Wortkalender Februar 2021

Die andere Hälfte. Von der Sehnsucht nach der Vollkommenheit

Ich schaue in den nächtlichen Winterhimmel. Ein Vergnügen, dass ich gerade dank meines kleinen Hundewelpen nächtens „geboten“ bekomme. Mit der Sternenkarte in der Hand und durch das Streulicht hindurch versuche ich, dem wuseligen Wesen neben mir den Großen Hund am Firmament zu zeigen. Bei diesem – zugegeben sinnlosen – Unterfangen stolpere ich und mein kleiner Vierbeiner freut sich tierisch über meine akrobatische Einlage.
Mir fällt dabei Thales von Milet ein. Nicht, dass ich mich auch nur ansatzweise vergleichen möchte mit jenem Vordenker der Antike. Platon war es, der ihn auf ewig mit dem profanen Lachen einer thrakischen Dienstmagd verknüpfte, die Thales dabei beobachtete, wie dieser vor lauter astronomischer Himmelsguckerei in einen Brunnen fiel. Er, der große Thales, strenge sich zwar an, die Dinge im Himmel zu erkennen, von dem aber, was ihm vor Augen und vor den Füßen liege, habe er keine Ahnung, spottete sie unverhohlen… Ist der Däumling auch der Größte auf dem Turm, so fällt er doch am Boden über einen kleinen Wurm.

Ach ja, wie sang Reinhard May so treffend:
Es gibt Tage, da wünscht´ ich, ich wär´mein Hund…“ Und tatsächlich, wie ein einsamer Hund schleiche ich in diesen Zeiten um die Häuserecken. Stets auf der Suche und doch verschreckt, sobald sich ein weiteres „maskiertes“ Lebewesen nähert, dem es aber genauso zu gehen scheint. Bin gespannt, ob mein Hund all die anderen Gestalten eines Tages wenigstens am Geruch wiedererkennt. Aber ich setze da ganz auf seine untrüglichen Instinkte, die bei uns Menschen leider so oft kläglich versagen, weil wir glauben, den anderen zu kennen, nur weil wir ihn sehen.

Apropos Platon. In seiner bekannten Geschichte „Das Gastmahl“ –  in der er eigentlich den Versuch unternimmt, das Phänomen der Erotik zu beschreiben – findet sich ein wunderbarer Mythos,  dessen Bericht er dem bereits damals berühmten Komödiendichter Aristophanes in den Mund legt und der mich gerade mit Macht in seinen Bann zieht:

Es ist das Gleichnis vom „Kugelmenschen“. Ursprünglich seien wir Menschen nämlich kugelartige Wesen gewesen mit vier Händen und vier Beinen und hätten uns wild und egozentrisch um die eigene Achse gedreht. Alles wunderbar, bis, ja bis die Kugeligen sich so stark wähnten, nun endlich die Gipfel des Olymp, den Götterhimmel, für sich zu reklamieren.Göttervater Zeus hielt daraufhin mit den Seinen Rat.
Es galt, nicht die Menschen, wohl aber ihren frevelhaften Größenwahn zu zerstören. In seiner kosmischen Vernunft habe Zeus schließlich die Lösung gefunden. Sie war so einfach wie genial zugleich: Zwei aus Einem.

Zeus befahl, die Kugelmenschen zu teilen. Er schlug damit sozusagen „zwei Fliegen mit einer Klappe“. Zum einen vervielfachte sich die menschliche Dienerschaft. Zum anderen aber hatten die geteilten Menschen keinen Sinn mehr für Götterlästerung. Vielmehr galt ihr ganzes Trachten nur noch der Suche nach der fehlenden Hälfte, denn sie waren getrieben von der allesverzehrenden Sehnsucht, wieder Eins zu werden. Das brennende Verlangen nach dem Ganzen, der Vollkommenheit, hatte sie mit Haut und Haaren erfasst. Dabei war – wie bei den „Magdeburger Halbkugeln“ (alberne Anmerkung der Unterzeichnerin) – es völlig einerlei, ob die andere Hälfte, von der sie sich angezogen fühlten, im Einzelfall männlich oder beispielsweise weiblich war – was bis heute gilt.
(ernsthafte Anmerkung der Unterzeichnerin).

„Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind“, heißt es bei Platon.

Selbst der Einsiedler braucht ein Pendant, und wenn es eine höhere Macht ist, von der er sich auf Erden getrennt fühlt.

Soviel steht fest: die Pandemie hat uns brutal herausgerissen aus unserer Taucherglockenwelt, in der wir um uns selbst kreisten und uns verhedderten in „sozialen Netzen“, kaum fähig, noch selbst zum Brunnen zu gehen und das kostbare Wasser der Freundschaft, der lebendigen Gemeinschaft daraus zu schöpfen und zu teilen. Nun aber, wo wir den vollen Becher allein in Händen halten, schmeckt dessen Inhalt nur fade. Die Sehnsucht ist es, die an der Narbe frisst und uns bei jedem Atemzug an unsere Teilung erinnert.
Wieder steht das Mantra im Raum: Wie werden wir sein, in der Zeit danach? Antwort: keine Ahnung, nur Hoffnung. In jedem Fall sollten wir den guten alten Platon nicht vergessen, der auf die bange Frage der Götter, was denn geschehe, wenn die Menschen nach ihrer Teilung plötzlich erneut anmaßend würden, durch Zeus seine Antwort gibt: „Dann werden wir sie nochmals teilen!“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfüllten Februar. Und suchen Sie im Rahmen dessen, was erlaubt ist, andere Hälften(!). Eher rein platonisch, versteht sich! Denn jeder dieser halben anderen führt Sie ein Stück weiter auf dem langen Weg hin zu Ihrer Vollkommenheit. Sie werden sehen.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.


Gute BEMERKUNGEN wie immer unter: gabriele.thöne@t-online.de Danke!

PS.: Mein kleiner Hund kommt und stupst mich. Ich glaube, er hat seine Hälfte schon gefunden. Ach nein, jetzt dreht er sich plötzlich im Kreis und versucht wie irre seinen Schwanz zu fangen. „Ouroboros“, nannten die „alten Griechen“ einen solchen Schwanzverzehrer, der als Sinnbild in vielen Kulturen aufgegriffen und von Nietzsche später lakonisch und durchaus treffend kommentiert wurde mit: „Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz“. Aber das führt mich zu einer ganz anderen Geschichte, die wir uns für die Zeit nach der Pandemie vorbehalten sollten.