Wortkalender Mai 2021

Ich will meine Seele tauchen.

Von der Liebe in den Zeiten der Corona

Raschen Schritts geht die Akkordeonspielerin an mir vorbei. Der Kies unter ihren Schuhen knirscht leise, fast rhythmisch. Sie habe gleich den nächsten Termin, sagt sie. Die Dur- und Moll-Akkorde von Dimitri SchostakowitschsWalzer Nr. 2“ hängen noch, so hätte es Christian Morgenstern gesagt, wie „Mondspinnweben“ in der Luft. Das zarte Grün der Blätter streckt sich sehnsuchtsvoll dem strahlendblauen Himmel entgegen. Frühling,
ein Tag wie gemalt.

Ich verabschiede mich kurz von den übrigen Trauergästen, die gerade gemeinsam mit mir an der Beerdigung teilgenommen haben und gehe abseits des Hauptweges, hinein in die stillen Nischen des Friedhofs. Früher hatte mich ein solcher Ort beklommen gemacht, heute verstehe ich eher die Bedeutung des Wortes „Ruhestätte“.

So viele Bilder und Gedanken tanzen wild durch meinen Kopf, begleitet von der Erinnerung an das Spiel des Akkordeons. Chaotisch und doch von einer Unerklärlichkeit bewegt, wie die Seiten in den Galgenliedern von Christian Morgenstern: „Ein Buch lag aufgeschlagen, auf irgendeinem Pult,
… Ein Sturmstoß kam es blättern …
Ich hatte die Verstorbene erst als ältere Dame kennengelernt.
Heute waren Fotos in der kleinen Kapelle aufgebaut, die sie auch als junge Frau zeigten, als Ehefrau, als Mutter. Mit großem Abstand haben wir da auf den Holzbänken gesessen, bedeckt mit Masken und haben ein Leben Revue passieren lassen. Mit all seinen Höhen und Tiefen, seinen Ängsten, seinem „Trotzdem“, seiner ganzen Liebe. Die vielen vergangenen Maitage.

 „Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer … steht ein Jüngling… Und mit düsteren Lippen fragte er die Wogen: O löst mir das Rätsel, das qualvoll uralte Rätsel… Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er gekommen? Wo geht er hin? … Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
… Und ein Narr wartet auf Antwort“, resümiert Heinrich Heine.

Sicher, es gibt Zeiten, da verdrängt ein einziges Ziel alle Fragen. Wie bei jenem Joaquin, dem Goldsucher in „Fortunas Tochter“ von Isabel Allende. Oder wie bei Noah Klieger, dessen Lebensgeschichte Takis Würger in seinem Werk „Noah“ nachzeichnet und wo es heißt: „Sie alle fuhren über das Wasser, weil sie sich eine Zukunft wünschten. Das war alles, sie wollten frei sein und leben.“
Es war 1947, auf der „Exodus“. Später dann schwebte auch bei Klieger über jeden Tag seines Lebens ein „Wieso“, auf das es viele Erklärungen und letztendlich keine Antwort gab.

Fragen, das ganze Leben lang Fragen. Sie beherrschen unser Leben, nehmen gefangen, halten uns vom Leben ab oder führen uns nach ihrer Beantwortung zu neuen Fragen, wie ein Kosmos hinter dem Kosmos. Sicher, man kann sie im Moment absoluter Gefahr ausblenden oder bei Unerträglichkeit im Rausch betäuben, diese ruhelose innere Stimme. Aber sie kommen wieder, die Fragen, wie ein Dammbruch. Unentrinnbar. Unentrinnbar? Nicht für Träume, Visionen, Systemsprenger. War´s das? …

In Gedanken hätte ich ihn fast umgerempelt, den Mann, der sorgsam eine kleine Vase mit Blumen füllt. Er richtet sich wieder auf und sagt fast entschuldigend: “Lilien hat sie immer so geliebt.“
Stumm nicke ich, was soll ich auch anderes tun und gehe weiter.
Ich will meine Seele tauchen in den Kelch der Lilie hinein, die Lilie soll klingend hauchen ein Lied von der Liebsten mein“, Heinrich Heine.

Ja, die Liebe!Sie vermag Antworten zu geben, auf die wir noch gar keine Fragen hatten. Gewiss, das Schicksal kann uns auseinandertreiben, wie in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel Grazia Márquez. Aber sie bleibt in uns ein Leben lang oder länger. Stahlhart ist Kurt Frieberger,
wenn er sagt:“ Was du im Herzen birgst an Glück und Leid, es stirbt mit dir.“ Und nicht weniger ist es Franz Grillparzer, wenn er bilanziert:
Eins ist das Bitterste von allen: vermissen, was schon unser war.
Wir wissen darum. Aber das Trotzdem …

Vergiss der Traurigkeit, die sich verlor ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit versunkner Tage“, lässt Georg Heym den Wind tröstend singen. Irgendwann. Vielleicht.

Die Sonne strahlt, als ich mich dem Ausgangstor nähere. „Es sieht finster aus in der Welt, aber es gibt doch Frühling, und die ewige Heiterkeit lacht aus jeder Blume“, notierte Hermann Hesse. Man schrieb das Jahr 1941.

Ich gehe hinaus in meinen zweiten „Corona-Mai“.
Die Drehtür dreht sich, schwingt, schwingt, schwingt …“, ganz wie bei Vicki Baum in „Menschen im Hotel“.

Meine Gedanken holen mich ein. Zu viele Antworten erhalten heute, … Sie wissen schon. Mairegen rinnt nun an meinem Fenster entlang.
Sie steht am Fenster und denkt, dass es schön ist, mit einer Tasse in der Hand in den Regen zu schauen und ein bisschen zu frieren.
Es bedeutet, dass man am Leben ist“, lese ich bei Juli Zeh in ihrem Roman „Über Menschen“. Es kann so einfach sein.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen einen wunderschönen Mai. Und, spüren Sie die Liebe, wo immer es möglich ist. Jetzt, wann sonst.

Ihre Gabriele Thöne.
Freue mich auf Ihre GUTEN Anmerkungen unter:gabriele.thoene@t-online.de