Wortkalender für März

Der Wind hat mir ein Lied erzählt.
Von der Gegenwart der Vergangenheit

„Auch in der Wüste lasse ich eine Straße entstehen“, heißt es bei Jesaja.
Die Straße als Metapher der Ordnung, eine Sichtachse zwischen Anfang und Ende, so wie wir es brauchen, mit Häusern und Plätzen zum Verweilen, mit Schmuddelecken und verborgenen Hinterhöfen. Und mit Menschen, achtsam oder auf dem Durchweg, stets aber sich verlierend.

Ich ziehe den Mantelkragen hoch. Der Märzwind bläst ordentlich und schiebt mich nach vorn. Seit einiger Zeit gehe ich nun schon durch die Straßen und lasse mich zwischen zwei Terminen einfach mal treiben. Wo bin ich gerade? A ja, Fasanenplatz, Wilmersdorf. Ich schlendere weiter, vorbei an alten Bürgerhäusern, kleinen Cafés, Antiquarien, Restaurants. Heute habe ich einmal Zeit zum Schauen und Verweilen, wie kostbar. Ich blicke auf. Wieder mal stehe ich also vor der Hausnummer 60. Ein Haus in schnörkellosem Grau, links neben der Eingangstür untereinander zwei Gedenktafeln, Jary und Balz steht darauf.

Michael „Mäcki „ Jary, der eigentlich Jarczyk hieß. Der Komponist, der „Dominus der deutschen Schlagerindustrie“, wie ihn der Spiegel einstens nannte, lebte von 1937 bis 1949 in jenem Haus. Jary verstand es, sein „kreatives Pendant„ zu retten, den unvergleichlichen Bruno Balz, einer der produktivsten deutschen Text- und Schlagerdichter, der ebenfalls in diesem Haus für ein Jahr bis 1933 lebte. Wer kennt heute noch Bruno Balz, frage ich mich wehmütig. Seine Lieder kannten Millionen. Manche von ihnen waren von Balz im Angesicht der Gestapo-Folter geschrieben worden, wie der Durchhalte-Schlager „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“. Er, Balz, der Unbrechbare, der sich bereits in den 20érn zu seiner Homosexualität offen bekannte, was kann man aus seiner Vita noch alles lernen und be-greifen, gerade auch in der heutigen Zeit.

Ich komme ins Grübeln und trete einen Schritt zurück, schaue auf den Boden. Schnell trete ich beiseite: 8 nebeneinander, einer in der zweiten Reihe darunter mittig. Hier wurde dem Unfassbaren Namen gegeben, zurückgegeben. Menschen, die ebenfalls in jenem Hause Nummer 60 gelebt hatten. So wie Helene Konicki. 1920 war sie 47 Jahre alt, mit 70 wurde sie ermordet in Auschwitz. Und da riskieren wir schon wieder sehenden Auges, dass Ausgrenzungen schleichend hoffähig werden? Max Liebermann beim Anblick des Fackelzugs schießt mir durch die Seele: „Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte.“ Ich reiße mich los und…

… Und stehe ein Haus weiter vor Nummer 61. Hier, in dem mehrstöckigen hellverputzten Gründerzeitbau mit der prächtigen Eingangstür, lebte Heinrich Mann, geboren 2 Jahre vor Helene Konicki. Sein Professor Unrat fällt mir ein, besser bekannt unter “ Der blaue Engel“. Ich nehme mir fest vor, wieder in seinen 1920 bereits seit 4 Jahren in Deutschland verlegten Roman „Der Untertan“ zu schauen: Vielleicht finde ich da ja Antworten auf Fragen, die sich mir heute für die Zukunft stellen. Begann dieses Werk nicht mit den Worten; „Dietrich Heßling war ein weiches Kind“ und geht weiter mit „Wer treten wollte, muß sich treten lassen.

Ich gehe die Straße weiter in Richtung KuDamm. Menschen laufen an mir vorbei. Es regnet, so ist der März eben. Vorbei an Auslagen mit den Zeugnissen vergangener Tage, ob sie gut waren, wer weiß. Entlang zieht es mich am Lichtschein, der sich aus dem Literaturhaus einladend in den jungen Abendhimmel austreckt. Stimmt, Fasanenstraße 74/ Ecke Ku´Damm 217, ein schneeweißer, markanter wilhelminischer Gebäudekomplex, der hier die Ecke prägt wie ein riesiges Stück Buttercremetorte. Einer seiner ersten Bewohner war übrigens der Starviolinist, Komponist und Dirigent Joseph Joachim, dessen Spuren im Stadtbild bis auf einen wenig einladenden Platz im nahegelegenen Grunewald mit unscheinbarem Bronzeschild im Stadtbild nahezu verweht sind; stattdessen gedenken wir bis heute einer Pfälzer Weinbaugegend, nachdem die Joseph-Joachim-Straße 1939 von den Nazis umbenannt wurde in „Oberhaardter Weg“.

Aber, wer erinnert sich denn auch schon an das genau in diesem Hause betriebene, geradezu legendäre Nelson-Theater von Rudolf Nelson (eigentlich Lewysohn heißend), das dem Berliner Nachtleben den Goldenen Zwanzigern nicht nur durch Josephine Baker erst den rechten Glanz verlieh. Wäre aber schon toll, wenn manch einer oder eine unter uns noch das wunderschöne Astor-Kino, das anstelle jenes Theaters bis 2002 seine Pforten offenhielt, immer noch vor dem inneren Auge hat. Wie schön, dass es wenigstens eine Gedenktafel gibt, die an Robert Musil erinnert der, damals Anfang 50, in der hiesigen Pension Stern an seinem opulenten Werk „Mann ohne Eigenschaften“ schrieb. „Man kann seiner eigenen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen“, offenbart uns Musil darin. Wie schwierig, wie unvollkommen, wie wahr.

Ich könnte an so vielen weiteren Häusern stehenbleiben allein in dieser einen Straße. Darinnen die Berühmten und die Vergessenen, nie aber Namenlose, denn die gab, die gibt es nicht.

Ich höre mich stattdessen leise summen. Es ist tatsächlich ein Lied von Jary und Balz. „… Der Wind hat mir ein Lied erzählt von einem Glück, unsagbar schön. Er weiß, was meinem Herzen fehlt, für wen es schlägt und glüht. Er weiß für wen. Der Wind ….“ Ok, ich brauch jetzt n´ Kaffee.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderbaren März mit allem was dazugehört, wie die (Wieder-)Entdeckung von Straßen, wie Erinnerungen und Vorfreude. Und immer mit ganz viel Wachsamkeit, damit das alles so bleibt für uns und für die nach uns.

Herzlichst
Ihre Gabriele Thöne.
Für Ihre geschätzte Nachricht bitte: thoene@thoene-berlin.eu