Wortkalenderblatt Juli 2021

Estragon, Wladimir und der Winterkatalog.
Langmut an Hundstagen

Der Postbote klingelt ungeduldig an der Haustür und beschwert sich lautstark, während ich versuche, den Weg zu ihm zwischen meinem empört bellenden Hund und seinen Spielzeugen ohne Knochenbruch zu überstehen. „Schon wieder geht so ein Monstrum von Papier nicht in Ihren Briefkasten!“ Ich schaue ihm hinterher, wie er, keuchend wegen der stehenden Gluthitze, mit seinem Fahrrad um die Ecke biegt. Vielleicht gewinne ich der Zustellung per Drohne doch noch was ab, jedenfalls solange, bis die Schiffchen versenken spielt und mir mit einem diabolischen Lachen ihre Zustellungen auf den Kopf wirft…

Na sei´s drum. Im Haus blättere ich mich durch Fotos mit Wintermode. Wollhandschuhe, Fellsohlen, Angorawäsche und nicht zu vergessen die praktischen Daunenjacken, dazwischen ein Gewinnspiel, 1. Preis ein Aufenthalt für 2 Personen zum Weihnachtsmarkt in Nürnberg, Glühwein inbegriffen. Herbst/ Winter-Katalog eben. Vielleicht, sage ich mir, schrumpft die Zeit oder aber die Abstände zwischen den Saisons werden tatsächlich immer kürzer und die in den Vertriebsetagen meinen, dass wir das sowieso nicht mehr schnallen.

Ja, die Zeit. Die Zeit, die eilt im Sauseschritt. Früher bezog ich solche Sinnsprüche allenfalls auf den Wechsel der Jahreszeiten. Seit ich selber Jahresringe anlege weiß ich, dass meine Sanduhr auch immer schneller den Bodensatz zum Schwerpunkt wählt. Das dämmert mir spätestens, seit ich zunehmend Einladungen erhalte, doch endlich einer der „Weißt du noch“ – Gruppen beizutreten. Weißt du noch, als wir mit Hula-Hoop-Ringen oder Gummitwist spielten, als Monopoly die einzige Berührung mit den Finanzplätzen dieser Welt – insbesondere der Schloßallee – war …und kennst du noch die Serie „Forellenhof“ und weißt du noch den Namen des Hundes vom Hotelier Buchner, gespielt von Hans Söhnker (lös ich blitzschnell: „Kuni“ hieß die gutmütige Boxerhündin) und und und. Bei all dem bequemen Versinken in die Abgründe der Polstergarnituren unserer Vergangenheit, warum zelebrieren jetzt mehr und mehr um mich herum diesen Retrohype? Schlagerparaden aus den 50´ern jagen die aus den 70´ern und so weiter. Weshalb um alles in der Welt fühlten sich so viele von uns gefangen im harten Lockdown, obgleich sie das doch selber mit Genuss in ihrem inneren Stübchen tun? Die Zeit können wir jedenfalls nicht aufhalten, auch wenn wir eine Sandburg bauen und dahinter aufgekratzt um angestaubte goldene Kälber tanzen. Womit ich nicht gesagt haben will, dass ich immer standhaft bin.

Da fällt mir der gute alte Samuel Beckett ein, Gott hab ihn selig, mit seinem Stück „Warten auf Godot“. Die zwei Hauptprotagonisten, Estragon und Wladimir harren ewig der Antwort eines Herrn namens Godot auf eine letztlich völlig belanglose Frage. Sie lernen, sich auf mehr oder minder spannende Art, die Zeit dabei zu vertreiben oder eher tot zu schlagen. Bis einer von beiden fragt, ob es nicht diese Zeit des abgelenkten Wartens ist, die den Verstand vor dem Untergang bewahrt. Mag sein, Estragon und Wladimir waren in ihren Handlungen absurd, aber diese Feststellung hat einen bitteren Nachgeschmack, vergleichbar mit dem Lachen, das irgendwann im Halse stecken bleibt, während man zu lange vor dem Affengehege steht.  

Als Kind zeichnete ich mich durch vieles aus, aber sicher nicht durch eins: Geduld. Eigentlich geht mir das bis heute ab, aber… Auch mein Leben bildet ein Muster, gewoben aus einer Reihe gerissener Geduldsfäden. Der Dominikanerpater Meister Eckhart, der weise Mann, musste am Ende seines irdischen Daseins den Inquisitoren des Spätmittelalters ins unverständige Auge blicken. Jedoch hatte er da längst verstanden: „Man muss erst lassen können, um gelassen zu sein.“ So ist es im Umgang mit anderen Menschen, mit den Hindernissen auf dem Weg zur schnellen Lösung und schließlich mit sich selber – und das oft bis ins hohe Alter. Es ist also ein Lernprozess, wie furchtbar und wie tröstlich zugleich.

Nur wenigen ist es vergönnt, soviel Geduld aufzubringen wie Argos, der Hund und Penelope, die ganze 20 Jahre auf die Heimkehr ihres Gatten Odysseus wartete, der Kriege zu führen hatte, sich bei den Sirenen und der Zauberin Kirke vergnügte. Vielleicht nahm sie die Kraft dazu aus der Schwere ihres Schicksals, wie so viele Menschen vor ihr und danach. Eine alte Erkenntnis, die auch Paulus im Brief an die Römer aufgreift:“… wir rühmen uns auch der Trübsale, weil wir wissen, dass Trübsal Geduld bringt. Geduld aber bringt Bewährung. Bewährung aber bringt Hoffnung. Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden…“ Wer Gewalt und Not erlebt oder deren hartes Brot im Laufe seines Daseins essen musste, der weiß, dass manchmal nur die Hoffnung, die zur Geduld befähigt, der Strohhalm ist, der uns noch mit dem Leben verbindet.

Ich werfe den Katalog in die Tonne, bin nicht in der rechten Stimmung auf Winter mitten in diesen hot-dog-Tagen. Aber ich bin gerade in der richtigen Laune für einen kurzen Ausflug in meinen Bildband „Staats- und Familienleben der Thiere“, Fabeln aus dem Paris des Jahres 1842 (also doch ziemlich retro…), reich und herrlich illustriert von Grandville, dem begnadeten Zeichner, der eine Welt aus Tier-Mensch-Wesen schuf, nein, einen Spiegel aus Hunderten von Facetten, in denen  man so viele Geschöpfe und doch eigentlich nur die eigene Art entdecken kann. Wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Am besten gefällt mir heute die Geschichte von der „Leichenrede auf einen Seidenwurm“.

Einer der Trauerredner, selbst ein Seidenwurm, spricht am offenen Grab: “Wir wissen, dass alles was beginnt ein Ende hat und sterben muss; dass Muth dazu gehört, seinen Lebensunterhalt blattweise zu verdienen; wir wissen, welche Geduld und Selbstverleugnung dazu gehört, ehe ein Maulbeerblatt zu einem seidenen Kleide wird; wir wissen, wie beschwerlich unsere Arbeiten sind, wir wissen auch, was sterben heißt: aufhören zu spinnen, da der Tod nur das andere Ende des Fadens ist, welcher beim Beginne des Lebens anfängt…„  Die Moral von der Geschicht´? An dem Faden, an dem man hänget, da zieht man nicht. Beruhigend nur, dass die Seidenwürmer auch erst im Angesicht des Endes ihrer Tage so abgeklärt sind.

Nun, bevor ich jetzt anfange über Hemingways „Der alte Mann und das Meer“, über das arme Schneewittchen, den schlafenden Barbarossa Friedrich Rückerts oder gar über Heideggers „Feldgespräche“ und „Sein und Zeit“ zu parlieren, ziehe ich lieber den Stecker und marschiere hinein in den Juli. Das sollten Sie übrigens auch tun. Und – könnte ja nicht schaden – nehmen Sie dabei mal was zum Schmökern mit, die schönste Art, Geduld zu üben.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.
Für freundliche Anmerkungen:gabriele.thoene@t-online.de