Wortkalender März 2021

Du wirst mich in allen Zimmern suchen

„Wolkenschatten fliehen über Felder, 
Blau umdunstet stehen ferne Wälder.

Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen, 
Kommen schreiend an in Wanderzügen.

Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen, 
Überall ein erstes Frühlingslärmen…“ (Märztag, Detlev von Liliencron)

Mit einem Mal höre ich ihren sehnsüchtigen Gesang. Wie aus fernen Tagen klingt es vom Waldrand herüber: „… und die Gedanken all, die mir im Herzen seufzen, singt laut die Nachtigall ...“, sinniert Heine.

Ungläubig sehe ich mich um. Es ist doch erst März, schießt es mir durch den Kopf. Ist die Natur verrückt oder bin ich es? Aber da ist es wieder, ganz deutlich. Hat der gute Geheimrat von Goethe es nicht einstens gleichfalls gespürt, dieses: „Die Nachtigall, sie war entfernt, Der Frühling lockt sie wieder“. Ich jubele innerlich und wage kaum zu atmen. Stille.

Stille?

Nachtigall, ick hör dir trapsen! Wie nennt man eigentlich zu eine akustischen Fata Morgana? Das Schweigen der Lämmer?? Ich schüttelte mich und gehe weiter, hinein in den Vorfrühlingstag: Als sei nichts geschehen.

Allmählich erst melden sich die Stimmen der Natur wieder zurück. Sie winden und schlängeln sich über den geschmolzenen Schnee, zischeln und wispern beim langsamen Erwachen aus ihrem Winter- … oder war´s Corona-Schlaf. Meine Ohren haben sich wohl schon an jene bleierne Stille gewöhnt, die sich seit Monaten wie eine kratzende unförmige Wolldecke fest um mich gewickelt hat. Manchmal komme ich mir dieser Tage vor wie jemand, der sein Hörgerät nach langer Zeit wieder mal einsetzt und erschrickt, ob all der Geräusche, die nun ungefiltert zu ihm vordringen. Und genauso geht es mir irgendwie auch mit meiner Stimme und mit denen der mir Vertrauten, die inzwischen oft verstummt sind, manche für immer.

Übrigens, kennen Sie den Schweizer Schriftsteller Kuno Raeber? Im nächsten Jahr wäre er 100 geworden … wenn er nicht schon gut 30 Jahre davor gestorben wäre. Raeber hatte es nicht leicht mit der Gruppe 47, der schreibende Zunftmeister wie Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger angehörten. Aber sie mit ihm auch nicht. Wie dem auch sei, Raeber verfasste neben vielem anderen einen Text, der für mich so recht in meine Stimmung passt:

Einst bleibt von mir nur noch die Stimme.

Du wirst mich in allen Zimmern suchen,

auf den Treppen, in den langen Fluren, in den Gärten…

Und überall wirst du nur meine Stimme hören…

Überall wird sie dich treffen, überall…

Ok, Raeber lauscht zugegebenermaßen hier einer kleinen Zikade. Aber seine Worte treffen gerade jetzt in mein Herz, das das Vertraute zu hören sucht, wie der kleine Hund Nipper vor demGrammophontrichter, Sie wissen schon, der aus His Master´s Voice.

Ja, aufspringen, rufen in den Tunnel, schreien: „Hier bin ich!“ So, wie Der Schrei von Edvard Munch, der große unendliche Schrei der Natur, der lautlos und doch Trommelfell zerreißend durch das Bild zu springen scheint. Oder furchtlos wie Der Rufer von Gerhard Marcks, dem in Sichtweite des Brandenburger Tors die nie verglühenden Worte des großen Petrarca in den Mund gelegt wurden: “Ich gehe durch die Welt, und rufe Friede, Friede, Friede.“

Geschlossene Museumstüren, tosender Verkehr. Wer hört den Schrei, wer den Rufer?

Stimme und Stimmung: nicht nur ein und derselbe Wortstamm. Aber gönnen wir dem Stimmenfang noch eine Verschnaufpause so kurz vor dem großen Ansturm. Mich jedenfalls zieht´s zurück in meine stille Burg. Vorerst. Der Frühling braucht noch Zeit. Auch meine Ohren brauchen noch Zeit. Die Wölkchen verschwimmen lautlos in meiner Tasse Tee. Dazu Schubert in einer Aufnahme mit dem unvergessenen Fritz Wunderlich:

Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu dir


In dem stillen Hain hernieder
Liebster komm zu mir …

Hörst die Nachtigallen schlagen
Ach sie flehen dich
…“

Schwanengesang. Manchmal braucht man das.

Und überhaupt: Wat den Eenen sin Uhl´, is den Annern sin Nachtigall.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen lautleisen März, voller Glockengeläut von Schneeglöckchen, die sich verspäteten und Osterglocken, die bereits verkünden, sowie viel, viel Licht auf Ihren Wegen.

Und noch was:  Masken verdecken nur Mund und Nase, nicht das Herz und nicht die Ohren.

Herzlichst
Ihre Gabriele Thöne. Gute BEMERKUNGEN wie immer unter:
gabriele.thöne@t-online.de Danke!