Wortkalender für April

Kiss Me, my Fool – The Sun Also Rises. Von der geraden Linie im gekrümmten Raum

Die gerade Linie, woran orientiert sie sich im gekrümmten Raum?

Ich jedenfalls gehe allein durch fast menschenleere Straßen, hinaus aus der Stadt, die den Atem anhält. CORONA, hämmert es mir durch den Kopf, während ich in die Feldflur trete. Ich schmecke den Geruch frischen Ackerbodens. „Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt. Die Erde aber bleibt immer bestehen.“ Ist es Trost, Nihilismus, stoische Gelassenheit oder schlicht Demut, die Salomo der Prediger, der Kohelet, uns im Angesicht aller irdischer Drangsal an die Hand geben will? Wie eine Nabelschnur führt die salomonische Spuruns wahrscheinlich direkt zur Ewigkeit. Jedoch, was ist schon ewig – mit Ausnahme des Augenblicks?

Menschen haben im Laufe der Geschichte schon so vieles überstanden. Irgendwie und zumeist ohne Innehalten. Jetzt aber gleichen wir Tankern, die aus der Fahrrinne gehoben werden: Allmählich erst realisieren wir, dass wir unseren Kurs neu bestimmen müssen, einschließlich Zielhafen.  

Tagsüber geht es, aber nachts, da kommen die Ängste. Mit der „Sprache des gebannten Schreckens“ resümiert Hemingway in „Fiesta“, auch bekannt als„The Sun Also Rises“: „Es gibt keinen Grund, die Dinge in der Dunkelheit anders anzusehen als bei Tageslicht. Verdammt nochmal, nein!“ Resigniert er, wenn er schlussendlich lakonisch feststellt: „Die Rechnung kam immer. Ich dachte, ich hätte für alles bezahlt“?

Tatsächlich habe ich dieser Tage mal wieder Hemingway aus dem Bücherregal gezogen. Nicht – was zugegeben verlockend war – „Der Alte Mann und das Meer „oder „Die grünen Hügel Afrika“, sondern “Paris – ein Fest fürs Leben“, mir war so danach. Die Beschreibung einer Generation, die Gertrude Stein (Sie wissen schon, die mit „rose is a rose is a rose“) als „verlorene Generation“ charakterisierte, die, dem Verrecken im Ersten Weltkrieg knapp entkommen, dem Leben wieder entgegentaumelte. Dieser Zustand wird später oft als Leben am Rand der Sinnlosigkeit beschrieben, doch war es vielleicht nur eine Wachstation, nachdem sich alles zuvor mühevoll Erbrachte nunmehr, wie Kohelet offenbart, erwies als „ein Haschen nach Wind, und nichts Bleibendes unter der Sonne“.

Verrückt, aber mich erfasst mit Macht eine brennende Sehnsucht nach Paris. Nach Paris, dem vibrierenden Häusermeer, nach den Menschen dort, nach Montparnasse. Ich erlaube mir als amouröse Petitesse vorzustellen, was geschehen wäre, wenn sich Theda Bara, der Vamp des Stummfilms und Hemingway in jener Zeit in Paris über den Weg gelaufen wären? Wahrscheinlich hätte Theda nur ein „Kiss Me, my Fool’ in sein Ohr gehaucht und dabei lustvoll mit der Zunge die Cocktailkirsche aus ihrem Manhattan eingefangen… Stopp, keine shutdown-Phantasien! Ich reiße mich zusammen, aber in den strahlenden Aprilhimmel proste ich dem guten alten Ernest zu mit einem Glas rubinroten Orca und seinen eigenen Worten: „Vielleicht hilft schon der nächste… Wir hätten eine verdammt gute Zeit haben können!“

Ja, ehrlich, die Wochen sind gerade verdammt schwer. Aber mitten in einer ungewissen Gegenwart interessiert mich wie immer die Zukunft. Die „Gesellschaft p.C.“, past Corona, wie wird sie sein? Ich beginne in Die Mandarins von Paris zu blättern. Auch hier mussten Menschen – es war nach dem 2. Weltkrieg – sich an ein noch unbekanntes Ufer vortasten. Und auch hier feierte genau in Paris eine kleine Gruppe von Menschen das (Über-)Leben und begegnete der Frage, ob nach all dem die Welt nun endlich reif sei, sich nicht länger von Machtbesessenen und Angepassten regieren zu lassen, sondern von Philosophen, den „Mandarins“.  In diesem Zusammenhang trifft Simone de Beauvoir, die Schriftstellerin, durch einen Monsieur Dubreuilh – pardon, eigentlich war es wohl Jean-Paul Sartre –  genau jene Feststellung, nämlich: „In einem gekrümmten Raum lässt sich keine gerade Linie ziehen“. Wie wahr. Allen Verletzungen und Wunden der Vergangenheit zum Trotz, ruft uns die Existentialistin aber dann mit bangem und zugleich großem Urvertrauen zu: „Überleben letztlich bedeutet, dass man unaufhörlich wieder mit dem Leben beginnt. … Da mein Herz weiterschlägt, muss es wohl für etwas, für jemanden schlagen…Wer weiß? Vielleicht werde ich eines Tages von neuem glücklich. Wer weiß? ….“

Ich wünsche Ihnen trotz aller momentanen Sorgen und Fragen, dass Sie immer wieder das Licht am Ende des Tunnels suchen, denn es ist da.  Wann Sie damit anfangen, liegt ganz an Ihnen, aber der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt. Oder, mit einem Augenzwinkern gesprochen: „… das trifft…nach meiner Kenntnis… ist das sofort!“

Behalten Sie Ihren Humor.

Herzlichst und mit besten Wünschen
Ihre Gabriele Thöne.