Wortkalender für Februar

Nun bleibst du aber bei mir!  Von der Ewigkeit des Augenblicks

„Je älter man wird, desto mehr braucht man einen „Weißt–du-noch?-Freund“, brachte es Tilla Durieux einstens auf den Punkt. Als ich sie neulich damit zitierte sahen mich freundlich geschätzt drei viertel der Anwesenden fragend an und zwar nicht ob der Trefflichkeit der Feststellung, sondern weil ihnen der Name der Dame so gar nichts mehr sagte. Der Wind des Vergessens hatte ihn einfach mit sich in sein Reich genommen. Ich stand mithin alleine da wie eine Brücke, über die keiner mehr geht. 

Tilla Durieux, in den 20érn des letzten Jahrhunderts, die wir ja in diesem Jahr nochmal Revue passieren lassen wollen, da war sie bekannt – mit Verlaub – wie der sprichwörtliche bunte Hund. Sie, die begnadete Schauspielerin und er, ihr Mann Paul Cassirer, seines Zeichens Galerist, das Traumpaar der Weimarer Zeit. Wer bei ihnen eingeladen war, der gehörte dazu. Künstler wie Corinth, Barlach, Kokoschka und Renoir haben ihre Schönheit eingefangen für die Ewigkeit. Paul Cassirer hingegen konnte sie nicht halten, schoss sich deshalb ins Herz und rief ihr mit dem Tode ringend und scheidungsunwillig jenen Satz zu: „Nun bleibst du aber bei mir!“ Sie blieb nicht, wohl aber Renoirs berühmtes Gemälde von ihr, das nunmehr und über alle Zeiten hinweg ohne Worte zu uns spricht in New York im Metropolitan Museum of Art.

Wenigen der damaligen Schauspieler ist es vergönnt, mittels des kollektiven Gedächtnisses in uns zu verweilen. Zu ihnen gehört ohne jeden Zweifel Charlie Chaplin. The Kid, Goldrausch und schließlich Modern Times sind teilhaftig, for ever and a day. Zumal, wer hätte denn auch sonst die unendliche Endlichkeit des – oder soll ich sagen eines – mit der Weltkugel spielenden Großen Diktators besser für uns entlarven können als er?

Ja, gut, dass es Maler gab und gibt. Und Menschen wie Emilie Esther Scheyer, die heute leider auch nur noch wenige unter uns kennen. Die wegen ihrer rabenschwarzen Haare Galka Scheyer genannte Malerin, die auf die geniale Idee kam, „Die Blaue Vier“ aus der Taufe zu heben und damit Feininger, Kandinsky, Klee und Jawlensky über den atlantischen Teich hinaus ins Licht der Öffentlichkeit zu setzen.

Konnten Palette, Film, Fotoapparat oder Tonträger Künstler vor dem Abgleiten in die Zeit auch mitunter bewahren, so hatten und haben es aus meiner Sicht doch zu allen Zeiten am schwersten die Tänzer. Jene Kunstgattung ist bereits im Moment der Ausführung – ja sogar ihrer Choreographie – der Vergänglichkeit geweiht, Schritt um Schritt, unweigerlich. Hier trifft Hebbels Wort ins Mark wie ein nicht zurückholbarer fliegender Pfeil:

“Den Augenblick immer als den höchsten Brennpunkt der Existenz, auf den die ganze Vergangenheit nur vorbereitete, ansehen und genießen, das würde Leben heißen!“

Gewiss, dieser Tage sieht man oft Filmausschnitte der unvergleichlichen Josephine Baker. Wer aber denkt noch an die Perfektion eines Vaslav Nijinsky, an Mary Wigmans Hexentanz“? Deren Schatten sind uns nur vorausgegangen. Tröstlich, dass Menschen wie Georg Kolbe, dass Maler, Fotografen und Filmschaffende – vom Gesang sprechen wir einmal gesondert – jene flüchtigen Augenblicke dieser Profession festgehalten haben ohne ihnen Fesseln anzulegen. Auch wenn jemand wie Anita Berber, die Femme fatale der 20ér, entschwunden wäre mit ihrer ganz speziellen sinnlichen Kunst, hätte sie, die Lebenssüchtige, nicht ein Otto Dix als Todesgöttin verfremdet und für uns aus dem Spiegel der Zeit, aus dem hic et nunc, errettet.

Tilla Durieux jedenfalls beendet ihre Lebenserinnerungen mit unverhohlener Freude, wenn sie sagt: “Es war sehr schön, einen „Weißtdunochmenschen“ zu sprechen.“ Übrigens nannte sie ihre Biographie „Eine Tür steht offen“. Erinnern Sie sich des Öfteren in diesem Jahr einmal daran und gehen ziehen für sich, mit anderen oder auch sehr gerne mit mir jenen Vorhang weg, der zu trennen versucht zwischen gestern und heute. Denn dazwischen liegt schließlich nur ein Augenblick.

In diesem Sinne einen wunderschönen Februar und feiern Sie jeden Augenblick Ihrer Zeit, er ist doch Ihr Geschenk und Vermächtnis zugleich.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne