Wortkalender September

Fräulein Kolbs Gespür für die trockene Sintflut

Alles, was einen lebendigen Odem hatte auf dem Trockenen, das starb. Also war vertilgt alles, was auf dem Erdboden war …“, so ist sie niedergeschrieben im 1. Buch Mose, die uralte Menschengeschichte von der Sintflut. Freilich, die Welt wurde überflutet, ist aber nicht ersatzlos untergegangen, denn wie sonst hätte die kleine Arche stranden können auf den Höhenzügen des majestätischen Berges Ararat. Doch als all die Wasser versickerten, da gab es für Noah und den Seinen fortan eine Zweiteilung der Zeit in eine „Zeit davor“ und eine „Zeit danach“. Ganz so wie nach der Vertreibung aus dem Paradiese.

Gewiss, Noah bewegte sich weiterhin entlang seiner inneren Konstante, Umschreibung derselben mit neuen Inhalten erschien unnötig. Jedoch, er hatte auch nicht die winzige Chance des Orpheus, die „Welt von Gestern“- von der in noch fernen Tagen ein Stefan Zweig schreiben würde – wieder zu sich in sein Leben zurückzuholen. War es also allein Gott, der sich veränderte und, befreit vom Zorn, zur unerschütterlichen Liebe (wieder) fähig? Die Bibel schweigt.

Ich bin das Meer, das nächtens stürmt, 
Das klagende Meer, das opferschwer 
Zu alten Sünden neue türmt
“, Hermann Hesse.

Das Meer aber trennt nicht zwischen den Tränen von gestern und denen, die noch kommen.

Altvertraute Wege, Straßen, Boulevards. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ein Souvenirhändler steht vor seiner Tür und betrachtet lange und schweigend seine neongrelle Ware.

Gibt es ihn, den Punkt, an dem Gegenwart ohne Vergangenheit beginnt?

Es erschüttert mich, wie schnell sich alles verändern kann und wie geradezu störrisch sich mein Inneres dagegen wehrt. Unvermittelt steht in mir das Bildnis einer Frau, die mir zuruft:“Siehste!“ Hager, von Jugend an ausnahmslos mit kecken Kapotthütchen auf dem Kopf, in der einen Hand die unvermeidliche Zigarette, ganz selbstverständlich und lasziv eingefangen mit einer eleganten elfenbeinfarbenen Zigarettenspitze. Aus ihrem Blick spricht gleichermaßen Erstaunen und liebevolle Solidarität. Thomas Mann, mit dem sie diese Art Hassliebe verband, die oft stärker ist als jedes Strohfeuer der Leidenschaft, beschrieb dereinst ihre „mondäne Hässlichkeit“, was sich in ihrem Herzen als tiefer Stachel setzte; sie verzieh ihm via Katja Mann per Kondolenzbrief postum. Annette Kolb.

Nein, besser „Fräulein Kolb“, denn auf diese Anrede legte sie als eingefleischter Single bis zu ihrem Tode 1967 allergrößten Wert. Deutsch-Französin mit Leib und Seele, geboren im Kriegsjahr 1870, kämpferisch, mit spitzer Feder und überschäumendem Verstand schreibend, unfähig, im Angesicht des Nazi-Terrors Pazifistin zu bleiben. Eine der bekanntesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit war sie und verbunden mit den Geistesgrößen jener Tage von Brecht über Kästner, Rilke, Tucholsky und all die anderen, bis hin zu Zuckmayer, den sie „Mein lieber Zuck“ anzureden gewohnt war. Diese femme de lettres, Trägerin höchster Preise und Orden wie den Pour le Mérite. Und heute? Kolb selber wusste um die Vergänglichkeit des Ruhms. Treffend wie ein Pfeil notiert sie bereits 1932 in „Befohlenes Selbstportrait für Quartaner“: „Ob sie euch noch etwas zu sagen haben wird, und ob etwas von ihren Büchern noch bleiben wird, wenn sie tot ist, das sind Fragen die nur ihr werdet beantworten können.“ Alles kann entgleiten. Lorbeerkränze schmücken, machen aber nicht unsterblich. Das erfährt Fräulein Kolb, als sie im Herbst 1945 von Amerika und damit das zweite Mal (erstmals 1917!) in ihrem Leben aus dem Exil zurückkehrt.

Bei allem Entsetzen über die unvorstellbare Zerstörung um sie herum spürt sie da bereits den aufkeimenden Materialismus auf, jenes Gedanken zentrierende „Heilmittel“ gegen Erinnerungen: „Es ist nicht, als würde sie über uns verhängt, sondern als bereite sich etwas wie eine trockene Sintflut.“ Trockene Sintflut, wie heimtückisch. Der Materialismus windet sich mit wechselndem Aggregatzustand wie ein Aal um das Netz der Definition und greift nicht nur nach goldenen Bechern. Ein süßes Gift, fürwahr, das vergessen lässt, solange es wirkt. Unsichtbar, aber so tödlich wie verschlingendes Wasser. Alles unbekannt? Na, dann sehen Sie sich mal den August-Artikel aus der ZEIT über die Baby-Boomer an, denn da lautet das Urteil über eine ganze Generation, die vermutlich noch 10 Jahre die Geschicke Deutschlands maßgebend bestimmt:“… die Schwächen dieser Generation für alle sichtbar. Zum Beispiel, dass sie es gewohnt ist auf alles Anspruch zu erheben: auf die materielle Belohnung wie auf den moralischen Benefit, oder dass sie schlecht damit klarkommen, wenn die Belohnung selbst unmoralisch sein könnte, eben weil sie materiell ist und Natur verbraucht.“

Es ist aber nicht nur dieser Tanz um das Goldene Kalb, der Annette Kolb zutiefst irritierte. Es ist die Einsamkeit dessen, der sich erinnern kann an eine „Zeit davor“, ja sich daran erinnern muss. Für sich, für uns. Hermann Kesten, selber Exilant und späterer PEN-Präsident, beschrieb Kolb einmal so: “Sie liebt es nicht, sich zu erinnern… und veröffentlicht ihr Leben lang Erinnerungen.“  Bis zum Tode eine Suche nach dem verschwundenen Gestern, seinen Werten, seinen Menschen, dem Warum. Ein „Exil nach dem Exil“, nennt es Armin Strohmeyr in seiner Biographie „Annette Kolb – Dichterin zwischen den Völkern“.

 „Was schwatzt ihr mir von einer neuen Zeit? Die Zeiten hatten sich erneut, es ist nicht lang; Was aber jetzt für neue Zeit sie halten. Ist nur verdeckte Wiederkehr zur alten“, resümiert Franz Grillparzer. Mag stimmen, ich jedoch halte mich an Heraklit von Ephesos: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“. Deshalb erscheint es mir angebracht, die Strähne des Kairos – des antiken Gottes des rechten Momente – und mithin „die Gelegenheit beim Schopfe“ zu fassen, um zu begreifen, dass vielleicht gerade und nur jetzt der Augenblick ist, um über so manches „Unentbehrliche“ nachzudenken, allein schon für die „Zeit danach“.

Nicht Verzicht, sondern Besinnung vor allem auf das, was wir über die Zeiten hinweg in unserer kleinen Arche tatsächlich mitnehmen wollen. Denn das ist spätestens seit dem Ausstieg auf dem Ararat unsere Aufgabe, jeder Regenbogen bezeugt es. An Sand kann man sich nicht klammern. „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“, ruft Mahatma Gandhi. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen traumhaften September, in dem Sie mit offenem Blick nach außen und nach innen durch Ihre Zeit wandern, der trockenen Sintflut trotzend.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne
Anmerkungen erwünscht unter: gabriele.thoene@t-online.de