Wortkalender Oktober

Die Ladies, ein Earl und das blaue Klavier

Draußen tanzen bunte Blätter in der Sonne. Ich lasse mich erschöpft fallen. Wie ein alter Freund schließt mich der ausgesessene weinrote Samt-Fauteuil in seine vertrauten Arme. Bestellen, ohne auf die abgegriffene Karte zu schauen. Die Worte an den benachbarten Tischen vermischen sich bald zu einer auslaufenden Welle am Ufer meines kleinen wackeligen Holztischs. Ich schließe die Augen.

„Erkennst du mich denn nicht?“, flüstert plötzlich eine weibliche Stimme ganz nah an meinem Ohr. Erschrocken schaue ich in zwei tiefbraune Augen und spüre den zarten Duft ihrer ungebändigten Locken.
„Kann doch nicht wieder alles Einbildung sein bei mir. Wer bin ich denn!“ Ich schweige betroffen, denn in der Stimme der Unbekannten klingt so unendlich viel Traurigkeit. “Mein ganzes Sein eine Empfängnis seiner Schönheit!“ „Sorry, ich versteh kein Wort“, erwidere ich verwirrt. “Wär ja auch ein Wunder!“ Bevor ich mich empören kann fährt die Lockige unbeirrt fort: “Verstehen hebt die Grenze auf; zwei die einander verstehen, sind ineinander unendlich…“  Sie hält abrupt inne, aber nur, um mit einem: “Auf diesen Hügeln überseh´ ich meine Welt!“ auf jenes blaue Klavier zu springen, das in der Mitte des Salons steht und bis zu diesem Moment stumm und geduldig einem Stapel vor sich hin gilbender Zeitungen als Ablage diente.

„Nu rutsch mal n´ Stücke!“, befiehlt eine mit einem kunstvoll bestickten seidenen Morgenrock und einer großen dunklen Sonnenbrille bekleidete Blondine und schwingt sich dabei federleicht ebenfalls aufs Klavier, das dies zu genießen scheint. „Alles andere von mir ham se versteigert. Eine Schlange schlüpft aus ihrer Haut heraus und lässt sie liegen“, zischt sie in Richtung argwöhnischer Blicke, setzt sich und schlägt dabei ihre endlos langen Beine gekonnt übereinander.
In die gespannte Ruhe hinein ertönt plötzlich ein Zirpen und Gurgeln, gleich einer Singzikade in südlicher Sommernacht. Ein Flöte spielendes zartes Geschöpf mit schwarzem Pagenkopf, Trommel und Dolch um das orientalisch anmutende Gewand gebunden, schreitet langsam durch den Raum. Die Gäste betrachten das fremde Wesen erstaunt, aber mit sichtlichem Wohlgefallen. „Mensch, Else, biste nicht zu alt dafür? In dem Aufzug hätt ich dich fast nicht erkannt!“, ruft die Lockige aufgeregt herüber. „Prinz Jussuf, wenn ich bitten darf!“, tadelt diese scharf und trommelt dabei ohrenbetäubend wie Oskar Matzerath. “So, so… Prinz äh… Jussuf! Ich bin erzogen in den hängenden Gärten der Semiramis und wo bitte ist das Reich der Hochwohlgeborenen?“, gluckst es zurück. „Wer nicht gehorchen kann, kann nicht regieren, und wer nicht regieren kann, rühme sich der Demut nicht. Allen sei´s kund, mein Reich ist in den Wassern von Theben und das beginnt draußen vor der Tür, gleich neben dem Rinnstein.“

„Ach Elsemaus“, mischt sich nun die mondäne Blondine ein und zieht dabei kokett ihr rosa Etwas noch enger um die schmale Taille: „Dein Problem is, dat de de Kerle mit deiner Liebe erdrücken tust. Dabei is es so einfach: Nimm Liebe, wenn du welche kriegen kannst, c’est tout ce qu’il faut!“ Trotzig schießt der Prinz zurück: “Und du? Dein Thron ist doch nur noch ne Bettenburg!“ Die Brüskierte schiebt in Zeitlupe ihre Sonnenbrille bis zur gepuderten Nasenspitze und funkelt aus meerestiefen Augen: „Was weißt du schon?! Ich hab aus meinem großen Doppelbett ein kleines einsames Bett gemacht. Dort bin ich eingeklemmt und niemand denkt daran, mich zu befrein. Willst du die Erste sein?“

„Stopp!“, ruft da eine Frau mit mokanter Stimme: „Ist doch ganz egal, wo es uns im Leben hin verschlägt. Es sind doch immer zu zwo Drittel Heimweh nach vergangnen Jahren!“ “… Mascha? Ich fass es nicht!“, hallt es vom anderen Ende. Die solchermaßen ins Rampenlicht Gerückte lässt ihre Kuchengabel auf den Teller fallen: „Das darf nicht wahr sein!  Marie?! Du hier und nicht in deinem Laboratorium?“ „Ja, ehrlich gesagt, ich weiß grad auch nicht, wie ich hierher komme zwischen all ´den Trudchen!“ Kaffehausstühle rücken drohend. „Menschen nennt man das, Marie. Präzise gesagt, F-r-a-u-e-n!“, tadelt es hinter der Flöte. „Meinethalben. Dann eben F-r-a-u-e-n, du kleine schreibversessene Marketenderin. Ich interessiere mich ehrlich gesagt einen feuchten Kehricht für das ganze Kaffeehausgetratsche hier.“

„Ach ja, ein Neutrum ist das Immergrün, drum hat es stets was anzuziehen“, erdreistet sich jene Mascha, wodurch sich der Prinz seinerseits ermutigt fühlt, in Richtung Marie zu rufen: „Meine Liebe, kennen Sie eigentlich Pataphysik? Sollten Sie aber, denn es ist die Wissenschaft der imaginären Lösungen und darin bin ich Meisterin!“ „Sehr lustig! Ehrlich, jetzt weiß ich wieder, warum ich mich der Wissenschaft hingebe. Da ist alles so einfach und klar, ein Ding ist ein Ding und es behält trotzdem mehr Geheimnisse bei sich als ihr auf euren boshaften Zungen ausplaudern könnt!“ „Na, wenn ich recht gesehen habe, dann war das Ding, dem du dich gerade hingegeben hast, ein profanes Stück Schwarzwälder Kirsch! Und überhaupt… Ich fass es nicht! Du bist doch nichts Besseres als wir“, empört sich der Prinz von Theben und fuchtelt dabei, jegliche höfischen Contenance vergessend, wild mit seinem Dolch in der Luft.

„Die Gedanken sind frei wie die Wissenschaft!“ „Ha, dass ich nicht lache!!!“ „Kein Grund, sich zu echauffieren! Ich für meinen Teil bin nur realistisch. Und das ist eine Gabe, die euch allen ganz offensichtlich völlig abhanden ist…“ Eine zierliche, bunt gekleidete Frau mit pechschwarzem Haar und roten Stiefeln, an denen kleinen silberne Glöckchen hängen, hebt leicht spöttisch ihre markanten Augenbrauen und retourniert mit rollendem R: „Also bei uns in Mexiko sagt man Realistisch zu sein ist der häufigste Weg zur Mittelmäßigkeit.“ Kichernd applaudieren einige, während die Rrrrealistin nach ihrer Rechnung ruft.

Von alledem hat die Lockige nichts mitbekommen und verkündet stattdessen vom Klavier aus mit baumelnden Beinen: „Die Liebe ist das All! Man muss sich seine Unsterblichkeit selber schaffen, glaubt mir.  Für Wissenschaft hab ich keinen Boden, ich fühls, ich kanns nicht lernen, was ich nicht weiß, ich muss es erwarten, wie der Prophet in der Wüste die Raben erwartet, dass sie ihm Speise bringen.“ Ihre blonde Nachbarin auf dem Klavier lacht heiser und blickt dabei tief ins volle Whiskyglas: „Na, da kannste lange warten, meine Süße! Zu spät schrie der Rabe, zu spät…“ “Wer im Glashaus sitzt…“, erwidert die Lockige angesäuert und blickt hinter Marie her, die gerade kopfschüttelnd das Weite sucht.

„Viva la Vida, ein Hoch auf die Malerei!“, versucht die Bunte die Stimmung noch zu retten. Verständnislos schaut die Lockige sie an: „Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht regt. Ich hab ihm gesagt, ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Genügendes sagen. Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst…“ “Ach Kleene, nimm die in Uniform oder wenigstens die mit Brille, die könnten intelligent sein“, wirft die Blondine lasziv ein. „Ach, ganz gleich, Liebe ist Schmerz. Immer. Ich male jetzt Blumen, damit sie nicht sterben“ resümiert die Bunte und schnuppert dabei gedankenverloren an ihrem silbernen Zigarettenetui.  Der Prinz von Theben schluchzt leise.

Nach einer Weile klatscht der Prinz laut in die Hände, als wolle er wilde Katzen verjagen: „Wissen ist ein vergängliches Trugbild. Farben verblassen. Bald haben Tränen alle Himmel weggespült, an deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt – Auch du und ich. Der Sommer geht vorüber, die Nachtigall schweigt, sie schweigt.“ Er legt die Flöte behutsam beiseite: „Zerbrochen ist die Klaviatur… So, und nu runter von meinem Klavier!“ „Streich es azulblau, Else, das schützt vor bösen Geistern“, ruft die Bunte. „Nein, wenn schon, dann Herzkarminrot!“, ereifert sich der Prinz. “Quatsch, wir haben genug gearbeitet“, raunt die Blonde, stellt ihr Glas ab und entschwindet mit einem gehauchten Kuss. Allein Mascha steht noch da. Sie lächelt. Ich folge ihrem Finger, den sie in das verlassene Glas taucht. Mit den letzten Tropfen Whisky daraus schreibt sie auf das Klavier: Ich werde still sein, doch mein Lied geht weiter.  

Ich blinzele in den Raum. Die Kellnerin bückt sich auf Sesselhöhe zu mir, sie sieht aus wie.. Ich habs! “Nina Hagen?!“, stammele ich verdattert. Sie stellt ungerührt das Tablett ab: „Ne, Earl Grey, aber der muss noch wat ziehn!“ „Auch gut“, antworte ich und lehne mich wieder zurück.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen traumhaft schönen Oktober und wenn es mal nicht so ist, dann versuchen Sie es mit einer Tasse Tee und warten Sie ab, was geschieht. Sie wissen doch, es geschieht immer was, ganz gleich.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne
Anmerkungen erwünscht unter:
gabriele.thoene@t-online.de

PS. Beim Teetrinken haben mir „über die Schulter“ geschaut:

  • Bettina von Arnim, Marlene Dietrich
  • Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler
  • Marie Curie und Frida Kahlo