Wortkalenderblatt Juni 2021

Also lautet der Beschluss…

Vom Leben und anderen Lehrern

Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss. Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh´, nicht allein im Schreiben, Lesen übt sich ein vernünftig Wesen…“, so zitiert Wilhelm Busch den armen Lehrer Lämpel, der dank „Max und Moritz“ mitsamt seiner Meerschaumpfeife in die Luft fliegt.

Ich blättere mich durch meinen Kalender, während der andere am Telefon wartet. „Am besten Ende Juni“, sage ich mit Gewissheit in den Hörer. „Wie bitte? Unmöglich!“, ruft mir die auf laut gestellte Stimme zu. „Warum denn, ist doch ideal“, trumpfe ich zurück. „Sinnlos, Sommerpause im Parlament und die ersten Sommerferien haben dann begonnen! Am besten wir machen die Versammlung so im Oktober, November, aber nicht zu spät, denn da fangen die ersten Weihnachtsfeiern in den Unternehmen und so an.“ Nach einer Weile lege ich den Hörer auf.

Wo ist das erste Halbjahr geblieben? Irgendwo in der Zwischenwelt von Homeoffice und Videokonferenzen. Und irgendwann an diesem Tag holt mich, wie ein alter Zauberspruch aus einem verstaubten Archiv, der Klang dieses Wortes wieder ein: S-o-m-m-e-r-f-e-r-i-e-n.

Nur manchmal verschwindet die Wirklichkeit und ich seh‘
ein Bild aus anderer Zeit…

Sanfte Sommerluft, milder Blütenduft über Zeit und Raum…und die Welt war jung.“ Wann habe ich es das letzte Mal gehört? Plötzlich ist sie wieder in meinem Ohr. Nein, nicht die Stimme der Knef, die jenes Lied so ganz anders, aber auch so unnachahmlich interpretierte wie die Dietrich. Nein, ich meine die Schulglocke. Hören Sie mal in sich hinein, da ganz hinten arbeitet sie immer noch, Stunde um Stunde. Gerade läutet sie die Sommerferien ein. Ok, für ungeübte Ohren schrillt sie genauso wie zum Unterrichtsanfang, wie zur Pause, kurz, wie immer. Aber für uns war es dieser Tage das heißersehnte Aufbruchssignal zum Sturm nicht auf, sondern aus der Bastille. Ich sehe mich noch im Pulk mit den anderen hinausstürmen in die Freiheit, als wären wir einem uns fast verschlingendem Inferno um Haaresbreite entkommen, wie der Ganzheitsmethode beim Lesen, der Mengenlehre, dem Kurzschuljahr und vielen weiteren Experimenten.

Mit welchem Gefühl mögen Schüler und natürlich Schülerinnen, Lehrer und natürlich Lehrerinnen aber nach über einem Jahr der Pandemie in diese Sommerferien gehen? Schreiten sie leise und mit Sorgen, mit ungläubigem Staunen oder genauso crazy wie wir seinerzeit? Mit Letzterem meine ich natürlich nicht die Mitglieder des Lehrkörpers…Und, was hat dieses Jahr in den jungen Menschen verändert?  Fühlen sie sich abgehängt, ohnmächtig, haben sie ihren Mut verloren, behalten oder gar gestärkt und wenn ja, durch wen oder was? Haben sie neue Werte erfahren können, haben sich gute oder schlechte bewährt? Und dann noch die alte Frage: Siegen die Falken oder die Tauben? Wer war besser vorbereitet auf all das, werden wir daraus Lehren ziehen und wenn ja, welche?

1 Jahr nach Christus soll er geboren sein, jener Seneca, der Philosoph und spätere Lehrer von Nero, der ihm das aber wenig dankte. Auch wenn er sich dabei auf die sich selbst genügenden Denkschulen Roms bezog, so klingen mir Senecas Worte gerade jetzt der Zeit gemäß: „Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab… Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen…. Non vitae, sed scholae discimus. Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ Aber, wie wir wissen, wurde sogar dieser bekannte, für viele Schüler zynisch oder entwaffnend ehrlich klingende Satz einem Looping unterzogen und die Behauptung aufgestellt: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, doch ob das im Schulalltag der Realität entspricht sei mal (nicht) dahingestellt.

In seiner nur ihm zu verzeihenden Art, sagte der geniale Schauspieler Peter Ustinov – ich denke wohl wegen seines Nero-Films gerade an ihn: „Wahrscheinlich geht nichts über die britische Erziehung – vorausgesetzt, dass man sie überlebt. Wenn nicht, bleibt einem immer noch das diplomatische Korps.“ Au weih, wo bleibt die political correctness?! Lassen wir das dahingestellt, zumal auch und gerade das Corps Diplomatique Neuzugänge braucht für all die Krisenherde auf der Welt. Aber ob nun der Altmeister Goethe despektierlich feststellt „Pfaffen und Schulleute quälen unendlich“ oder Hermann Hesse es mit Groll im Herzen wie folgt ausdrückt: „Die Schule ist die einzige moderne Kulturfrage, die ich ernst nehme und die mich gelegentlich aufregt. An mir hat die Schule viel kaputt gemacht, und ich kenne wenig bedeutendere Persönlichkeiten, denen es nicht ähnlich ging. Gelernt habe ich da nur Latein und Lügen“: Jeder von uns hat so seine eigene Schulgeschichte hinter sich, gefüllt mit einem Kosmos voller Erfahrungen, Glanzpunkten und Blessuren.

Wege haben sich entschieden wegen einer einzigen Lehrerin, eines barschen oder eines grundgütigen Lehrmeisters oder sagen wir es lieber zeitgemäß, Ausbilders, eines Mentors. Wie haben sich übrigens die Kinder und Jugendlichen in Ostdeutschland beim Fall der Mauer gefühlt, wo suchten sie ihre Vorbilder von einem Tag auf den anderen, was ist aus ihnen geworden und gleichsam, was hätte werden können? Wegmarken. „What shall we use to fill the empty spaces“ oder: „All in all you’re just another brick in the wall”.  Pink Floyd auf dem Potsdamer Platz, Wendezeit. Erich Kästner hat es in seinem 1933, dem Jahr der unsäglichen Bücherverbrennung, erschienenen, 1936 dann aber auf dem Index gesetzten Roman „Das fliegende Klassenzimmer“ so ausgedrückt: „Bei Vorbildern ist es unwichtig, ob es sich dabei um einen großen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken gesagt oder getan hat, wovor wir zögern.“

Wirklich entscheidend ist, dass wir im Leben, wo auch immer und am besten so früh wie möglich, auf Menschen treffen, die unsere innere Stimme zum Klingen bringt, damit wir das Rüstzeug im Tornister haben, das uns später auch durch schwere Stunden nie zur Last wird, sondern zum Leben führt. Oder, wie es ebenda Hesse, der als Schüler gewiss auch nicht gerade unkompliziert war, auf den Punkt bringt: „Das Wichtige ist nicht die Bildung des Lehrers, so wie die Gescheitheit und die Beschäftigung mit Pädagogik einen Vater nicht zum Erzieher fähig macht, wenn er nicht als Mensch, als Vorbild, das überzeugende hat, dem ein Kind mehr glaubt als Worte.“ Ob er dabei den guten Abt Daniel aus seinem Roman „Narziß und Goldmund“ vor Augen hatte, der, voller Güte, von fast allen Schülern geliebt, von den Gelehrten des Klosters hingegen herablassend behandelt wurde und dem jene Einfalt zu eigen war, „welche Weisheit ist; aber sein  Latein war sehr bescheiden…“

Apropos, kennen Sie noch den ebenfalls 1933 erstmals aufgelegten Roman von Heinrich Spoerl, „Die Feuerzangenbowle“? Sie wissen schon, der mit der Erklärung der Dampfmaschine, eingeleitet durch den Lehrerausspruch: „Da stelle ma uns mal janz dumm!“ Wie man auch immer zu der Verfilmung aus dem Jahr 1944 mit Heinz Rühmann als dem fiktiven „Schöler Pfeiffer mit 3-f“ in der Hauptrolle stehen sollte, in Anlehnung an den Roman endet der Streifen gleichsam mit den Worten: „Wahr an der Geschichte ist lediglich der Anfang: die Feuerzangenbowle. Wahr sind auch die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“  Und Letzteres tue ich jetzt auch.

Vielleicht eins noch: Zeigen Sie Ihrem Kind oder Kindeskind oder so einfach mal wieder, dass es auf Sie bauen kann. Und zwar immer, denn Weltkindertag ist 365-mal im Jahr. Und wenn das alles nicht hilft, dann besinnen Sie sich der Mahnung des hochweisen Meister Kong, Konfuzius mithin: „ Achte die Jugend, du weißt nicht, wie sie sich entwickeln wird.

Am besten besser als wir, viel liegt davon auch in Ihrer Hand. So wie dieser Monat Juni, den Sie für sich und Ihre großen und kleinen Mitmenschen so schön wie möglich gestalten sollten, denn Aus-Zeiten kennt das Leben nicht.

Herzlichst Ihre
Gabriele Thöne.
Für Ihre guten Anmerkungen: gabriele.thoene@t-online.de