Wortkalender JULI

Zwischen Glut und Stille.

Ferien vom Ich

Das ist so süß wie Traum und Tod: Von Glut und Stille müd und schwer Zuruhn in einem Fischerboot. Im herben Duft von Salz und Teer…“
So beginnt Hermann Hesse sein Gedicht„Meermittag“.

Nein, ich sitze nicht in einem Fischerboot und lausche auch nicht dem Klang der Wellen. Gefangen nimmt mich hingegen in diesem Augenblick die murmelnde Stimme des Flusses, der unter der roten Sandsteinbrücke hindurchfließt und der dem beschaulichen Schwarzwaldstädtchen bis zu einer fernen Wiederkehr aus den Weltmeeren Lebwohl sagt. Ja, ich habe ein Rendezvous in Calw, nämlich direkt auf der historischen Nikolausbrücke. Und zwar mit einem freundlichen, in sich ruhenden, den Blick zwischen Vergangenheit und Zukunft schweifenden Herrn mit Hut in der Hand… alles leider aus Bronze. Der Künstler hat die Statue „Zwischen Verweilen und Aufbruch„ genannt. Hermann Hesse steht da, quasi auf Heimaturlaub in seiner Geburtsstadt an der Nagold, wo er nun auf ewig verweilt. Wir beide also direktemang auf seinem wie er betonte „liebsten Platz im Städtchen„, wohingegen ihm nach eigenem Bekunden selbst der Domplatz in Florenz als „nichts dagegen“ erschien. Überredet. Dann also auch meinerseits in diesem Jahr Calw statt Florenz. Ich zwinkere dem Herrn neben mir zu. Mir ist, als zwinkere er zurück.

Herrmann Hesse

So wie viele hier und dort verweile auch ich in diesem Sommer in heimischen Gefilden. Eigentlich wäre mein Ziel die Normandie gewesen, nun wird es wohl l´année prochaine, im nächsten Jahr. Wie wird es aber werden, das nächste Jahr? Gedanken fliegen mal wieder durch meinen Kopf und wälzen sich am Hutrand meines stillen Begleiters entlang, bis im Fischernetz der Zweifel sich Anfang und Ende miteinander verheddern. „Wir sollen heiter Raum, um Raum durchschreiten“, höre ich ihn flüstern. Die Julisonne sticht und mahnt zum Aufbruch. Ich reiße mich los und ziehe meiner Wege, nicht aber ohne mich nochmal umzudrehen. Sein feines Lächeln gibt mir Mut.

Urlaub, ohne überall hinreisen zu können, das haben wir uns schon fast abgewöhnt. Umgekehrt: Menschen, die mit Blaskapelle begrüßt werden beim Aussteigen aus einem Zug oder einem Bus, die hatte ich zuletzt gesehen bei Ankunft der ersten Flüchtlinge, bei der Heimkehr siegreicher Fußballmannschaften und vor allem seinerzeit in den alten Heimatfilmen.

Apropos: kennen Sie noch Paul Keller? Paul Keller war mit seinen Büchern mal einer der bekanntesten Schriftsteller des noch jungen 20. Jahrhunderts. Ihn allein in die Archivkiste mit Überschrift „Heimatdichter“ zu verbannen, würde ihm nicht gerecht werden, denn er war auch Vordenker mit seinem 1905 erschienenen Science-Fiction und Fantasy-Roman „Das letzte Märchen“. Rudolf Prack, Marianne Hold, Willy Fritsch und vor allem die „Göttliche Jette“, die unvergessene Grete Weiser, spielten damals in der Verfilmung seines Romans „Ferien vom Ich“ im Jahre 1952 die Hauptrollen. Sicher, manches darin bedarf heute der kritischen Hinterfragung, obgleich beispielsweise die erwähnte Schmach eines jungen Liebhabers über eine um 20 Mark höhere Entlohnung seines Fräulein Braut ein durchaus nicht antiquierter Beitrag zum equal-pay-day wäre. Von ungebrochenem Zauber aber ist immer noch die Idee, im Urlaub einfach unerkannt in andere Rollen zu schlüpfen. Wobei, am frappierndsten in jener Komödie war: die fremde Rolle entpuppte sich jeweils als die, die das wahre Gesicht offenbarte oder sie spiegelte die Prüfaufgabe des jeweiligen Lebens wider. Also so, als würden Sie in Ritterrüstung, als Bergsteiger, als Malerin oder was auch immer in einer daily netflix soap auftreten und das nicht nur zur Karnevalszeit.

Schwierigkeiten bei vielen Menschen bereiten aber noch nicht mal irgendwelche „Ferien vom Ich“, sondern eher „Ferien mit dem Ich“, gleich ob im Einzelzimmer oder in der Luxus-Suite.

Albert Camus, prägte das Wort:“ Das Reisen führt uns zu uns zurück“. Eine unerträgliche Vorstellung für machen, fürwahr. Wenn man dies aber nicht scheut, sondern vielleicht gar neugierig darauf ist, dann ist es letztendlich völlig egal, ob es ferne Gestade sind oder der heimische Bach, worin wir unsere Abkühlung suchen oder – wie Max Rabe mit seinem Palast Orchester neben seinem funkstillen Telefon vermutet, ob: „… manche mich im Land der Dänen wähnen, oder fern von hier, wo die Hyänen gähnen…“.

Wirkliches Reisen ist doch stets eine Horizonterweiterung. Letzteres wissen wir spätestens seit Janoschs Aufzeichnungen vom kleinen Tiger und seinem Freund, dem kleinen Bären, der sich so sehr nach Panama sehnte, dass sich die beiden schließlich auf den Weg dorthin machten. Aber, im Kreise ging die Reise der kleinen Helden und sie war nur deshalb so aufregend, weil sie von beiden mit offenem Herzen angetreten wurde. „Ach, wie schön ist Panama“, seufzte der kleine Bär am Ende glücklich. Zwar hatte sie die Reise nur nach Zuhause gebracht, aber sie waren dabei über ihren Horizont hinausgekommen. Der Horizont vieler Menschen jedoch ist „… wie ein Kreis mit Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt“, wusste bereits Albert Einstein. Dennoch, wer reist, verlässt zwangsläufig seinen Stand-Punkt und kehrt mit neuen zurück.

In diesem Sinne treten Sie wohlgemut Ihre ganz persönliche Juli-Reise an: im Geist, auf Schusters Rappen oder wie immer es Ihnen gefällt und möglich ist. Und noch eins: Lesen Sie dabei ab und an Ihrem zweifelnden Herzen folgende Worte aus dem letzten Vers des am Anfang dieser Zeilen zitierten Hesse-Gedichts vor:

„… Und alles, was dich sonst bewegt,

Und alles, was in Glück und Weh

Dir irgendwann das Herz erregt,

Ruht tief und schlummert in der See …

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Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.   
Gerne lese ich Ihre geschätzten Anmelkungen unter thoene@thoene-berlin.de