Wortkalender Mai

Der Zwischenraum. Leben im Walfischbauch

Ich ziehe ganz tief den schweren süßen Duft in mich hinein.

Tagelang laufe ich nun schon im Blues-Standby Modus herum, grade so wie auf meiner alten „Nichtkaputtbar“-Tasse die Comic-Schäfchen, die erklären, was alles doof ist ohne Liebe. Und nun dieser Flieder, weiß und lila, prachtvoll, sich für mich und diesen Augenblick verschwendend.

Alles ist anders. Sicher war es auch die Jahre davor immer irgendwie „anders“, aber nicht so völlig und vollkommen anders. Und dies, wo wir doch so gerne und mit heimlicher Wollust aus allem das uns Bekannte, Vertraute, sich wohltuend Wiederholende herausfiltern, um es wie Glieder einer endlosen Kette jahrein, jahraus den unseren Sammlungen mit Überschriften wie Alltag, Jahre, Kultur hinzuzufügen oder um es hineinzustopfen in die Krimskrams-Kiste, auf der Leben, allgemein steht. Dabei sind wir Apollon gleich – vom römische Dichter Ovid  nachgezeichnet -, deram Stamm des Olivenbaums, in den Daphne verwandelt wurde, den vergangenen Herzschlag der von ihm Begehrten zu fühlen sucht.

Spüren wir nicht, dass da neben all´ den wirtschaftlichen und gesundheitlichen  Schrecken dieser Tage noch etwas Weiteres ist, was uns derart traumatisiert? Haben wir denn wirklich geglaubt, nur, weil wir Zeit messen, ließe sich diese untertan machen wie ein dressiertes Tier? „Äffisch!“, höre ich Kafkas weisen Schimpansen kopfschüttelnd raunen, während er bei einem Glas Rotwein weiter seelenruhig den Bericht verfasst für die hohen Herren von der Akademie.

Mit seinen 75 Jahren soll Goethe zu seinem Vertrauten Eckermann nicht ohne Stolz bemerkt haben: “Ich habe den großen Vorteil, dass ich zu einer Zeit geboren wurde, wo die größten Weltbegebenheiten an die Tagesordnung kamen und sich durch mein langes Leben fortsetzten… und den folgenden Ereignissen lebendiger Zeuge war.“ Die eigene Vita treibend wie ein Papierschiffchen im Zeitenmeer des Chronos? Als Emigrant schließt Thomas Mann sich dieser Sicht auf seine Weise an und resümiert im Mai 1950 in einem Vortrag an der Universität Chicago: “Von meiner Zeit will ich zu Ihnen sprechen, nicht von meinem Leben…Erschreckend wäre, wenn es sich nicht bei der Zeit um etwas so eigentümlich Kostbares und Erfüllbares handelte, dass wenig davon immer noch sehr viel ist.“

Metamorphosen begleiten und verkörpern den Kreislauf der Natur. Beenden auch wir gerade eine Art Metamorphose, an deren Beginn wir, Chronisten gleich, nur noch Inhalte notierten, immer hilfloser im Versuch, den ariadnischen Faden zu uns selbst zu finden in einem sich von uns zunehmend abnabelnden Labyrinth sozialer Identitäten? Mithin ad fontes, zurück zu den Quellen, alles auf Anfang?  Gut. Nur wurde bislang der Schlüssel zum unbefleckten Neubeginn auf Erden nicht gefunden. Unsere Versuche, die gelebte Zeit zu überschreiben, misslangen zumeist so kläglich wie die der Sibylla, die eben jener Ovid ob ihres eitlen Verlangens klagen ließ:“ … wie viel Körner der Staub, so viele der Jahre zu haben, doch ich vergaß, auch gleich um jugendlich Alter zu bitten.“

Erkennen wir, die wir allzu gerne bereit sind, technischen Fortschritt mit menschlicher Weiterentwicklung gleichzusetzen, dass wir bislang zumeist wenige  Metamorphosen durchlebt haben hin zum Höheren, sondern vielmehr oft unseren selbstgemalten  Anamorphosen, Trugbildern mithin, erlegen sind. Rilke öffnet uns den Blick, wenn er uns den Spiegel in seiner Sonette an Orpheus  hinhält: “Spiegel: noch nie hat man wissend beschrieben, was ihr in euerem Wesen seid. Ihr, wie mit lauter Löchern von Sieben erfüllten Zwischenräume der Zeit.“ Die Löcher der Siebe haben einen Sinn – jedenfalls für und im Sieb und damit für uns. Ebenso wie ihn der Bauch des Walfischs, der den ungehorsame Propheten Jona der Überlieferung nach verschlang, für Jona hatte, der, für sich allein in diesem Zwischenraum des Lebens, die Einsicht gewann, dass die da halten an dem Nichtigen, verlassen ihre Gnade.

Nur im Krieg, so Ernst Barlach, ist der Stillstand der Zeit in nichts anderes Irdisches einfügbar, sondern darüber schwebend, gerade so, wie sein schwebender Engel im Dom zu Güstrow. Anders als im Krieg ist aber jener Wafischbauch, pardon, jener Zwischenraum. Er ist nicht menschenabgewandt, ist ehrlich, suggeriert keine dauernde Geborgenheit im Vergangenen, keine Sicherheit im Zukünftigen, ist sich selbst genügend und Rückzugsort mit unbegrenztem Raum für Wandlungen, wenn wir es denn zulassen. Schon Marc Aurel fragt uns deshalb zu Recht in seiner Schrift Wege zu sich selbst: „Kannst du dich warm waschen, wenn nicht das Holz sich wandelt? …Kann sonst etwas Nützliches vollbracht werden ohne Umwandlung? Und er gibt uns gleich die Antwort mit dazu: “ Alles ist gleich notwendig für die Natur des Alls.“

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in diesen Tagen nicht nur verloren durch die Sieblöcher der Zeit schauen, sondern sich auch Häutungen stellen, um Platz für Neues zu schaffen. Vielleicht ganz so, wie es der amerikanische Schriftsteller Sol Stein in seinem Roman Ein Zimmer zum Leben mit dem letzten Satz beschreibt: „Im tanzenden Licht unter den hohen Bäumen gingen sie dahin, ohne sich zu berühren.“Jeder kann es eben  finden, sein Zimmer zum Leben. Und wenn es im Walfischbauch ist.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.