Wortkalender Juni

Pfingstrosen

Das Sein und die Bäume.
Zwischen Aprikosencocktail und Zeitenwende

„Still saß ich, wie gestorben,

Und ließ mir´s wohlig sein,

Und mich mit Blütenflocken

Vom Lindenzweig bestreun.“

Ob Anette von Droste-Hülshoff sich bei diesen Worten zurücksehnte nach einem der herrlichen Bäume, „die jung und fröhlich“ sie gesehen im elterlichen Park um die malerische Wasserburg? Ich betrachte den Lindenbaum hier vorm Haus. Sicher, er ist nur einer von vielen in der Allee. Und er ist ein winziger Bruchteil der im letzten Jahr auf 431.101 bezifferten Bäume unserer Stadt Berlin, bei denen es sich übrigens zu rund 35 % um Linden handeln soll.
Aber er ist halt der eine, „der Meine“.

So, wie wir Menschen weltweit mit der Natur und insbesondere mit den Bäumen umgehen möchte man es nicht glauben, dass wir gleichzeitig immer wieder unseren eigenen Lebensfaden, den Nornen gleich, durch alle Zeiten hindurch mit den Bäumen, die in den Himmel wachsen, verknüpfen. Der „Lebensbaum“, er durchzieht Kulturen und die vielen Wege hin zum Glauben. Der Baum als Ort der Erleuchtung, als Heimstatt der Seele, als Hüter der Kindheit. Was wäre wohl aus uns Menschen geworden, hätten wir nicht vom Baum der Erkenntnis, sondern vom Baum des Lebens gegessen? Wenn ich die Genesis recht verstehe, dann hätte sich für uns nichts geändert, wir wären im Stadium der Unschuld verblieben, allerdings ohne Wissen darüber.

Zarathustra beispielsweisesoll in einem Traum einen Baum mit Zweigen aus verschiedensten Metallen gesehen haben: vom goldenen Zweig, die Goldene Zeit symbolisierend, bis hin zum eisernen, den Verfall der Moral verkündend. Auch wenn Vergil, der große römische Dichter, sich später redlich darin mühte, den Neubeginn eines Goldenen Zeitalters, eines aurea saecula, heraufzubeschwören, geschah dies doch leider nur, um –  zugegeben recht fadenscheinig – dem regierenden Kaiser Augustus damit zu huldigen. So ist das eben, wenn man die Mythen nicht ruhen lässt, und das erkannten Freigeister wie Schiller, der diese unstillbare Sehnsucht nach dem Untoten verspottete. “Das Alter der göttlichen Phantasie, es ist verschwunden, es kehret nie“, ernüchtert er uns in seiner Ballade „Die vier Weltalter“.  Ein Goldenes Zeitalter, es gab es wohl tatsächlich nie, zumindest nicht, seitdem unsere Ahnen aus dem Paradies, mit Scham beladen und sterblich, vertrieben wurden. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, oder?

Nun, ich bin weder Geologin noch Philosophin, aber eines spüre ich dieser Tage doch ganz deutlich: Wir lernen wieder Grenzen kennen, innere und äußere. Genau das aber müssen Bäume mit jeder Faser und in jeder Stunde. Sie sind die wahren Phänomenologen. Bäume verlagern ihr Sein nicht in einen urzeitlichen Mythos, sondern sie ziehen, ganz profan, ihre Kraft aus ihren Wurzeln. Alles andere wäre für sie reine Utopie, was aber im Wortsinn bedeutet ein „Nicht-Ort“ und das wiederum wäre für einen Baum ein völlig widersinniger Platz. Sie, die Bäume, sind vielmehr untrennbar in ihrer Existenz verhaftet und lassen die Dinge auf sich zukommen, ohne Interpretation für ihr Sein, denn sie sind. Oder wie Antoine de Saint-Exupéry es ausdrückt: „Es gibt auch Bäume in den Städten, die nicht durch den Wüstenwind geformt werden.“

Jean-Paul Sartre zufolge erschaffen wir Menschen uns um unseren existenziellen Kern herum einzig, aber beständig durch unser Handeln. Ein Baum harrt aus; … nun gut, er hat ja auch keine Alternative. Wenn wir hingegen im Leben einmal abstoppen, dann fühlen wir uns schnell nutzlos und beginnen in uns, wie in einer russischen Matroschkapuppe, nach dem Inhalt des Inhalts zu suchen. Sinnsuche, statt Sinngebung, das „Paradoxon unseres Lebens“, wie Viktor Frankl, der bekannte österreichische Psychologe, es auf den Punkt brachte.

Die ewige Sinnsuche. Wenn wir Schwerter zu Pflugscharen wandeln können, was hält uns ab, aus Barrikaden Sprungbretter zu zimmern? Momentan versuchen wieder so viele Scharlatane uns ihre sinnentleerten „Erkenntnisse“ schmackhaft zu machen, versteckt im Köder des süßen Gifts der Verschwörung, den sie für uns auslegen.

Im Buch der Richter in der Jotamfabel wird erzählt von den Bäumen, die auszogen, ihren künftigen König zu suchen und schlussendlich gar beim Stechdorn anfragten. Dieser, geschmeichelt und skrupellos, versprach sogleich für den Fall seiner Wahl zum König, dem Baumvolk unter seinem weiten Dach fortan Schatten und damit Wohlergehen zu schenken. Aber, die Blätter sind Dornen, nach wie vor.

Abstand gewinnen. Am besten unter einem Baum, dabei die Dinge betrachten, die kommen und einen Aprikosencocktail trinken. Ganz so wie Sartre, als er seinerzeit dem Phänomen der Phänomenologie in einem Pariser Café auf die Spur kam.

Zeitenwende. Sich gerade jetzt neu zu erden, das ist keine vertane Zeit. Vorzugsweise sollte dies geschehen am Fuße eines Baumes. Nelly Sachs – die wie so viele das Absurde in die Entwurzelung des Exils geführt hatte –, erkannte, dass genau dort die Sehnsucht weilt, „daraus die glühenden Wurzeln der Sterne treiben“. Die Sterne am Firmament aber sind das Leuchten der Vergangenheit, weder Mythos noch Utopie, sondern einfach nur Sein für uns. Und vor allem: Sterne können auch neu entstehen. So wie ich, wie Sie, wie wir. Jeden Tag.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen wunderbaren Juni 2020 und genießen Sie Ihr Da-Sein. Santé!

Herzlichst

Ihre Gabriele Thöne.

Gerne lese ich Ihre geschätzten Anmelkungen unter thoene@thoene-berlin.de