Wortkalender November 2020

! … Was diese Nacht mir tönt, sang in die Ohren dem ersten König schon, dem ersten Knecht … Derselbe Sang, der tief bezaubernd sich um Märchenschlösser schwang und Feenreiche,

Weshalb der Staub ein Herz bekam. Ode an eine Nachtigall

Die Dämmerung setzt jetzt schon früh ein und es ist nasskalt. Dieses verrückte Jahr neigt sich dem Ende zu. Der November führt mich zu den Gräbern. Ich zünde in die Stille hinein ein Licht an. Es flackert erst zaghaft, aber schließlich legt es sich behutsam und mit sanftem Glanz über die geharkte Erde. Wieviel bedeutende Menschen mögen allein hier beerdigt sein, denke ich so. Aber was bedeutet hier schon „bedeutend“?
Mir kommt der so jung verstorbene englische Schriftsteller John Keats
in den Sinn, auf dessen Grabstein steht:
Hier liegt jemand begraben, der seinen Namen ins Wasser schrieb.“
Was ist geblieben von ihm, der dazu berufen schien, einer der ersten Schriftsteller des Zeitalters zu werden? Verblasst sein Ruhm und doch unsterblich. Denn er hat uns seine Seele geschenkt, eingehüllt in seiner Ode an eine Nachtigall, in der er uns zuruft:
Entschweben, ganz vergehn – und ganz vergessen… Du Vöglein wurdest nicht zum Tod geboren die nun längst verlassen…
Im Echo klagt Goethe:
Ach, warum ihr Götter, ist unendlich alles, alles, endlich unser Glück nur.“ Wie kann es angehen, dass gerade eine Nachtigall unsterblich sei?
Nein, unsterblich ist er nicht, der kleine unscheinbare Vogel, aber er verleiht der Seele eine Stimme, immer wieder. Ja, der Seele. Wer hat sie je begriffen, die Seele.
Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser“,
stellte Goethe fest. Und so sahen es vor ihm auch schon die alten Germanen. Denn das Wasser sammelt sich im Himmel, ergießt sich, sprudelt aus Quellen, dem Weltenmeer entgegen. Die Seele als See, in dem all das verborgen ist, was jeden Menschen erst ausmacht, sein Lachen, seine Trübnis, sein Hoffen, sein Versagen. Und stets erreicht eine Seele dem römischen Kaiser Marc Aurel zufolge „ihr eigenes Ziel, mag das Lebensende an sie herantreten, wo es will…, so dass sie sagen kann: Ich erfülle mein Wesen.“
Kommend aus der vorausgehenden, zielend auf die nachfolgende Unendlichkeit, so muss denn der Weg für sie kein Kreis sein. Wieviel Tropfen aber sind in einem See, der sich doch stets von Neuem füllt. Blickt man auf ihn, so spiegelt sich das Antlitz, aber schauen wir dabei unserer Seele ins Auge? Wie war das mit dem Jüngling, den Ovid in der Antike beschrieb. Jener Narcissus liebte sein eigenes, ebenmäßiges Antlitz auf dem Wasser und konnte es doch nie fassen:
Ich halte dich. Und doch entfliehst du mir. Ich bin in und niemals neben dir…“ Vor seinem Tod erkennt er bitter:
Du einfältiger Kerl, warum greifst du vergeblich nach vergänglichen Bildern? Was du siehst, ist nur der Schein eines gespiegelten Bildes: …  Mit dir ist es gekommen und bleibt es, mit dir wird es verschwinden...“.
Ein kurzes Erwachen, denn selbst im Totenreich suchte er noch sein Abbild auf dem Wasser des Styx … bis er sich löste von seinem Leib, verschwunden „in eine Blume, safrangelb, um die Mitte besetzt mit schneeigen Blättern…

Was also sehen wir Blutsgeschwister im Spiegelbild? Unser Innerstes oder das, was die anderen sehen? Der menschliche Körper nur ein äußerer Schein, der die Wirklichkeit, die Seele, verbirgt, wie Victor Hugo vermutet? Was aber bleibet? Ohne Antwort hierauf quält uns der Anblick des vergehenden Lebens. Oscar Wilde merkt in seinem berühmten Romangegenüber dem ewig jung scheinenden Dorian Gray an:
Die Tragödie des Alters ist nicht, dass man alt ist, sondern dass man jung ist.“
Ich fühle ihm nach. Mag sein, dass es so ist, wie der Existenzialist
Jean-Paul Sartre es auf den Punkt brachte
„… absurd, dass wir geboren werden; es ist absurd, dass wir sterben.
Selbst, wenn dem so wäre, so ist mir doch das Wort seines späteren Kontrahenten André Malraux näher, dessen Asche inzwischen im Panthéon in Paris ruht:
Der Tod verwandelt das Leben in Schicksal.“
Wer wagt es da, den letzten Stein zu werfen?

 „Setzt Macht ins Recht?“, fragt Yuval Noah Harari in seinem Buch „Homo Deus“ auf der Suche nach dem „menschlichen Funken“ inmitten der Vielfalt der Spezies auf unserer Erde. Der Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm resümierte, dass die wahrhaft menschliche Geschichte erst dann beginne, wenn wir den kannibalischen Narzissmus ablegen, der uns dazu verleitet, nur auf unser eigenes Heil bedacht zu sein, mithin, wenn der Mensch für seinen stärkeren Mitmenschen kein Konsumartikel mehr ist. Nicht Gold noch Edelstein, sondern Erde, Asche, Staub.
„Denn du bist Staub und kehrst wieder zum Staub zurück.“
Wenn es auch die Genesis im übertragenen Sinne zu verstehen ist, so sind Astrophysiker inzwischen gleicher Meinung: Sternenstaub sind wir, entstanden aus dem, was wir All nennen.
Nur, weshalb bekam der Staub ein Herz?
Das frage ich mich immer wieder, wenn ich in unserer Zeit flüchtende Menschen im Meer vor unseren Augen ertrinken sehe.
Und manchmal lenkt das Schiff zu Stellen,
auf etwas warten an den Wellen, –
auf den, der keine Heimat hat…
Rainer Maria Rilke, ein Mensch, der uns nichts mehr zu sagen hat,
einem Staubkorn gleich?

Vielleicht schenkt uns diese Novemberzeit zweierlei: zum einen die „Lektion des Anheimgebens“, wie es die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross nannte und zum anderen die „Lektion der Aufmerksamkeit gegenüber dem Leben“, denn es ist immer einzigartig.
Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir“, rät Rilke.
Asche über mein Haupt, denn ich versuche es stets von Neuem.
Warum denke ich gerade an Frank Wedekind: „Ich bin wie ein alter Regenschirm- in Gedanken stehengeblieben“…  
Ach ja, weil´s jetzt richtig regnet. Ich geh nach Hause.
Aber nicht, ohne Ihnen einen herrlichen November zu wünschen mit vielen letzten Rosen. Und entstauben Sie Ihr Herz. Am besten zu Lebzeiten.

Ihre Gabriele Thöne
Freue mich auf IHRE Bemerkung
unter: gabriele.thoene@t-online.de