Wortkalender April 2021

Diven küsst man nicht!


„… Ja, Hagel und Regen und Sonne und Schneien und Wechsel von Trauer, von Lust und Bereuen“, so beschreibt Hermann Löns die Tage im April. Fürwahr, kein gefälliger Monat.
Oft wild und ungezähmt, mit großem Auftritt und gnadenlos exzentrisch.
Nicht umsonst soll der April in der Antike der Göttin Aphrodite geweiht worden sein, der Schönsten unter den Schönen, der Begehrenden, Fortpflanzenden, der Schaumgeborenen des Meeres.
Ich biege den umgekrempelten Schirm wieder gerade und trete ins Haus. Als ich so – mit Käppi auf dem Kopf und wilder Mähne –
einen Blick in den Garderobenspiegel erhasche,
entfährt mir ein spitzer Schrei: „Wie Adele Sandrock!“
„Wie wer?“, fragt mein Mann, der gerade dabei ist, den ebenfalls heimkehrenden, bestens gelaunten Hund mit Handtüchern
und Scheuerlappen halbwegs trocken und stubenfein zu machen. Ich werfe meine nasse Jacke ab.
Draußen scheint jetzt die Sonne zwischen sich jagenden Wolkengebirgen. „Na die Sandrock! Die große Schauspielerin, die mit Arthur Schnitzler tragisch verbandelt war und in Filmen später oft die komische Alte spielte. Herrlich! Das war noch eine richtige Diva!“
„Richtige Diva…, verstehe!“, knurrt mein Mann, während er sich um meine immer noch tropfende Jacke bemüht. Ich jedenfalls verstehe den Unterton und rufe mit der inzwischen gefüllten Kaffeetasse in der Hand:“ Kennst du übrigens mein Lieblingszitat von der Sandrock?
Es ist: Das Kind hat den Verstand immer vom Vater, denn die Mutter hat ihren noch.“
Danach flüchte ich mich an meinen Schreibtisch in Erwartung, dass sich der heimische Theaterdonner wieder schnell legt. In die plötzliche Stille hinein fällt mir der alte Song von Bob Dylan ein:
„Wallflower, wallflower, won´t you dance with me…“ Wallflower klingt besser als Mauerblümchen, das ist aber dann auch schon alles… Ich, ne Diva? Ich schüttele den Kopf. Und überhaupt, woran erkennt man eine Diva oder mit Alexander Puschkins Worten gefragt:
“Wer, Wellen, brachte euch zum Stehen…“ „Diva „kommt von „divus,“ göttlich. Eine Diva“ zeichnet sich durch Einzigartigkeit,
Unerreichbarkeit aus, aber auch durch Unnahbarkeit, Allüren und Launenhaftigkeit. Männer werden allenfalls als eitel, eigen, herrschsüchtig und machtverliebt tituliert, so wie Nero, Napoleon oder der selbsternannte Pop-Titan Bohlen. Mick Jagger wurde augenzwinkernd
mal als „Diva mit Mega-Ego“ beschrieben. Landläufig aber wird der Status einer Diva mit dem weiblichen Geschlecht verknüpft und das nicht erst seit Paris Hilton und Madonna.
Ich denke da besonders an jene Diven aus der Stummfilmzeit. Solche wie Asta Nielsen, die ihre Filmpartnerin Henny Porten vor laufender Kamera in einer Kreuzigungsszene absichtlich fallen ließ, was nicht nur zahlreiche blaue Flecken bei der gefallenen Marien-Darstellerin hinterließ.
Oder an die einzigartige Pola Negri, der Charlie Chaplin einen Eimer Wasser über den Kopf gießen musste, um sie von einer Rivalin fernzuhalten.
An Elisabeth Bergner, die als Pointenmörderin auftrat, um gnadenlos den Applaus allein für sich einzuheimsen. Und an Hilde Hildebrand, die einem jungen Schauspieler mal gelinde gesagt eine schmierte, als dieser voller Ehrfurcht stammelte, dass sie als Mitfünfzigerin immer noch sehr gut aussehe…
In ihre Elysischen Gefilde aber haben die Götter dem Vernehmen nach tatsächlich nur wenige aufgenommen, wie Greta Garbo, kurz „Die Göttliche“, die „göttliche Sarah Bernhardt“ (laut E.A. Reinhardt „der Mensch der zum Genie gewordenen Eitelkeit“) und natürlich die ebenfalls auf dem Olymp gehobene „große Eleonore Duse“ (die nach den abschätzigen Worten der Berhardt: „eine sehr große Schauspielerin,
aber eben keine Künstlerin“ war).
Diva sein, ob auf der Bühne, auf dem Laufsteg, vor der Kamera oder wo auch immer. Viele jagen ihr Leben lang diesem Traum hinterher, wie die kleine Kellnerin im Song von Joshua Kadison „Picture Postcards from L.A.“, deren einziger Bewunderer der Pianospieler bleiben wird,
unten in Eddies Bar… „Du hast mich ganz, ich bin Dein eigen. Und meine Seele lebt in Dir!… Mit allen Mängeln, allen Schwächen, ergeb’ ich mich und bin nun Dein“, beschwört Ernst von Wildenbruch in seinem „Der Spröden“ gewidmeten Gedicht die Unerreichbare.
Aber der Preis für ein Leben als Diva ist hoch, verdammt hoch! Der Einsamkeit entkommt man nicht allein. Marylin Monroe verlor sich in sich selbst und Maria Callas, die sich für ihre Liebe von jenem Tankerkönig erniedrigen ließ, musste schließlich doch den Platz an dessen
Seite räumen… für eine andere einsame Diva. In diesem Zusammenhang: Erinnern Sie sich noch an das wunderbare Lied von Peter Sarstedt: “Your name is heard in high places. You know the Aga Khan. He sent you a race horse for Christmas and you keep it just for fun, for a
laugh, ha-ha-ha.. But where do you go to my lovely, when you’re alone in your bed? Won’t you tell me the thoughts that surround you? I want to look inside your head, yes I do, yes Ido…”
Nicht nur in der Welt der Dreigroschenoper gilt: „… Doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ Der Vorhang, der das Dunkel vom Licht trennt, dient ganzen Heerscharen als riesige Wabe, um vor allem sich selber zu nähren und zugleich stets neue
Aspirantinnen zu Königinnen zu machen, zumindest jedoch zu „Stilikonen“. Aber genau da liegt im wahrsten Sinne des Wortes die Krux und die Messlatte zugleich: Als „Ikone“ bezeichnete man im alten Griechenland ein „Bild oder Abbild“, das sich dadurch auszeichnet,
dass es sich vom kurzlebigen „Trugbild oder Traumbild“, „dem Idol“, abhebt. Apropos Trugbild. Diven sollten möglichst nicht alt werden. Denn, was bleibt, wenn sie sich im Laufe der Jahre entfremden, das Publikum und die menschliche Legende? Ein Spiegelbild altert, auch wenn der Spiegel zugehängt wird. Maria Riva stellt trocken fest „Sie war eine Königin. Ihre Wirkung war unbeschreiblich. Sie war immer die perfekte Frau für den, in den sie gerade verliebt war.“ Riva beschreibt hier ihre Mutter, Marlene Dietrich, die sich im Alter in einen Kokon konservieren wollte, auch wenn das Herz dagegen rebellierte.
Mal ehrlich, welchen Grund gibt es also, das alles in Kauf zu nehmen? Ist es die Sucht nach Ruhm, der unstillbare Lebenshunger wie bei Coco Chanel: “Ich habe nur vor einer Sache Angst: mich zu langweilen.“ Vielleicht stellen sich Diven aber auch nur auf ihre höchsteigene
Art der unbarmherzigen Sterblichkeit, oder wie Karl Lagerfeld es auf den nicht greifbaren Punkt brachte: „Ich will keine Realität im Leben der anderen sein. Lieber eine Erscheinung. Erscheinen und verschwinden.“
Sei´s drum. Ich beschließe, Diven und Mauerblümchen genauso zu akzeptieren wie das Wetter im April. „Die Sonne fängst du nicht in einem Sack“, sagt man in Russland.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen stürmischen, sonnigen, regnerischen, aufgeblasenen und zarten April. Seien Sie genauso und bieten sie ihm die Stirn. Er muss es ja auch mit Ihnen tun.
Übrigens wie wir alle, ausnahmslos.

Herzlichst,
Ihre Gabriele Thöne.