Wortkalender Dezember

Der geschenkte Geist.

Von der Kunst des Gebens und des Nehmens

Vom großen Fenster scheint Dezemberlicht“,
beginnt Hermann Hesse sein Gedicht
Alter Maler in der Werkstatt“.

Es riecht nach Winter. Ich schäle eine Blutorange und es entströmt ihr „ein Zauberdufte“, wie Annette von Droste-Hülshoff es einst in Worte fasste. Meine Gedanken führen mich zurück in jene Zeit, als meine Mutter noch ehrfurchtsvoll davon sprach, dass wir heute eine dieser exotischen Früchte „schlachten“. Damals. „Wie war ich selig da und unersättlich, im Duft der Kerzen … Erschöpft ist Glanz und Lust, der lange Weg liegt hinter mir, zerbrochenen Spielzeugs voll…“, resümierte Hesse. So viele Bilder ziehen nun auch vor meinem inneren Auge vorbei, eine Fata Morgana im Rückspiegel …

Wünsche, wie haben sie sich verändert im Laufe der Jahre. Erst waren sie riesengroß, später zerbröselten sie im Moment der Bekanntgabe ihres wahren Preises. Wieviel Jahre mussten aber vergehen, ehe ich das Glasmännlein in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz verstand, wenn es traurig und enttäuscht dem dreist gewordenen Kohlenmunkpeter zuruft: „Können Steinherzen noch wünschen? Du hast alles, was du für deinen schlechten Sinn brauchst ...“

Die gesellschaftliche Initiation lehrt, dass nichts geschenkt wird in diesem Leben. Zugleich macht sie klar, dass, wie die Bibel bezeugt, geben seliger ist denn nehmen: Ist dabei schenken ein Synonym für geben? Sicher nicht, doch bleiben wir bei den Grundformen geben und nehmen, sie sind schließlich kompliziert genug.  So zerschneidet ein Nehmen ohne den Gegenzug des Gebens jene ungeschriebene universale Harmonie und erscheint allenfalls gerechtfertigt in Notlagen, wie in der Geschichte vom Heiligen St. Martin. Aber auch derartige Barmherzigkeit sollte nicht ohne Dank – ist das eigentlich dann Undank? – entlohnt werden. Eine solch großherzige Gabe mutierte zumeist vom reflektorischen Beziehungsinstrument hin zum Almosen, für das zumindest in einem Jenseits Dankbarkeit erwartet wurde … Oder haben wir den analogen Buchungssatz „Kasse an Himmel“ immer noch parat für den Fall einer notwendig werdenden Aufrechnung mit unseren Verfehlungen?

Und überhaupt, ist der Gebende denn immer zugleich auch der Stärkere? Geben, ohne dass die Gabe an-genommen wird, deuchtet kläglicher als unerhörte Liebe, zumindest dann, wenn es sich bei dem Empfänger nicht um eine mild zu stimmende höhere Macht handelt… Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema, das mit dem Opfer, bei dem es sich im Juristendeutsch vielleicht auch manchmal um „aufgedrängte Bereicherung“ handeln könnte.

In der Kultur der Ureinwohner Neuseelands, dem Volk der Maori, ist ein Geschenk jedenfalls nicht nur ein lebloses Ding, das wie jene Bonbonniere des Staates Israel in Kishons göttlicher Komödie als perpeduum mobile der Beziehungsarbeit hin- und hergereicht werden darf. Ein Geschenk hat aus Sicht der Maoris vielmehr eine Seele, ist ein Teil des Schenkenden, der Erde, aus der es stammt. Wer es weggibt, der gibt mithin einen Teil von sich selbst, das aber in sich fortan den Drang hat, wie ein Bumerang zu seinem Ursprung zurückkehren, zumindest dann, wenn zwischenzeitlich kein Ausgleich erfolgt. Bis heute fesselnd und oft mit verblüffenden Erklärungen für unseren Alltag ist da die Schrift des Franzosen Marcel Mauss, Die GabeForm und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Ich jedenfalls finde seit deren Durchblättern, dass die Maoris in diesem Chaos der Gefühle und Erwartungen vielleicht immer noch klarer durchblicken als wir. Wir mit unserem online-shopping-Hype, dessen Geist, um nicht Seele zu sagen, vielleicht am ehesten beim jeweiligen Logistikhändler zu verorten ist, wohin im Übrigen auch viele jener Präsente wieder ihren Weg zurückfinden, wenn sie nicht eine neue Wahlheimat bei eBay finden.

Wir verheddern uns beim Geben und Nehmen immer noch hilflos wie in einem Geflecht sich überlappender Irrgärten. Warum machen wir es uns aber nur so unendlich schwer? Antoine de Saint-Exupéry wirft den ganzen Rucksack selbstfabrizierten Ballastes in die moralische Mottenkiste und bringt es auf den einfachsten und zugleich existenziellsten aller Nenner: “Der Geschmack geteilten Brotes hat nicht seines gleichen.“ Wer das geteilte Brot einmal in seinen Händen hielt, der definiert für immer geben und nehmen anders.

Stellt sich die Frage, ist es Mut oder Demut, ohne Erwartung zu geben. Und vor allem: ist es Demut oder nicht gerade Mut, freudigen und ungebeugten Herzens annehmen zu können, zumal dies eine Fähigkeit zu sein scheint, der wir uns entwachsen wähnen. Letztlich gilt das Wort von Pater Anselm Grün: „Leben ist immer geschenkte Zeit.“ Und so gesehen, sind wir doch gleichsam alle Beschenkte. Deshalb ist es wohl zuallererst entscheidend, sich selbst anzunehmen. Wer das nicht vermag, wie kann der einen Teil seiner Seele verschenken, um es mit den Maoris zu sagen.

In diesem Zusammenhang fällt mir Walter Tomans Geschichte „Busse´s Welttheater“ ein. Walter Toman, der 1920 geborene Psychologe und Schriftsteller, lässt in einer Geschichte einen Mann namens Heinrich Winter zu Wort kommen. Winter sagt darin von sich selbst: „Ich wurde Schokoladeneinpacker, eine Arbeit, die man in einer Minute begreift und in einer Woche so gut beherrscht, dass man nichts mehr dazu lernen kann.“ Eines Tages erwirbt Winter für einen ganzen Schilling in einem Geschäft, das sich Busse´s Welttheater nennt, seine Aufnahme in besagtem Theaterbetrieb. Ein Befreiungsschlag, wie er glaubt. Es stellt sich heraus, dass Winter besetzt wird mit der Rolle des Heinrich Winter, der in der Schokoladenfabrik als Schokoladeneinpacker arbeitet und vorläufig – Betonung liegt auf vorläufig! – alles so bleibt wie es ist. Warum mir das einfällt? Nur so.

Weihnachtslichter leuchten wie funkelnde Sterne durch mein Fenster hinein in das Zimmer mit dem süßen Zauberdufte. „Das Jahr geht um, der Faden rollt sich sausend ab...“, ruft Annette von Droste-Hülshoff. Stimmtund es ist noch so vieles zu erledigen! Ja, auch Geschenke einpacken.

In diesem Sinne wünsche Ihnen eine wunderschöne Adventszeit, ein frohes Fest und einen guten Rutsch. Bleiben Sie und Ihre Lieben gesund! Und denken Sie an die Worte von Benedikt von Nursia, der bereits um das Jahr 500 wusste: „Ein freundliches Wort geht über die beste Gabe.“ Nehmen Sie das an und geben sie es weiter, es kommt zurück.

Ihre Gabriele Thöne
Freue mich auf IHRE Bemerkung unter: gabriele.thoene@t-online.de