Wortkalender August

Schwarzer Flieder. Die Unstillbarkeit der Sehnsucht

Es gibt Freundschaften, die im Himmel beschlossen sind und auf Erden vollzogen werden“, erkannte Matthias Claudius, der große Lyriker, dessen 280. Geburtstag dieser Tage zu feiern ist. Vielleicht kennen Sie nicht mehr seinen „Wandsbecker Bothen“, unter dem er publizierte, aber gewiss doch sein „Abendlied“, das Ihnen seinerzeit an der Wiege gesungen wurde und das mit den vertrauten Worten beginnt: “Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar…“ Es bedarf nicht immer großer Worte und Taten, um den bittersüßen Schmerz unstillbarer Sehnsucht für immer zu verankern.

Man braucht auch nicht Harry Potters Zaubereinmaleins, da es mit zunehmendem Alter zumeist ohnehin immer besser gelingt, der Zeit ein Schnäppchen zu schlagen und aus dem Heute ins Morgen und von dort wieder direkt in die eigene Vergangenheit zu wechseln. Und mit Vergangenheit meine ich nicht die, die nie wieder zum Leben erwachen kann und von der die aufrechte Dichterin Ricarda Huch in der Sammlung  „Herbstfeuer“ aus dem Jahre 1944 klagt; “Still sind die einst so fröhlichen Gassen, Wieviel haben uns auf immer verlassen, Die am Tisch mit uns saßen und brachen das Brot- Das Licht ist tot…“

Nein, ich meine nicht den Schmerz über das Unsagbare, das Unwiederbringliche. Es hat eher etwas von der Sehnsucht, die Hannah Arendt im Exil als „Schmerz der Nähe des Fernen“ beschreibt, nur eben viel leiser und zarter. Es ist das Gefühl, das unverhofft kommt als Geschenk und schleichend wechselt in Erinnerung. Eben halt ganz  so, wie im „Fliedermütterchen“ aus dem wunderschönen Märchen von Hans Christian Andersen, wo es heißt: „… und im fremden Lande, wenn er das Buch öffnete, geschah es immer an der Stelle, wo die Erinnerungsblume lag; und jemehr er dieselbe betrachtete, desto frischer wurde sie… Und Hunderte von Bildern glitten durch seine Gedanken“, während der Fliederbusch, in dem die Dryade, die Baumnymphe saß, mit seinen Blütenzweigen die Liebenden in sich umarmt.  

Mir ist, als seien diesmal nur wenige Tage verstrichen zwischen dem schneeweißen Blütenmeer und dem Reifen der purpurnen Beeren, die mich stets aufs Neue zurückführen in jenen Fliederbusch meiner Kindertage. Der Fliederbusch oder der Schwarze Flieder, denn diesen Namen trug er dereinst, der Holunder. Im Winter scheint er tot, im Frühjahr in neuem Safte, Holunder, der Baum der Unendlichkeit. Verehrt in der Bibel, vom Buch Moses bis zum Kreuz Christi. In vielen Kulturen beheimatet, von Hippokrates, dem großen Arzt der Antike, wegen der innewohnenden Heilkraft hochgeachtet. Die Germanen verbanden in grauer Vorzeit mit dem Holunder die Göttin Holda oder Hel, die Strahlende, die – von der Wiege bis zur Bahre – für Liebe und Fruchtbarkeit, für die Menschen und die Pflanzen bis hin zur Begleitung ins Totenreich gewissermaßen zuständig war. Und das alles schon weit bevor sie als gütige Frau Holle Einzug in Grimms Märchen hielt. „Vor dem Holunder, den Hut herunter!“ forderte man damals nicht nur im Volksmund. Es wäre schön, wir brächten auch heute noch unserem bescheidenen Freund diesen Respekt entgegen.  

Holunder und Linden – süße Düfte -, Jasmin, Bald kommt die Zeit, wo ich gestorben bin… Oder bin ich dann ein Ton auf himmlischen Saiten? Trinke Sternentau?.. Braus ich mit Adlers Kraft durch die Ewigkeiten, Spottend irdischer Bande, irdischer Grüfte? …Umhaucht mich, ihr Linden, schwärmt über mich hin. Hier unten, tief drunten, Holunder, Jasmin“, sinniert Huch weiter in fast heiterer Melancholie. Ganz anders besagter Matthias Claudius, der uns auf härterem Boden absetzt, wenn er uns– in Anbetracht der hohlen Holunderzweige – seine Erkenntnis über „Holunder-Freundschaften“ nahe bringt, denn „Wenn du einen jungen Holunderzweig ansiehst, so sieht er fein stämmig und wohlgegründet aus; schneidest du ihn aber ab, so ist er inwendig hohl und ist so ein trocken, schwammig Wesen darin.“

O nein, jetzt bloß keinen Rückfall in die Bitterkeit, das wirft um Stunden zurück und wie sagte Ricarda Huch doch so treffend: „Das Leben ist voll von Widersprüchen, und von jeder Wahrheit ist auch das Gegenteil wahr.“ Bevor ich jetzt aber auch darüber ins Grübeln gerate und zu negieren beginne, trinke ich mein Glas aus, darinnen golden perlender Holunderblütensekt. Meinen letzten Schluck trinke ich in Gedenken an Matthias Claudius, der uns allen im „Abendlied“ den Spiegel unserer vergänglichen Zenite milde hinhält: „… Seht ihr den Mond dort stehen? – Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht seh´n.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen einzigartigen Monat August, in dem Sie unter Fliederbäumen, pardon, Holunderbüschen träumen. Wer weiß, vielleicht finden Sie dabei vergessene Gedanken, verklungenes Lachen. Denn schließlich wusste bereits das gute Fliedermütterchen: “Aus der Wirklichkeit wächst gerade das sonderbarste Märchen heraus, sonst könnte ja mein schöner Fliederbusch nicht der Teekanne entsprossen sein.“

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.