blieb sie 31 Jahre lang, bis zum Ruhestand.

Am 3. November 1989 feierte Sigrid Rommel ihren 60. Geburtstag mit Freunden und Familie aus der DDR. Die Gäste blieben noch einige Tage. Am 9. November lief bei ihr zu Hause der Fernseher, und plötzlich hörten alle Günter Schabowski reden. Was??? Sie begriffen alle sofort, was gerade geschah, jubelten, weinten und freuten sich. Sigrid Rommel gab jedem ihrer Besucher, Freunden und Familie, 20 DM in die Hand, und sie gingen alle zusammen zur Gedächtniskirche am Kurfürstendamm und teilten die Begeisterung mit der riesengroßen Menschenmenge, die dort zusammenströmte. „Am nächsten Tag klingelte es pausenlos bei mir zu Hause.“ Es kamen viele Freunde aus Weißensee (Nordosten von Berlin), um endlich die „Tante Sigrid“ besuchen zu können. Sie wurde über die ganzen Trennungsjahre hinweg „Tante Sigrid“ genannt, auch von Freunden, weil sie als Familienmitglied besser und schneller Besuchserlaubnis für die DDR erhielt. So konnte sie 1974 auch am 30-jährigen Klassentreffen in Bernburg teilnehmen.

Eigentlich, sagt sie, hat sich durch den Fall der Mauer ihr Leben nicht verändert. Doch das Leben in dieser Stadt ist offener geworden, man kann zwanglos und ohne Kontrollen in den Westen reisen, man kann aber auch das wunderschöne Berliner Umland wieder genießen. Und das alles können auch Familie und Freunde aus der ehemaligen DDR. Sigrid Rommel ist sehr froh über diese Entwicklung, und die Freude darüber strömt beim Gespräch immer noch aus ihr heraus.

Den Elysée-Vertrag hat sie nicht wahrgenommen und sie fühlt sich auch in keiner Weise davon betroffen. Da sie selbst keine Kinder hat, spielte für sie auch der Jugendaustausch keine Rolle. Die Frage, ob der Elysée-Vertrag die Zustimmung Frankreichs zur Wiedervereinigung gefördert hat, beantwortet sie mit einem Achselzucken.

Auch zum Beginn des Ersten Weltkriegs und seinen Folgen sagt sie nichts. In ihrer Familie wurde darüber nicht gesprochen, und es gab keine Familiengeschichten aus dieser Zeit und zu den Ereignissen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war sie gerade 10 Jahre alt. Sie kann sich gut an ihre Zeit im Jungmädelbund erinnern und an die vielen positiven Erlebnisse dort. Sie meint, es gab keine tendenziöse Beeinflussung. Ihre Jugendleiterin war eine fröhliche junge Frau, die die Kinder gut beschäftigte, mit ihnen kochte und ihnen auch das Strümpfestopfen beibrachte – alles nützliche Dinge. Sie war 1943/44 längere Zeit mit Mutter und Bruder in Ostpreußen bei der Familie, wo es ihnen gut ging, wo sie nicht hungern mussten und von wo sie noch vor dem Einmarsch der Russen mit dem Zug nach Bernburg, ihrem Zuhause, zurückkehrten.

Bernburg wurde am Kriegsende von den Amerikanern besetzt, im Tausch gegen den Sektor in Berlin aber den Russen überlassen. Und die kamen dann auch. Wenn die jungen Mädchen mit den Amerikanern noch tanzen gegangen waren, wurden sie im Tanzclub sofort informiert, wenn die russischen Offiziere im Anmarsch waren. Durch Hintertüren oder Fenster verschwanden die Mädchen aus dem Club. Das Leben war nicht mehr so einfach.

Was hatte Sigrid Rommel eigentlich beim Bau der Mauer am 13. August 1963 empfunden? Sie sagt, es war schrecklich. Sie ist zu Freunden gegangen. Es war ihr klar, dass sie ihre Eltern in Köpenick nicht mehr besuchen konnte, auch die sonstige Verwandtschaft nicht. Das war hart.

Und auf die Arbeitssituation im Westen Berlins hatte das natürlich auch einen ganz großen Einfluss: Die Grenzgänger (Arbeitnehmer) kamen nicht mehr. Viele Arbeiten konnte nicht erledigt werden, was auch die Gebäudereinigerfirma betraf.   

Im Gespräch

Text Beate Lau
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Interview Ulf Rudolph

Ulf Rudolph

„Das Volk will keinen Krieg, sondern gute Musik.“

Zur Eröffnung einer Fotoausstellung in Gatow trafen wir Ulf Rudolph. Er bereicherte die Ausstellungseröffnung mit Musik.

Ulf Rudolph wurde am 20.08.1968 in Berlin (Ost) geboren. Er ist ledig. Er hat sein Abitur gemacht zusammen mit einer Kfz-Mechaniker-Ausbildung. Das war in der DDR eine gängige Ausbildungsmöglichkeit.

Er ist seit 1989 Musiker. Noch im Oktober 1989 hatte die Einstufungskommission der DDR ihm und seiner Band die Anerkennung ausgesprochen, allerdings mit der Auflage, ein Nachstudium an der Universität zu absolvieren. Und dann kam der Mauerfall.

Am 9. November 1989 befand er sich im Haus der jungen Talente in Ostberlin, als die Meldung von der Öffnung der Mauer kam. Er hat es nicht geglaubt, es konnte nicht wahr sein, und deshalb ging er auch erst am nächsten Tag los, um die gefallene Mauer zu sehen.

Er konnte es nicht glauben. Er wusste, dass es viele runde Tische und Demonstrationen in der DDR gegeben hatte, aber für ihn war der Mauerfall nicht vorhersehbar, „er war nicht dran.“

In seinem Leben änderte sich alles, in positive und negative Richtungen. Wenn die DDR weiter bestanden hätte, wäre er Berufsmusiker geworden mit sehr guten Chancen und persönlicher und beruflicher Sicherheit. Der Mauerfall andererseits weckte in ihm die Hoffnung auf eine gestaltbare Zukunft. Er hatte sich an den Demonstrationen beteiligt und war immer mit einem blauen Auge davon gekommen. Er war froh, etwas Neues machen zu können.

Und das sah dann so aus: er wurde Berufskraftfahrer für Omnibusse und Reisebusse, wurde Chauffeur, Disponent bei einer Spedition, Rosenverkäufer, Grafiker. Jetzt ist er, wie gesagt, Musiker und Dozent an einer Musikschule.

Dann fragten wir ihn nach dem möglichen Zusammenhang zwischen Elysée-Vertrag und Mauerfall: Er sieht keinen direkten Zusammenhang. Da aber Franzosen und Deutsche mit dem Vertrag das gegenseitige Vertrauen aufgebaut haben, war die Einheit beider deutscher Staaten letztendlich möglich. Durch den Vertrag wurde dem ewigen Kreislauf der Erbfeindschaft die Basis entzogen und die Völker konnten sich gemeinsam entwickeln. Sie haben jetzt ein gutes Auskommen miteinander.

Der Erste Weltkrieg ist für ihn die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Die wirtschaftliche Situation in Europa war sehr unterschiedlich in den Ländern und das führte zu einer Entladung. Es ging um Kolonien und auch um Absatzwege für die Industrie.

Das Volk will keinen Krieg. Eine Meinung zum Kriegführen muss geschaffen werden. Und dies geschah für den Zweiten Weltkrieg durch den Vertrag von Versailles und den Mangel an Selbstwertgefühl aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg.

Text Beate Lau    
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Interview mit Eveline Schönbohm

Eveline Schönbohm

„Ich gehe überall hin, wo Du bist.“

Dieser Tag fing schlecht an. Wir sollten Herrn Jörg Schönbohm interviewen, aber als wir bei der Familie Schönbohm ankamen, war unser Gesprächspartner gerade weg. Seine Frau empfing uns. Zugegeben, wir waren zuerst ein bisschen enttäuscht. Aber Frau Schönbohm begann zu sprechen. Familie, Geschichten, Anekdoten … Wir haben gedacht, dass es schön und interessant sein könnte, sie auch zu interviewen. Das hat sie sehr gerne gemacht. Dieses Interview war anders als die anderen. Sie hat einfach ihre Geschichte erzählt, voll mit Anekdoten und Emotionen. Die Fragen, die ich vorbereitet hatte, waren fast nutzlos. Sie hat „allein“ eine Antwort gefunden während ihrer langen Rede. Wir hatten plötzlich den Eindruck, in ihre eigene Geschichte einzudringen. Es gab neue Entwicklungen, Emotionen, Anekdoten: ein richtiger Roman. Wir haben beschlossen, dieses Interview als solches vorzustellen.

Ihr Großvater Fritz Keue war Croupier im Hotel Adlon und hatte mit 19 Jahren Ella Grabow geheiratet. Er ist in Verdun gefallen, sein Name ist dort auf einer Tafel eingraviert. Frau Schönbohm ist im April 1935 in Fürstenwalde an der Spree geboren. Sie hatte vier jüngere Geschwister, drei Schwestern und einen Bruder. Eine Schwester lebt noch.

Während des zweiten Weltkriegs wurde ihr Vater nach Frankreich eingezogen. Er hatte einen Kfz-Betrieb, um den sich die Mutter nach der Abkommandierung des Vaters kümmern sollte. „Wir machen Verluste,“ schrieb ihm ihre Mutter, denn in der Tat hatte sie keine Ahnung von Technik. Eine Vertretung, die sie gefunden hatte, änderte daran nichts. Der Vater schaffte es, zurück zu kommen und bis zum Ende des Krieges seinen Betrieb weiter zu führen. Er war nie Parteimitglied geworden und wurde deshalb von der Gestapo überwacht. Da er seine französischen Mitarbeiter, die Kriegsgefangene waren, „zu gut“ behandelte, wurde er verhaftet und noch 1945 nach Buchenwald geschickt. Danach wurde es noch schlimmer: er wurde 1947 nach Kavaganda in Sibirien deportiert, konnte aber seiner Familie noch ein Lebenszeichen hinterlassen: „Ich lebe und bin auf dem Weg nach Sibirien.“ In Kavaganda machte man ihm aufgrund seiner guten Arbeit als Techniker bald ein Angebot: er könnte frei sein, aber im Gegenzug sollte er die ganze Familie in diese kalte Region nachholen. Er lehnte ab. Am 2. September 1948 kam er zurück. Für ihn war es wie ein zweiter Geburtstag; für die Familie ein großes Geschenk. Der Leidensweg war zu Ende. Frau Schönbohm erinnert sich genau, was an diesem Tag geschah. Sie war in der Schule und die Schulleiterin holte sie aus der Klasse und sagte nur: „Dein Vater ist hier.“ Er war für sie wie ein Fremder. Sie hatte ihn vier Jahre lang nicht gesehen. Sie war „fast eine junge Dame …, aber sooo dünn!“ meinte er. Das Leben konnte weitergehen.

Das Gebäude des Betriebs war zerstört worden. Die Mutter hatte das Grundstück nur ein halbes Jahr vor der Rückkehr des Vaters zurückbekommen. Ihre Eltern arbeiteten hart, um den Betrieb wieder aufzubauen. 1953 wurde Eveline konfirmiert. Sie durfte, obwohl sie aus einer mittelständischen Familie kam, aufs Gymnasium gehen. Sie erklärt es sich mit ihrer musikalischen Begabung. Aber als der Betrieb verstaatlicht werden sollte mit dem Versprechen, dass der Vater der Betriebsleiter bleiben würde, lehnte er ab. Bevor sie deshalb von der Schule gewiesen wurde, beschlossen die Eltern: „Wir gehen jetzt in den Westen.“ Sie flogen nach Bremen und fuhren dann mit dem Zug nach Mönchen-Gladbach. „Nie mehr gehe ich zurück“ und „ich möchte so weit wie möglich weg von den Russen.“ Das Leben im Osten war undenkbar geworden für ihre Familie.

Im Westen hatten sie den Status von Flüchtlingen. Anderthalb Jahre lebten sie in einem Flüchtlingslager in Reidt. „Wir kamen aus einer anderen Welt.“ Die Eltern hatten Glück, eine Arbeitsstelle zu finden und Geld zu verdienen. Und sie konnte eine elitäre Mädchenschule besuchen, ohne Schulgeld zu bezahlen. Sie erzählt, dass die Betreuerinnen dafür sorgten, dass sie jeden Tag von einer anderen Schülerin zum Mittagsessen eingeladen wurde. Damit hatte sie nichts auszugeben. Als sie das Angebot bekam, für die Engländer zu arbeiten, brach sie sofort die Schule ab, um diese Stelle anzunehmen. Die Mutter fand diese Entscheidung nicht richtig, weil sie von der Tochter das Abitur erwartet hatte, aber der Vater gab kein Veto. Von ihrem Gehalt musste sie Kostgeld für die Familie abgehen; anfangs war sie darüber sehr beleidigt.

In Fürstenwalde hatte Evelines elterliche Familie einen engen Kontakt gehabt zu Familie Schönbohm. Die Familien hatten in den Kriegs- und Nachkriegsjahren vieles gemeinsam erlebt und durchgestanden. Durch die Flucht nach Westen hatten sich die Familien aus den Augen verloren. Ungefähr 1959 erfuhren sie, dass die Schönbohms in Kassel wohnten. Die beiden Familien machten einen gemeinsamen Italienurlaub, wo Eveline dann von Jörg Schönbohm einen Heiratsantrag bekam … Am 30.12.1959 fand die Hochzeit statt – ohne Abitur, für das Frau Schönbohm zur Abendschule ging. Ihre erste Tochter kam zwischen dem schriftlichen und mündlichen Abitur 1960 in Reidt zur Welt, wo Frau Schönbohm in der Fahrschule ihres Vaters mitarbeitete und im Haus ihrer Eltern wohnte. Ihr Mann war zu dem Zeitpunkt als Leutnant in Hannover stationiert. Sie folgte ihm dort hin. Allein mit der Tochter zu Hause wurde es ihr zu langweilig und sie machte an der PH eine Ausbildung zur Pädagogin mit Klavier als Hauptfach.

An den Tag des Mauerfalls hat sie keine große Erinnerung. Sie war mit ihrem Mann kurz vorher in Israel gewesen. Am 9. November 1989 war sie wieder in Bonn. Und warum ist sie nicht sofort nach Berlin gefahren? „Ich hatte Schule,“ sagt sie einfach. Es war auch interessant, die Veränderung von Bonn aus zu beobachten. Dort hatte man sich bis zu diesem Zeitpunkte überhaupt keine Vorstellung gemacht, was man bei einem derartigen Ereignis tun müsste. Die Folgen dieses Ereignisses sind viel interessanter für sie. Bonn war die letzte Station für ihren Mann vor der Wende gewesen. Man trug ihm an, die Vereinigung/Auflösung von Bundeswehr und NVA zu übernehmen. Er hat die Aufgabe mit „heißem Herzen und kaltem Verstand“ übernommen. Alle Mitarbeiter waren freiwillig mitgegangen, weil sie Verbindung zum Osten hatten. Den Wandel spürte sie in ihrem persönlichen Leben nicht gleich, weil sie weiterhin im Westen lebte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich die Ostdeutschen, die ein anderes Denken und Fühlen hatten, gern eingliedern würden. Eine kleine Anekdote erzählt sie noch: kurz nach der Wende war sie mit ihrer Enkelin Deborah über die ehemalige Grenze gefahren, wo alle Kontrollanlagen noch vorhanden, aber nicht mehr aktiv waren. Sie erklärte ihr, dass man damals nur mit einem speziellen Pass durchgehen durfte, dass viele Soldaten diesen Weg überwachten. Die Enkelin fragte: „und wo sind die Menschen jetzt, die hier kontrolliert haben?“

Frau Schönbohm hat uns ein Stück ihrer Geschichte gegeben. Wir danken ihr für dieses Geschenk.

im Gespräch mit Eveline Schönbohm

Text Beate Lau    
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Interview General Hans Speidel

General Hans Speidel

„Jetzt ist das passiert, wofür ich angetreten bin.“

Obwohl das Wetter nicht so angenehmen war, hinderte es uns nicht, das Interview im Garten zu führen. In Begleitung seiner Frau konnten wir uns flüssig mit Hans Speidel unterhalten.

Geboren am 30. Oktober 1938 in Mannheim hatte er eine „normale“ Ausbildung, d. h. Abitur. Er ist begeistert, dass er früh und freiwillig an der Bundeswehr teilgenommen hat. Von 1957 bis 1998 hat er in der Bundeswehr Karriere gemacht. Er hat erklärt, dass das Bedrohungsgefühl der Grund für ihn gewesen war, Soldat zu werden.

Beim Militär übernahm er verschiedene Ämter und war auch dreimal im Ausland als Militärattaché: in Washington DC, London und Paris. Er war auch zusammen mit Herrn Schönbohm 1990 in Straußberg, um die NVA aufzulösen. Zuletzt wurde er Standortkommandant der Bundeswehr in Berlin und wurde auch zum Generalstabsoffizier ernannt. Er hat vier Kinder und zwei Enkel.

Am 9. November 1989 war er in Bonn im Verteidigungsministerium. Seine Aufgabe war es,  Reden zu schreiben, Ratgeber zu sein, sich um den „Papierkram“ zu kümmern. Als er die Nachricht bekam, konnte er nur verblüfft und erstaunt sein. Er hat alles und alle ungläubig angeguckt. Einer der Offiziere sagte: „Die Mauer ist weg, ich fliege sofort nach Berlin.“ Aber die Militärs kümmern sich nicht so viel um Gefühle. Die Frage für ihn war jetzt: „Was nun?“ Zu der Zeit gab es keine Pläne für ein solches Ereignis: sie sollten gerade Memoranden schreiben und überlegen, was zu tun wäre, wenn eine Wiedervereinigung geschehen würde.

Der Gedanke an eine Wiedervereinigung war eigentlich zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland sehr weit weg. Das Beispiel von Willy Brandt im August 1989 ist sehr bezeichnend: Drei Monate vor dem Mauerfall hielt der damalige Bürgermeister von Berlin die Wiedervereinigung noch für eine „Chimäre“. Die Gedanken der Linken waren sehr verankert und einflussreich und auch in der CDU weit verbreitet: sie hielten fest an der Idee, dass die DDR ein Eigenleben führe und dass alle seit 40 Jahren an dieses Regime gewöhnt seien.

Er gab auch zu, dass er durch sein Aufwachsen im Südwesten Deutschlands keine tiefe Beziehung zu Leuten in der DDR hatte. Er hat dem Osten immer den Rücken zugewandt: „Mein Gesicht schaute in Richtung Westen.“ Es gab auch ein natürliches Interesse: für Deutschland war die Anwesenheit der alliierten Truppen ein wichtiger Schutz. Es lag in ihrem Interesse, ihre Soldaten auf dem deutschen Boden zu behalten. Als Militär musste er sich trotzdem mit der DDR beschäftigen

Der Präsident von Frankreich, François Mitterand, fand die Wiedervereinigung nicht attraktiv.

Engländer und Franzosen hatten Angst davor, dass sich wieder ein großes Deutschland im Zentrum Europas entwickelte. General Speidel hat uns die Geschichte von einem Taxichauffeur in La Rochelle erzählt: Als Soldat trug er bei einem offiziellen Besuch eine Uniform. Der Franzose staunte: „Gibt es immer noch Preußen?“

Für die Bundeswehr war die Wiedervereinigung natürlich ein offizielles Ziel, obwohl es auch innere Spannungen gab, denn nicht alle wollten das. Aber sie wünschten, es in ihrer Lebenszeit noch zu erreichen. Auf dem Spiel stand auch die Sicherheit von Deutschland: man sollte es vereinheitlichen. Ein großes Prinzip war, Truppen überall im Land unterzubringen.

Als 1990 die erste freie Wahl stattfand, gab es ein Gespräch zwischen Lothar de Maizières und Rainer Eppelmann: man sollte sich entscheiden, um schnell die Wiedervereinigung zu vollziehen. Es wurde auch entschieden, dass die Nationale Volksarmee eine Weile noch existieren würde, und zwar solange, bis die Sowjetarmee aus der Ostdeutschland abgezogen war. 1994 waren die Russen offiziell weg – wofür sie im Gegenzug sehr viel Geld bekamen. Man darf nicht vergessen, dass die russischen Soldaten in Deutschland „wie Gott in Frankreich“ lebten im Vergleich zu ihrer eigenen Heimat.

Seiner Meinung nach, hätte die Wiedervereinigung nicht besser gehen können. „Jetzt ist das passiert, wofür ich eingetreten bin … Mein Traum hat sich endlich verwirklicht …“

Für General Speidels Leben führte dieses Ereignis zu keinem persönlichen Wandel. Trotzdem hat er die Aufgabe bekommen, wie jeder andere darüber nachzudenken, wie die Wiedervereinigung so gut wie möglich gebaut werden könnte. Ab diesem Moment musste man sich gegenseitig verstehen lernen. Und das war schwierig, da es immer verschiedene Meinungen gab. „Man musste total umdenken …“ Jeder hatte seinen Platz, um zu leben und zu denken, d. h. jeder hatte seinen Raum, um das Eigene zu tun. General Speidel war sehr begeistert: „Wie kann ich Gott danken, dass ich auf der richtigen Seite der Mauer aufgewachsen bin …?“

Weiter ging es mit dem Interview zum zweiten Teil, dem Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall. Seiner Meinung nach gab es im Prinzip einen Zusammenhang. Der Elysée-Vertrag war der Abschluss einer gewissen Entwicklung. Er war ein fundamentales Element, um die Welt in Europa zu verändern. General Speidel hat noch Erinnerungen daran, als Präsident de Gaulle 1961 Deutschland besuchte: das war ein ganz großer Erfolg, er wurde vom Publikum auf der Straße beklatscht. Seiner Meinung nach hat der General de Gaulle Deutschland die Ehre zurück gegeben. „Vous êtes un grand peuple“ (ihr seid ein großes Volk), meinte dieser „Visionär“.

Der Elysée-Vertrag war vor allem eine politische Aktion und ein großes Symbol. „Es gehörte zu dem Weg, Deutschland an den Westen zu binden.“ Die Wiedervereinigung konnte Deutschland nur „durch Neutralität“ erreichen.

Im Interview wurden noch Fragen zum ersten Weltkrieg gestellt. Das Schlimmste für General Speidel ist die Tatsache, dass der erste Weltkrieg nicht ausgereicht hat. Er erzählt, dass sein Vater 1914 an der Front war, nur 9 Meter entfernt von den Schützengräben der französischen Soldaten. In Versailles hatte dieser Vertrag 1918 die Schuld nur auf Deutschland geschoben. In England sagt man: „Don’t corner the ennemy“. Deutschland und Frankreich waren Feinde, aber wenn man in Frieden leben will, sollte man die Gegner nicht demütigen. 

Zu der Zeit waren Kriege zwischen Nationen an der Tagesordnung, niemals spontan. Die Ziele waren die Vermehrung von Territorium, Macht und Geld. Aber der Krieg mit dem bekannten Abschluss in Versailles hat eine andere Dimension genommen: das war nicht nur eine Rechnung oder eine Expansion, sondern auch eine Ideologie geworden. Dieser Fehler wurde nach dem zweiten Weltkrieg nicht wiederholt. Dieses Mal probierte man, Deutschland zu beteiligen.

Ein General ist selten ALLEIN

Text Marie Agard und Karen Díaz
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Interview mit Klaus-Heinrich Standke

Klaus-Heinrich Standke

„Ich wollte Deutschland von außen sehen.“

In seinem gemütlichen Zuhause in Berlin-Grunewald hat Klaus-Heinrich Standke aus seinem bewegten Leben erzählt und unsere Fragen beantwortet. Klaus-Heinrich Standke kam 1935 in Remscheid zur Welt. Seine Eltern zogen schon kurz darauf bis zum Kriegsende ins Hessische, in ein Dorf in der Nähe von Gießen. Die Familie zog dann weiter nach Montabaur. Mit 16 Jahren ging er im Stahlwerk in Wetzlar in eine Lehre und stieg rasch zum Exportsachbearbeiter auf. Er wechselte im Stahlhandel nach Essen, London, Berlin und Paris. Mit dem Begabtenabitur wurde er 1960 zum Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt zugelassen und verbrachte Studiensemester an der Sorbonne in Paris und an der TU in Berlin. Er promovierte 1970 zum Dr. rer. pol. an der TU Berlin. Anfang der 90er Jahre erhielt er die Ehrenpromotionen der Wirtschaftsuniversität Posen und der Internationalen Universität Moskau.

Früh schon entwickelte er die Vorstellung, dass er Deutschland von außen sehen wollte. So begann seine Karriere in den Weltorganisationen: Er war Mitarbeiter und Councellor bei der OECD und der EIRMA in Paris. Er wurde der erste deutsche Direktor für Wissenschaft und Technologie bei der UNO in New York. Es folgten Tätigkeiten bei den Unterorganisationen der UNO wie ACAST, SAC, CSTD und UNCSTD. Weitere Aufgaben im Bereich Erziehung, Wissenschaft und Kultur führten ihn zur UNESCO in Paris. Seit 1990 lebt Klaus-Heinrich Standke in Berlin und hat seit 2001 einen weiteren Wohnsitz in Cabourg/Frankreich. Es sollen hier nur noch einige Stichworte für die vielseitigen beruflichen und außerberuflichen Aktivitäten von Klaus-Heinrich Standke genannt werden: OstWestWirtschaftsAkademie (OWWA) in Berlin, Internationale Akademie Schloss Baruth, Komitee zur Förderung der deutsch-französisch-polnischen Zusammenarbeit („Weimarer Dreieck“). Klaus-Heinrich Standke ist weiterhin international unterwegs.

Auf unsere Frage nach seinen Gefühlen und Erlebnissen zum Elysée-Vertrag und dessen 50jährigem Bestehen hören wir noch keine besondere Wertschätzung dieses Vertrags. Es sei zwar ein sehr guter Vertrag, der auch nie verändert wurde, was einzigartig ist, aber er spielte für Klaus-Heinrich Standke keine Rolle. Seine Französischkenntnisse pflegte er sowohl durch einen Jugendclub mit Kontakten zu den jungen Offizieren der französischen Garnison in Wetzlar als auch durch einen privaten Schüleraustausch nach Paris 1952/53. Die Sprachkenntnisse erwiesen sich in seiner ersten beruflichen Tätigkeit als Karriere fördernd. Er bewunderte Charles de Gaulle für die Idee zu diesem geschichtlichen Vertrag. Die negativen Bilder, die die Nachbarn Deutschland und Frankreich voneinander hatten, konnten sich langsam auflösen. Und nicht nur die Bilder, sondern auch die aus den beiden Weltkriegen und dem Versailler Vertrag getragenen Feindschaften brachen auf und führten zu einer tiefen Freundschaft zwischen den Völkern.

Seiner Meinung nach haben auch der Mauerfall und die Wiedervereinigung nichts mit dem Elysée-Vertrag zu tun; er war kein Sprungbrett für diese beiden wichtigen Ereignisse. England und Frankreich hatten kein Interesse an der Wiedererstehung eines großen Deutschlands; Konrad Adenauer zu Zeiten der Vertragsunterzeichnung auch nicht. Der Elysée-Vertrag erreichte den Osten Deutschlands erst allmählich. Durch seine Arbeit für das „Weimarer Dreieck“ ist die Existenz des Elysée-Vertrags für Klaus-Heinrich Standke ein wichtiger Faktor geworden, und er beschreibt jetzt den Vertrag als einmalig und einzigartig.

Am 9. November 1989 befand sich Klaus-Heinrich Standke in Paris. Die Information über den Fall der Mauer machte ihn fassungslos; auch seine DDR-Kollegen, sagt er, glaubten es nicht. Sie hielten es alle im ersten Moment für eine Zeitungsente. Aber als der Mauerfall zu einem wirklich realen Ereignis wurde, war für Klaus-Heinrich Standke klar: „Da will ich dabei sein!“ Weil es in den bundesdeutschen Ministerien keine Möglichkeit der Betätigung für ihn gab, wurde er 1990 Gründungspräsident der OstWestWirtschaftsAkademie in Berlin. Er zog nach Berlin, und „drei Tage später war Deutschland wiedervereinigt.“

Wir haben darüber nachgedacht, ob sich sein Leben verändert hat durch den Mauerfall. Wir haben das bejaht, denn Klaus-Heinrich Standke hat noch nie in seinem Leben so lange an einem Ort gewohnt wie hier in Berlin nach dem Mauerfall. Alle seine 11 Ehrungen fallen in diese Zeit. Als eine vorläufige Krönung seines Lebens erhielt er im Dezember 2013 den Ritterorden der Französischen Ehrenlegion und das Kommandeurskreuz des Verdienstordens der Republik Polen für sein Tun und Wirken für die Verständigung unter den Nachbarvölkern. Kurz nach unserem Interview musste er zu einem Regierungsempfang nach Krakau reisen.

Das Interview führte Beate Lau, Berlin
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Interview mit Dr. Joachim Strassner

Joachim Strassner Ordensmeister

„Jeder bringt ein, was er bringen kann mit seiner eigenen Person.“

Er heißt Joachim Strassner und ist 1947 in Kiel geboren. Er ist seit sechs Jahren der Landesgroßmeister der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland und schon seit 39 Jahren in der Freimaurerei engagiert. Er ist von Beruf Arzt für Radiologie und Inneres.

Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, lag er am Strand in Ibiza. Er war der ärztliche Begleiter für eine Tanzgruppe. Als er die Nachricht bekam, war er natürlich sehr überrascht. Und nach dem Erstaunen kam die Freude. Mit den Leuten, die mit ihm auf Ibiza waren, hat er dieses Ereignis sehr spontan am Strand gefeiert.

Der Mauerfall war sicher ein wichtiger Wandel für ihn. Für ihn ist es immer noch unverständlich, dass dieser Ost-West-Konflikt so tief und so lang existiert hat. Seiner Meinung nach war das Verhalten zwischen den beiden Seiten sehr aggressiv. Die beiden Teile Deutschlands brauchten Zeit, um sich wieder näher zu kommen. Er war nicht persönlich betroffen von dem Mauerfall, weil er im freien Teil  gewesen ist. Dieses Ereignis hatte auch keinen großen Einfluss auf seinen Beruf. Die Freimaurer empfinden sich als ein richtiges „Volk“: in dieser Denkweise war eine Trennung untragbar. Aber tatsächlich waren die östlichen Logen beseitigt: sie wurden erst nach dem Mauerfall reaktiviert.

Er sieht keinen großen Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall. Aber er ist überzeugt, dass der Inhalt dieses Vertrages wichtig für Deutschland war. Er erlaubte z. B. den verschiedenen Logen aus Frankreich und Deutschland, wieder Kontakte aufzubauen. Er ist also eine wichtige Grundlage für die Freimaurerei.

Ein Freimaurer soll an sich selbst arbeiten. Das Prinzip ist ganz individualistisch. Man soll immer an sich selbst arbeiten, vor allem. Man soll sich nie fragen: „was können Andere tun?“, sondern „was kann ich für mich/andere tun?“ Die wichtigsten Werte sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Als humanitären Aspekt unterstützen sie auch Projekte; zum Beispiel Wohnheime für Jugendliche in Schwierigkeiten. Es ist sehr schwierig, die Zukunft vorherzusagen. Im Vergleich zur Zahl ausländischer Logen in der Schweiz oder in Amerika gibt es in Deutschland relativ wenige Logen. Doch man verständigt sich nicht über Zahlen. Die Zukunft hängt ab von jedem Einzelnen: jeder bringt ein, was er bringen kann, mit seiner eigenen Person. Die Zukunft hängt auch ab von dem Auftrieb und der Richtung, die die jungen Leute der Freimaurerei geben können. Aber die Perspektiven sind noch relativ gering.

Über das sogenannte Geheimnis der Freimaurerei wird viel spekuliert: das wirkliche Geheimnis ist, dass es keines gibt. Viele Gerüchte laufen in der Gesellschaft über die Freimaurerei. Aber man muss dieses Geheimnis erleben, um es verstehen zu können. Eine Grundvoraussetzung, um zur Freimaurerei zu gehören, ist für Dr. Strassner der christliche Glaube, obwohl sie immer eine schwierige Beziehung zu der katholischen Kirche gehabt haben. Aber die Freimaurer sind nicht angehängt an eine besondere Kirche: es gilt immer das individualistische Prinzip der Freimaurerei. Der Glaube hängt von dem Individuum ab, und die Gemeinschaft hat kein Recht auf Einsichtnahme in seine Meinungen.

Im Gespräch

Das Gespräch führte Marie Agard, Paris
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Interview Gabriele Thöne

Gabriele Thöne

„Dann gehst Du wohl nach Berlin?“

Gabriele Thöne wurde am 19. Februar 1958 geboren. Sie ist verheiratet. Sie hat Jura studiert und arbeitet heute als kaufmännischer Vorstand des Zoologischen Gartens Berlin und ist auch die kaufmännische Geschäftsführerin des Tierparks Berlin. Sie hat dort eine Jugendakademie gegründet, da sie Jugendlichen Natur und Tiere näherbringen will; Frau Thöne möchte ihnen etwas weitergeben. Und warum nicht Naturwissenschaft? Jugendliche beobachten in ihrer Akademie die Natur, was sie bewegt und was sie zusammen hält. Damit lernen sie, weitere Zusammenhänge zu verstehen.

Als wir zum Thema Mauerfall kamen, war sie begeistert, darüber reden zu können. Sie erzählte mir, dass sie sich am 9. November 1989 in Bonn befand und gerade die Bilder im Fernsehen schaute, als ihre Mutter anrief. Die Eltern waren 1953 von Sachsen-Anhalt noch über die grüne Grenze geflohen, und jetzt bei ihrem Anruf meinte die Mutter: „Dann gehst du wohl nach Berlin!?“ Frau Thöne ist nach Berlin gegangen und nicht nach Brüssel, was eigentlich auf ihrem beruflichen Lebensplan stand.

Als sie nach Bonn gezogen war, hatte sie sich ihre Wohnung neu ausgestattet. Sie wusste allerdings, dass diese Wohnung nicht ihre letzte sein würde. Nach dem Krieg hatten Familien diese Freiheit noch nicht. Sie würde weiterziehen. Frau Thöne hat nach den Fernsehbildern und nach dem Anruf ihrer Mutter nur an den West-Ost-Austausch gedacht, der in Berlin stattfinden würde. Sie wollte sofort dort arbeiten; sie wollte dort sein, wo sie etwas tun konnte und tun kann. Sie wollte dabei sein.

Bis zum heutigen Tag ist sie überzeugt, dass ihre Entscheidung damals richtig war, denn sie war „alternativlos“; und sie hätte nicht anders entscheiden können.

Ihrer Erfahrung nach war die Verwaltung, sie arbeitete im Haushaltsreferat des Bundesministeriums für Landwirtschaft in Bonn damals, oft sehr festgefahren und konservativ; man bewegte sich nur in bekannten Gefilden. Das sollte sich jetzt mit dem Mauerfall für sie ändern.

Als sie nach Berlin kam, war Frau Thöne eine „Übersetzerin“ zwischen dem Westen und dem Osten. Sie musste Meinungen und Differenzen zwischen beiden Seiten klären.

Nach Meinung von Gabriele Thöne führte der Elysée-Vertrag für Deutschland zur Öffnung nach Westen, zum Friedensprozess, zur Normalität. Für den Fall der Mauer war er nur ein Mosaiksteinchen. Der Elysée-Vertrag war für den Westen aber ein Fundament, ein Initialvertrag für ein neues Westeuropa. An das Ereignis des Abschlusses des Elysée-Vertrags hat sie nur die Erinnerung, dass sich zwei Männer die Hand gaben. Sie waren keine Erbfeinde mehr. Für ihre Eltern war dieses Ereignis nicht klar.  

Frau Thöne ist der Meinung, dass das Wesentliche von Kriegen das Blutvergießen und die Zerstörung sind. Aus der zerstörten Vielfalt aber hat es eine neue Chance gegeben: „Zum Glück ist es so.“

Gespräch im Wiener CaféText

Karen Díaz
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Interview Ben Wagin

Ben Wagin im Parlament der Baüme

„Für mich ist der Mauerfall ein Kinofilm.“

Ben Wagin, ein unvergleichlicher Mensch, hat das Parlament der Bäume geschaffen neben dem Gebäude der Bundespressekonferenz. Als wir mit ihm das Interview führten,  nannte er seinen Geburtsort nicht einfach mit reinen Erklärungen und Worten. Wagin beginnt eine kritische Ausdeutung, vielleicht eine Meinung, dass die Regierung in Berlin in der Zeit, als er geboren wurde, nicht die richtige war. Es gab Papiere der DDR, aber niemand hat deutlich gemacht, was in diesen Papieren stand.

(Sein „Garten“ ist immer geschlossen, er will ihn nicht für Jedermann öffnen. Für ihn ist Kultur das Verbrechen, das wir verhindern sollen. Kultur hat nichts mit Natur zu tun.)

Der Staat ist ein Haufen von Kriminalität.

Als ich wieder nach seinem Geburtsort fragte, erklärte er mir nur, dass das Geboren Werden mit der Zeugung beginnt. Er hat gelacht. Dann hat er den Hinweis gegeben, dass er aus Berlin ist, aber in der Nähe von Berlin geboren wurde, vielleicht nicht hier in Deutschland.

Eigentlich wurde er erst 1937 nach Berlin mitgenommen, als er 7 Jahre alt war. Es war das erste Mal, dass er nach Berlin gefahren ist.

Am 9. November 1989 war Wagin mit Kollegen dabei, Skulpturen zu schaffen. Es waren 18 Skulpturen, die eine „Erinnerung“ an den Beginn des Mauerbaus symbolisieren. 1947 wurde ein Baum gepflanzt und er steht noch jetzt da.

Wagin ist dem Thema ausgewichen. Ich habe noch einmal die Frage gestellt, was er an diesem Tag gemacht hat. Er antwortete nur: „Die Mauer war nur eine Begrenzung.“ „Der Mauerfall war keine friedliche Revolution.“. „Es war ein Tag wie jeder andere …“ „Alles war schon organisiert und geplant.“ Er hat aber wieder einen kritischen Spruch, wie den anderen, gesagt: „Geschichte ist die Lüge der Wirklichkeit.“ Damit meinte er, dass das, was die Historiker schreiben, einfach nur das ist, was von Anderen erzählt wird.

Wagin ist der Meinung, dass der Elysée-Vertrag wie ein Film ist, der schon in Fortsetzungen läuft. Sie hätten es mit oder ohne Frankreich geschafft. Dinge waren schon fortgeschritten. Es gibt keine Souveräne, da er nur Interessen vertritt, manchmal die eigenen.

Der Erste Weltkrieg war die Fortsetzung des Krieges 1870/71 zwischen Frankreich und Preußen.

Zuletzt habe ich Wagin gefragt, was er über das Leben denkt. Er meinte, es ist ein Zustand. Es hängt davon ab, wie man erzogen ist, da die Kultur, die jeder hat, die Art und Weise beeinflusst, wie man lebt und wie man sterben will. Auch die Form, wie man begraben sein will.

Seiner Meinung nach ist der Tod das positive Ereignis des Lebens. Er ist eine Lebensbegegnung. „Gelebtes Leben ist tot.“

Wagin ist gegen Krieg und Gewalt. Für ihn ist der Mauerfall ein Kinofilm.

Vor der ehemaligen Berliner Mauer

Text Karen Díaz
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Interview Udo Walz

Udo Walz

„Seit dem Fall der Mauer kennen mich 98 Prozent der Deutschen.“

In seinem großen Salon im Kempinski-Plaza am Kurfürstendamm in Berlin gab uns Udo Walz das Interview. Manche Kundin wartet lange auf einen persönlichen Termin mit Udo Walz. Wir bekamen den Gesprächstermin sofort.

In Stuttgart erblickte Udo Walz am 28. Juli 1944 das Licht der Welt und lebte dort bis zu seinem 18. Lebensjahr. Er hatte seine Friseurlehre beendet und ging für eine Saison in die Schweiz nach St. Moritz. Dieser mondäne Ort hat wahrscheinlich die Grundlagen geschaffen für seine Karriere, hat er doch dort schon als so junger Mann z. B. Marlene Dietrich oder Paola von Belgien als Kundinnen gehabt. Zurück in Deutschland, ließ er sich in Berlin (West) nieder, weil die Berliner jungen Männer nicht zum Militär eingezogen werden konnten. Er baute seine Karriere auf und eröffnete 1969 seinen ersten eigenen Friseursalon, dem bis heute neun weitere in Berlin, in Potsdam und auf der Insel Mallorca folgten. Zu seinen Kunden gehört und gehörte Politikprominenz: Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Gerhard Schröder, Johannes Rau, Helmut Kohl, und natürlich auch Stars wie Judy Foster, Charlize Theron, Ursula Karven, Claudia Schiffer, Julianne Moore, Barbara Becker, Julia Roberts, oder auch Romy Schneider, Maria Callas, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan.

Udo Walz ist auf den Modeschauen in der ganzen Welt zu Hause. Er wohnt mit Lebenspartner Carsten in Berlin. Er ist ein echter Berliner geworden. Und er sieht aus wie der jüngere Sean Connery.

Udo Walz hat sich immer schon mehr für „hair affaires“ als für Politik interessiert. Er hat die Bilder von Charles de Gaulle und Adenauer zum Abschluss des Elysée-Vertrags im Fernsehen verfolgt und ist auch heute noch beeindruckt von dem Werk der beiden Männer. Als Schüler oder junger Mann hat er an keinen Jugendaustausch teilgenommen, und die „Verbrüderung“ der Erwachsenen ließ ihn kalt. Er hat aber festgestellt, dass Deutsche und Franzosen ihre Abneigung und Arroganz nach und nach aufgegeben und zu einem guten Miteinander gefunden haben. Dass ein Karl Lagerfeld in Paris das große Modegeschäft von Coco Chanel übernehmen konnte, ist für Udo Walz ein Beweis für die Veränderungen, die durch den Elysée-Vertrag entstanden sind.

Am Abend des 9. November 1989 saß Udo Walz mit einem Bankdirektor beim Fondueessen. Als dann auf dem Kurfürstendamm immer mehr Trabis auftauchten, die nicht zu überhören waren, machten sie das Radio an und hörten die Nachricht von der Öffnung der Mauer. Sie waren überrascht und sehr erfreut. Schnell waren sie mitten unter den rauchenden und Kaffee trinkenden jungen Leuten. Udo Walz ließ an diesem Abend drei junge Leute bei sich zu Hause übernachten. Er fand den Mauerfall „toll“ und aufregend.

Dazu gehörte für ihn auch, dass er in den Osten, das war erst einmal Ostberlin, fahren konnte. Für ihn ist der Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte der schönste Platz Europas. Auch geschäftlich war für Udo Walz der Mauerfall ein Glücksfall. Die Stars der DDR kamen alle zu ihm, um sich von dem westlichen Haarkünstler verschönern zu lassen. Seine Popularität und auch seine Geschäfte wuchsen, und 98 Prozent aller Deutschen kennen Udo Walz.

Gründe und Hintergründe zu den beiden Weltkriegen, deren Beginn vor 100 Jahren (Erster Weltkrieg) und 75 Jahren (Zweiter Weltkrieg) liegen, haben Udo Walz nie interessiert. In seiner Familie wurde darüber nicht gesprochen. Er weiß nur, dass niemand etwas von den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs gewusst hat (haben sie behauptet) und dass alle diejenigen, die den Ersten Weltkrieg erlebt haben, schon lange tot sind.

Udo Walz schaut nicht zurück. Er interessiert sich für die heutige Jugend, er bildet sie aus. Sein Rat für die jungen Leute: „Seid diszipliniert, fleißig und zuverlässig  –  und benutzt ein Deo.“

Beate Lau und Udo Walz

text Beate Lau
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Interview Dr. Stefan Welzk

Stefan Welzk

„Als die Universitätskirche in Leipzig gesprengt wurde, bin ich gegangen.“

Alte Freunde sind Beate Lau und Stefan Welzk. In einer WG in München hatten sie sich kennen gelernt. Viele Jahre später hat er gern auf unsere Fragen geantwortet. Zuerst wusste er nicht genau, was wir von ihm erwarteten, aber danach hat ihm das Spiel gefallen.

1942 ist er in Leipzig geboren. Er hat dort Physik studiert, Philosophie in München und Hamburg, Wirtschaft in Florenz, London und Konstanz: ein kosmopolitischer Mann. Danach hat er sich um verschiedene Dinge gekümmert: er war Journalist, Buchautor, aber auch Forscher im Max-Planck-Institut in Starnberg. 

Am 9. November 1989 war er in Düsseldorf für eine Session der deutschen Gewerkschaften. Man sprach dort über Wirtschaft. Die Nachricht vom Mauerfall hat er durch das Fernsehen bekommen. Seiner Meinung nach war es einer der größten Fehler seines Lebens, dass er nicht sofort nach Berlin gefahren war. Der Mauerfall war eigentlich eine „historische Befreiung“, und er möchte gern dieses Ereignis im Herzen erleben, das heißt in Berlin, wo alles möglich geworden war. Ein „alter Traum“ hatte sich realisiert. Das war schön, aber auch „gefährlich“ für Deutschland. Man wusste nicht, was passieren konnte. Es gab viele Missverständnisse zwischen den beiden deutschen Staaten.

Seine Familie, seine Frau und zwei Kinder, waren damals am Bodensee.

Er sagt, dass alles sich aufgelöst hat wegen einer „Dummheit der SED“. Als Ungarn und die Tschechische Republik ihre Grenze aufgemacht hatten, fühlte man schon den Wind der Freiheit.

Obwohl der Mauerfall wichtig für ihn war, hat es sein Leben nicht verändert. Die DDR war hinter ihm schon seit 1968. Als die Universitätskirche in Leipzig, ein architektonisches Juwel, gesprengt werden sollte, hatte er mit einer Plakataktion dagegen demonstriert. Problematisch ist, dass er danach bekannt war als ein Gegner der DDR. Er hatte dann der Wahl: Flucht oder Gefängnis. Er war seit langem in die Freiheit verliebt: so ist er ein enormes Risiko eingegangen, um in den Westen zu gelangen. Von Bulgarien aus ist er mit einem Freund in einem Kajak über das Schwarze Meer in die Türkei geflohen, von wo aus er nach weiteren Schwierigkeiten Westdeutschland erreichen konnte. Schöne Reise … Das war eindrucksvoll zu sehen, bis wo die Lust für Freiheit Mensch bringen kann. Der westliche Lebensstandard war nicht der Grund für seine Flucht. Die einzige Motivation war intellektuell: er konnte nicht mehr in diesem kommunistischen System leben. 

Nach ihm ist es ganz klar, dass der Elysée-Vertrag und der Mauerfall keinen Zusammenhang haben. Das Erste war eine „Entkrampfung“ und machte einen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich unvorstellbar. In einem freundlichen und besorglichen Klima konnten die Regierungschefs sich treffen, und vor allem sich verständigen. Seiner Meinung nach war dieser Vertrag das stärkste Moment seit dem zweiten Weltkrieg: aber endlich positiv. Der Hass konnte endlich verschwinden und die Kooperation konnte weitergehen. Die Emotionen aus dem Krieg waren endlich gefallen.

Das erste Adjektiv, das kommt, um den ersten Weltkrieg zu beschreiben, war „oberflächlich“. Dann kommt „überraschend“. Nach ihm war der Kaiser ein „Idiot“ und ein „Trottel“, weil er Imperialismus und Lust an großer Macht in Europa mitgebracht hat. Sein Deutschland war „chauvinistisch“. Macht und nationale Einheit waren die einzigen Ziele geworden, und Wilhelm II verkörperte diese Lust. Ohne den ersten Weltkrieg hätte man keinen zweiten Weltkrieg erlebt.

Text Marie Agard
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Interview Thilo Harry Wollenschlaeger

Thilo Harry Wollenschlaeger

„Papa, ich bin Deutscher,“ sagte sie.

Schöner Sommer, schönes Wetter, schöne Leute … Mit kühlen Getränken hat uns Thilo Harry Wollenschlaeger willkommen geheißen. Wir befanden uns auf dem Feld, wo das 53. Deutsch-Amerikanische Volksfest stattfinden wird. Wir haben auf Bänken im Sand gesessen, was uns einen Strandeindruck bot. Das und andere Fakten schafften ein erfolgreiches Interview.

Wie immer haben wir uns zuerst vorgestellt und baten Wollenschlaeger auch darum: Er ist am 14. Februar 1966 in Westberlin geboren. Er hat die Schule bis zum Realabschluss besucht. Danach war er drei Jahre lang Volontär. Er hat keine Ausbildung, aber die nächsten dreieinhalb Jahre nach der Volontärzeit alles Mögliche gemacht. Er war in einem Steuerbüro tätig. Außerdem hat er in einer Autowerkstatt gearbeitet, war als Schweißer tätig und hat den Schweißerpass erworben.

Als nächstes arbeitete er im Betrieb seiner Eltern, die u. a. eine Losbude besaßen, von der man sagt, sie sei eine Lotterie. Das dauerte drei Jahre, bis er sich am 20. März 1989 selbstständig machte. Dieses Datum behält er so genau, weil nur 7 Tage später seine erste Tochter geboren wurde.  

Dann stand die Übernahme des Schaustellergeschäfts seines Vaters an. Er ist in den Osten gefahren und hat dort viele Sachen angeschafft. Er ist bis heute als Schausteller mit einem  großen Geschäft tätig.

Zum Liebesleben erzählte er, dass er einmal verheiratet war und ein Kind mit seiner ersten Frau hat: Louisa. Er ist geschieden und hat später eine tolle Frau getroffen, mit der er zwei Kinder hat: Paula, 13 Jahre alt, und einen 8-jährigen Sohn, der wie Boris Becker aussieht.

Die persönlichen Fragen waren vorbei. Die Geschichte vom Tag des Mauerfalls hat erst begonnen. Für ihn hat das Ereignis schon am 8. November angefangen. Er befand sich an diesem Tag schon am Brandenburger Tor und war begeistert. Wollenschläger hat an der Stimmung bemerkt oder gefühlt, dass etwas passieren würde: Leute waren auf der Straße, und es gab ein paar Demonstrationen; die Ereignisse des nächsten Tages schienen sich anzuzeigen. Als „dummer Jungenstreich“ ist er mit Freunden an diesem 8. November auf die Mauer geklettert. Er verlor das Gleichgewicht, und als er vom Boden aufstand, zielten Volkspolizisten mit Gewehren auf ihn. Seine Freunde haben ihn mit aller Kraft wieder auf die Mauer gezogen, und dabei hat er sich am Arm verletzt. Er zeigt uns die Narbe, die ihn an diesen Tag erinnert.

Am nächsten Tag, dem Tag des Mauerfalls, war er wie berauscht. Er war mit 12 Freunden mit seinem VW-Golf an der Grenze unterwegs. Sie sind da und auch am Kurfürstendamm mit großer Aufregung, großer Spannung herumgefahren. Es war für ihn eine tolle Zeit.

Damals hat er vor Glück geweint, als er die Nachricht bekam. Er war beeindruckt und, wie schon gesagt, hat sich total gefreut. Seine Freude war so groß, dass es auch heute in seinen Augen gespiegelt wird, wenn er die Geschichte erzählt.

Er war total begeistert, dass man von diesem Moment an frei reisen konnte. Vorher brauchte man drei Stunden, um über die Transitstrecken nach Westen zu fahren. Das war das Produkt eines Unrechtsstaates, und es produzierte ein ungutes Gefühl im Magen. Jetzt meint er: „Man musste keine Angst haben … Sie (die DDR-Regierung) konnte aber Dinge ohne Grund machen.“ Er hatte kein Problem mit dem Staat; was er fühlte, war nur Respekt, keine Angst.

Seit dem Tag des Mauerfalls hat das Leben für ihn eine neue Bedeutung. Es war wie eine neue Zeitrechnung, eine neue Geburt. Sein Leben hatte menschlich und wirtschaftlich einen anderen Sinn bekommen. Er hat seine jetzige Frau kennengelernt, die aus dem Osten kommt, aus Magdeburg. Außerdem konnte er als Schausteller jetzt frei reisen. Berlin wurde größer und es gab für ihn viel mehr Orte, wo er seine Schaustellergeschäfte präsentieren konnte.

Als wir ihn fragten, ob er einen Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall sieht, fand er keinen. Der Druck der Menschen, die eingesperrt waren, wurde immer größer und hat die Mauer gesprengt. Die DDR würde heute noch bestehen, wenn es die Reisefreiheit gegeben hätte. Heutzutage ist z. B. das Gefühl, frei zum Flughafen gehen und nach Mallorca reisen zu können, unvergleichlich. Damals hatten die Menschen das nicht.

Mit dem Elysée-Vertrag wurde alles normalisiert, meint er. Jetzt sind die Sachen global. „Wir leben heutzutage in einer tollen Zeit, in der wir keinen Hunger, keinen Durst und viel Freiheit haben. Wenn wir essen oder trinken wollen, können wir einfach einkaufen gehen. Jetzt machen wir uns aber den Stress selber. Wir  haben diese Sehnsucht, immer das Neueste zu haben: das neue i-Phone, die neuen Computer … Europa wurde zusammengebaut, und es ging nicht nur um „Scheißgeld“. Es war der richtige Weg, trotz vieler Schwierigkeiten. Jetzt ist Europa groß. Und der Elysée-Vertrag ist eine Brücke gewesen, damit die Mauer fallen konnte.

Er erzählte uns begeistert eine Anekdote aus seiner Familie. Vor zwei Jahren ungefähr war er im Auto unterwegs mit seiner Frau und seinen Kindern. Er ärgerte aus Spaß seine Frau: „Du bist Ossi, ich bin Wessi“ und fragte dann seine Tochter: „Und was bist Du denn nun, Ossi oder Wessi?“ Sie antwortete selbstbewusst: „Papa, ich bin Deutscher“. Das überraschte uns alle!

Zum letzten Teil des Projekts wurde er nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs gefragt. Was er davon weiß, hat er in Geschichtsbüchern gelesen. Dass zwei Kriege von deutschem Boden ausgingen, findet er sehr schlimm. „So etwas darf nie wieder geschehen.“

Thilo und 4 Damen

Text Karen Díaz
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Interview Isil Yalcinkaya

Isil Yalcinkaya

„Man muss lernen, eine Mauer zwischen sich und den Patientinnen zu bauen.“

In der „Sauna“ – das ist der Name des wärmsten Zimmers im Virchow Klinikum – hat Frau Isil Yalcinkaya uns empfangen. Ich hatte am Sonntag ihren Mann schon kennen gelernt.

Sie ist 44 Jahre alt und eine ausgebildete Krankenschwester. Sie ist in der Türkei geboren, aber mit 11 Jahren von den Eltern nach Deutschland geholt worden. Ihre Eltern waren schon seit 1970 dort, und wegen der politischen Ereignisse in ihrem Heimatland Türkei wollten sie, dass die Kinder mit ihnen in Deutschland leben. Sie hat ihre gesamte Ausbildung in diesem Krankenhaus gemacht, hat auf vielen Stationen gearbeitet und kümmert sich jetzt um Forschung und klinische Studien in der Abteilung für Frauen. Sie bereitet die Medikamentenprüfung vor, überwacht die Patientinnen und kümmert sich viel um Chemotherapie. Sie sagt über ihren Beruf, dass man lernen muss, eine Mauer zwischen sich und den Patientinnen zu bauen. Sonst wird er untragbar. Sie brauchte fast drei Jahre, um diese innere Grenze zu schaffen.

Seit 1991 ist sie deutsche Staatsbürgerin. Und Sie haben das schon verstanden: sie ist verheiratet.


Am 9. November 1989 hatte sie die Nachricht noch nicht bekommen. Deshalb war sie sehr erstaunt, als alle sie am nächsten Tag fragten: „Hast du von diesem unglaublichen Ereignis gehört?“ Für sie kam der Mauerfall sehr überraschend. Sie hatte Berlin nur mit dieser Grenze kennen gelernt. Sie konnte sich Berlin nicht anders vorstellen. Die Mauer gehörte dazu. Als Mädchen war sie immer sehr schockiert, wenn die Familie mit dem Auto in die Türkei fuhr. Sie mussten durch dieses andere Deutschland fahren und die lange und schreckliche Kontrolle ertragen. Trotzdem gewöhnte sie sich an dieses geteilte Land. Doch das Motto war für sie: „ein Volk, eine Grenze“. Deshalb findet sie es immer schlimm, dass man noch große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland macht.

Der Mauerfall brachte für ihr persönliches Leben keine großen Veränderungen.

Ihrer Meinung nach ist der Elysée-Vertrag einfach ein Freundschaftsvertrag. Sie hat, wie sie sagt, keine Ahnung von den politischen Hintergründen. Das – erreichte – Ziel dieses Vertrags war, die beiden Bevölkerungen zueinander zu bringen. Sie meint auch, dass solche Verträge mit viel mehr Ländern gemacht werden sollten. Der Elysée-Vertrag erlaubt z. B. einen tiefgehenden Austausch, zumindest aber kulturelle Fortschritte.

Der Beginn eines Krieges ist für sie immer eine blöde Geschichte. Wenn ein Land etwas für sich selbst erreichen will, führt es oft zu einem Krieg. „Krieg muss nicht sein.“ Heutzutage gibt es genug Sorgen für jeden Tag und auch für die Zukunft: man will jetzt Frieden.

Isil Yalcinkaya

Text Marie Agard
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Interview von Mustafa Yalcinkaya

Mustafa Yalcinkaya

„Ich kenne Grenzstädte von klein auf an.“

Am Winterfeldmarkt haben wir Mustafa Yalcinkaya kennengelernt. Ich kannte diesen Platz nur von Markttagen. Er schien am Sonntag sehr leer. Aber in dieser ruhigen Atmosphäre konnten wir uns gut unterhalten.

Am 28. April 1963 wurde Mustafa Yalcinkaya in Antakya geboren. Diese türkische Stadt befindet sich nicht weit entfernt von der syrischen Grenze. Mit fünf Jahre ist er mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, seine Eltern waren Gastarbeiter. Der Vater arbeitete damals bei Siemens als Monteur, während die Mutter eine Arbeitsstelle zuerst bei AEG, dann in einem Krankenhaus gefunden hatte. Nach dem Abitur besuchte er die Hochschule, aber er hat das Studium nicht abgeschlossen. Danach begann er ein Studium für Graphikdesign und IT. In diesem Bereich arbeitet er immer noch als freiberuflicher Graphikdesigner. Er kümmert sich meistens um Internet Server, Telefonanlagen und Computer Netzwerke.

Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. In Deutschland spricht man von ihm als einem Ausländer, in der Türkei von einem Deutschländer. Beide Länder sind seine Heimat.

Im Jahr 1989 arbeitete er am Flughafen Schönefeld für eine Hamburger Firma, wohnte aber weiterhin in Westberlin. Er durfte ein Arbeitsvisum benutzen, um einfacher die Grenze zu überqueren. Sonst hätte er als ausländischer Staatsbürger durch den Checkpoint Charlie gehen müssen, um in die DDR zu fahren.

Er hat die Nachricht von der Maueröffnung von den östlichen Bodenhostessen am Flughafen gehört. Er hat sich natürlich gefreut, er war „positiv überrascht“, dass alles ohne Blutvergießen und glimpflich abging. Er war immer überzeugt gewesen, dass die Mauer nicht endlos überleben konnte. Die Niederschlagung der Demonstration in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens und die Ereignisse im Osten, in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei hatten seiner Meinung nach schon eine Richtung vorgegeben.

Der Mauerfall brachte für ihn keinen persönlichen Wandel, aber einen beruflichen. Die Situation war für ihn finanziell sehr lukrativ danach.

Der Élysée-Vertrag, meint er, ist zuständig für den Mauerfall. Charles de Gaulle hat dabei eine große Rolle gespielt, gemeinsam mit Konrad Adenauer. Die wichtigste Auswirkung dieses Vertrags ist, dass Frankreich und Deutschland in der Europäischen Gemeinschaft immer zusammen halten. Jetzt ist keine Entscheidung möglich ohne eines dieser beiden Länder, wegen ihres politischen und wirtschaftlichen Gewichts.

Auf die Frage nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs antwortet er, dass der Mord von Sarajevo der Auslöser war. Aber es gab in jenen Jahren „zu viel Militär auf allen Seiten.“ Das Tragische ist, dass man nichts daraus gelernt hatte, sondern den Zweiten Weltkrieg führte. Ein Krieg reichte leider nicht.

Im Gespräch

Text Marie Agard
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Interview Ulli Zelle

Ulli Zelle

„Die Mauer ist gefallen, weil … !“

Wir waren verabredet mit Ulli Zelle und durften ihn im Funkhaus des rbb (Rundfunk Berlin-Brandenburg) besuchen. Wir haben uns mit ihm in der Kantine getroffen und dort das Interview geführt.

Ulli Zelle wurde am 19.06.1951 in Obernkirchen, Niedersachsen, geboren. Er studierte an der UdK (Universität der Künste) in Berlin. Nach dem Abschluss des Studiums arbeitete er bei Zeitungen, auch Bezirkszeitungen, beim Radio & Fernsehen SFB und rbb, auch bei den Regionalprogrammen RE und RB.

Durch seine Arbeit hier in Berlin war er zu allen Zeiten immer wieder an der Bösebrücke, dem Grenzübergang Bornholmer Straße, der für Bundesbürger und Westberliner für den Übergang in den Ostteil festgelegt war.

Der Mauerfall war für ihn kein zufälliges Ereignis. Er war bei der Pressekonferenz anwesend, als Schabowski, der Pressesprecher der Regierung der DDR, sagte: „Die Reiseregelung gilt ab sofort.“ Er hat die Pressekonferenz für das Fernsehen zusammengeschnitten und ist sofort weiter zu den innerstädtischen Grenzübergängen gezogen. Gegen 23 h ging der Schlagbaum an der Bornholmer Straße hoch. „Wir wussten, dass etwas Außergewöhnliches passierte, was unser Land verändern würde. Das war spürbar. Die West-Kameramänner waren über die sonst verbotene weiße Linie vorgerückt. Es gab darauf keine Reaktion der Polizei oder der NVA.“ Ulli Zelle hat dann 48 Stunden durchgearbeitet, damit ihm nichts von der neuen Situation entgeht.

Für ihn hat es insofern einen Wandel gegeben, als er beschloss, in Berlin zu bleiben.  Diese Entscheidung stellte sich als eine Bereicherung seines beruflichen Lebens heraus, weil er jetzt in der Hauptstadt war und mit vollziehen konnte, wie Berlin und die beiden Staaten zusammenwuchsen. Alle Größen von Politik bis Popp kamen nach Berlin.

Zwischen Mauerfall und Elysée-Vertrag sieht er keinen Zusammenhang. Die Mauer ist gefallen, weil der Protest der DDR-Bürger nicht mehr aufzuhalten war.

Der Elysée-Vertrag war wichtig für den Westen. Die deutsch-französische Freundschaft, insbesondere unter den Jugendlichen, wurde groß geschrieben. Es wurden Partnerschaften zwischen Städten geschlossen; Jugendhotels, Jugendcamps, Austauschaktionen und vieles mehr wurde entwickelt. Ulli Zelle hat nur etwa sechs Monate französisch gelernt. Er hat damals wegen einer jungen neuen Lehrerin aufgehört, was er heute natürlich bedauert.

Der Vertrag ist eine Errungenschaft und ein großes Verdienst von de Gaulle und Adenauer, die so etwas schon 10 Jahre nach dem Krieg festgeschrieben haben. Es war ein großes Entgegenkommen vor allem von den Franzosen.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs begann das Unglück Europas und Deutschlands, weil er eine Ära zerstörte, die Frieden, Kultur und wissenschaftliche Erfindungen gebracht hatte. Weil Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor, konnte Hitler hochkommen. Der Kaiser als Integrationsfigur hätte damals nicht abdanken dürfen. Ulli Zelle verweist auf das Buch „1913“, in dem beschrieben wird, was passiert ist und dass es eine Blütezeit war, die durch den Krieg verloren ging.

Text Karen Diaz