Wortkalender Januar 2021

Die flammenfarbene Taube. Von den Inseln der morgigen Tage
Sie flog auf. In den lichtblauen Himmel.

Haben Sie noch den Moment im Sinn, als Sie an diesem Neujahrsmorgen das erste Mal das Fenster öffneten oder zumindest hinausblinzelten in den Tag? Bei mir flog vom Vogelhäuschen, das eigentlich viel zu klein ist für ihresgleichen, eine Taube erschrocken auf, hinauf in den Himmel, der sich mir schneidend klar mit einem Hauch von rosaorange offenbarte. Nicht „purpurrot, rubinrot, rosenrot, blutrot, lippenrot, lachsrot, krebsrot, ziegelrot…“ Nein, auch nicht „… erdbeerrot, himbeerrot, kirschrot, geranienrot, radieschenrot, tomatenrot, vogelbeerenrot, stechpalmenbeerenrot, rotkehlchenkehlenrot, rotdrosselbauchrot, gartenrotschwanzschwanzrot…

Ach was, ich habe am Abend zuvor nicht zu tief ins Glas geschaut. Ich denke vielmehr an jene flammenfarbene Taube in Umberto Ecos Roman „Die Insel des vorherigen Tages“. Darin harren zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Schiffsbrüchigen Pater Caspar und der Abenteurer Roberto geduldig mit dem Fernrohr, um über dem gesuchten Nullmeridian, der bis dato das Gestern vom Heute trennt, einer ganz besonderen Taube gewahr zu werden. Bei deren Anblick, ja bei der Hoffnung auf ihren Anblick, übermannt sie ein so überwältigendes Gefühl, „wie wenn man eine feurige Kugel aus Gold sehe, oder aus güldenem Feuer, die vom Wipfel der höchsten Bäume zum Himmel auffliege wie ein Pfeil“. Ihr wundersames Gefieder gleiche einer Pomeranze, einem Glut- oder eben einem Flammenrot. “Wenn man sie am weißen Himmel sah, war’s, als würfe die Morgenröte einen Granatapfel in den Schnee. Und wenn sie sich in die Sonne katapultierte, war sie gleißender als die Cherubim!

Mag sein, den beiden Unglückseligen machte die Phantasie einen Streich und „ihre“ Taube war genauso asphaltgrau wie „die meinige“. Jeglichen Hochmut hatten sie aber da längstens schon der sie umgebenden salzigen Gischt geopfert und das Wort des Propheten Jeremia, es der Taube gleich zu machen, die da nistet am Rande des Abgrundes, konnte sie nicht mehr in lebenssüchtige Schrecken versetzen. Allein die flammenfarbene Taube vermochte es, die in ihnen noch nicht bezwungene Sehnsucht nach unvergänglicher Schönheit am Leben zu erhalten. Was hätten sie dafür gegeben, mit jener Taube zu verschmelzen, mit ihr zu fliegen hoch über der Meeresbrandung.

Ich bin nicht Stiller!“, lässt Max Frisch in seinem Roman jenen Stiller in den trostlosen Gefängnistag hineinrufen. Doch, so sehr sich Gleichnamiger bemüht, er vermag es letztendlich nicht, aus seiner eigenen Haut zu schlüpfen. Das Einzige, was sich wirklich verändert, ist seine Haut, pardon, die Zeit, die ihn, Stiller, verändert.

Letztendlich ist es doch immer die gleiche Frage: Freiheit wovon und wofür. Immanuel Kant näherte sich der Antwort, indem er die positive von der negativen Freiheit unterschied. Denn, wie schnell können wir uns darüber verständigen, dass das Sprengen der Ketten, die uns in Angst und Not verhaften, eine Befreiung unserer Existenz und Würde gleichkommt und somit zweifelsohne gerechtfertigt ist. Dies gilt selbst dann, wenn wir – wie jene Nora in Henrik Ibsens Drama „Nora. Oder das Puppenheim“ – nur einem goldenen Käfig entkommen wollen, der uns vom Fliegen abhält. Wie ungleich schwerer aber tun wir uns mit dem positiven Teil der gleichen Medaille, nämlich mit der Bestimmung des Ziels, das wir mit der errungenen Freiheit anstreben. Welchen Hafen wollen wir ansteuern, den Umsturz oder die Restauration und damit zurück zum Alten, dem Vertrauten, das aber nicht selten genau jene Unfreiheit bescherte, der wir zu entkommen suchen? Remarque beendet seinEpos „Im Westen nichts Neues“ mit der nüchternen Feststellung: “Es ist die Lebensgier, … es ist der Rausch der Rettung. Aber es sind keine Ziele.“ Genau an diesem Punkt scheint mir, stehen wir gerade.

Die große Soziologin Hannah Arendt löste den gordischen Knoten in ihrem Essay „Die Freiheit, frei zu sein“. Sie entrümpelte, warf unsere selbstgezimmerten Barrikaden über Bord und wies schonungslos darauf, dass die geheimnisvolle menschliche Fähigkeit, etwas (wirklich) Neues anzufangen, offensichtlich damit etwas zu tun hat, dass jeder von uns allein durch seine Geburt den Status eines Neuankömmlings hat, „Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind“. Der Philosoph Thomas Meyer verglich die Energie, von der Arendt hier sprach mit der „Unruhe, die entsteht, wenn einem das vermeintlich längst Bekannte entrissen und in eine andere Erzählung hineinversetzt wird“.

Leben als Kreislauf, in dem sich nichts verliert, obgleich es sich unaufhörlich erneuert. Was wir an diesen Sollbruchstellen tun können? Nun, neue Ufer ansteuern und vor allem: sie sodann betreten. Dazu bedarf es – wie auch Udo Lauer stets hinweist – „sapere aude“, Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Nicht mehr und nicht weniger. Denn, so Thomas Meyer unter Hinweis auf Hannah Arendt, „…ein größeres und notwendigeres Risiko können wir heute nicht eingehen“.

In diesem Sinne, haben Sie einen guten Start in das Neue Jahr. Bringen Sie die Kraft und den Mut auf für einen Neuanfang. Was gibt es nicht alles zu entdecken, auf den Inseln der morgigen Tage.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne. gabriele.thoene@t-online.de