Wortklenderblatt August 2021

Les Fleurs du Mal. Die Metamorphose der Schuld

„Draußen kocht August und glutet“, heißt es bei Hermann Hesse. Aber ich trete nicht ein in seinen alten Park mit den „moosigen Verstecken“, sondern kehre zurück von meinem ausgedehnten Spaziergang durch die Feldflur. Viel ist schon abgeerntet, anderes harrt geduldig in der gleißenden Sonne.

Mit einem Glas kühlen Wein und einem immer noch hechelnden Hund setzte ich mich auf meine Bank im schattigen Teil des Gartens. Vor mir breitet sich der große Bildband „Metamorphosis insectorum Surinamensium“ aus mit den filigranen kolorierten Zeichnungen von jener „Kerbtiere“, die Maria Sibylla Merian auf ihrer Reise nach Surinam 1699 – 1701 sah. Für sie waren das keine unwürdigen, nutzlosen Dinger, sondern in jedem „dieser Kleinsten und geringsten Würmelein“ erkannte sie eine Offenbarung des Schöpfers. Die Merian verstand es wirklich einzigartig, die Stadien der Metamorphose der damals noch so ungeliebten und unverstandenen Insekten im Einklang mit den Wirtspflanzen, einer atemberaubenden Biografie gleich, abzubilden.

Aber nicht nur die Raupe wandelt sich. Ich erinnere mich an das Gedicht von Nikolai Zabolockij, der selbst schwere Zeiten der der Zwangsarbeit in Sibirien durchleben musste: „Die Welt: ein ständiges Sich-Ändern! Wie ich auch…Was jetzt Gedanke- früher war´s ein Blumen-Angesicht; was früher Stier- jetzt ist es ein Gedicht; und das, was ich einst war, so mein Gedanke, vermehrt vielleicht die Pflanzenwelt als Ranke…“

… Ja, wer weiß: „Die Natur ist ein Tempel, aus lebenden Säulen erbaut, aus denen bisweilen verworrene Worte entweichen; der Mensch durchquert darin Wälder symbolischer Zeichen, die ihn beobachten mit Blicken, die ihm altvertraut“, wirft uns der französische Lyriker Charles Baudelaire – dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 200. Mal jährte – durch die Zeit zu in seinem epocheschreibenden 100 Gedichten „Les Fleurs du Mal“, Die Blumen des Bösen.

“Der Sünde, Blindheit, Dummheit, Knauserei Gebresten zermürben unseren Körper und besetzen unseren Geist… …Um freudig auf dem Weg des Schlamms zu gehn, im Glauben, feile Tränen wüschen alle unsere Flecken“, mahnt Baudelaire darin zwischen manch frivolen Gedanken.

Ich jedenfalls denke gerade an all die Kriegsgräber dieser Welt, auf denen heute Reisfelder sind, wie in Vietnam oder Blumen blühen. „Sag mir wo die Gräber sind, Blumen wehen im Sommerwind.  Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?“ Wie ich darauf komme? Der rote Mohn heute am Feldrand erinnert mich unentrinnbar an die sinnlosen Tode des Ersten Weltkriegs. „In Flanderns Feldern blühen die Mohnblumen zwischen den Kreuzen, Reih an Reih, die unseren Platz markieren…Wir sind die Toten, vor wenigen Tagen lebten wir, fühlten die Morgenröte, sahen den Schein des Sonnenuntergangs, liebten und wurden geliebt und jetzt liegen wir in Flanderns Feldern…“, heißt es in dem berühmten englischen Gedicht. Dort auf den Seelower Höhen sind es die Adonisröschen, die das Blut des Zweiten Weltkriegs alljährlich bedecken mit ihrer reinen Unschuld. Wieviel bekannte und wieviel nie gesehene Plätze davon mag es geben auf der Welt?

Blumen genügen sich selbst, frei von Schuld. Brauchen keinen Spiegel, keinen Ruhm, kommen und vergehen im Wechsel. Umarmen sie mit ihrem Anblick die über der Erde, versöhnen und behüten sie engelsgleich die darunter?

Welchen Trost gibt es für die Lebenden, die in den Abgrund geschaut haben, wie unsere Mitmenschen dieser Tage in den Überschwemmungsgebieten? Werden sie eines Tages wieder die Blumen betrachten können ohne die Last des Geschehenen vor Augen? Ich weiß keine Antwort.

Nur einen Wunsch habe ich: Mögen immer wieder Kinder Blumen pflücken in der Hoffnung, dass sie nie verwelken.

Das erinnert mich an die Begebenheit, von der Baudelaire in seinem Essayband „Wein und Haschisch“ erzählt: Er, Baudelaire, habe als Kind zusammen mit seiner Mutter Ernestine Panckoucke – übrigens auch eine begnadete Blumenillustratorin – einen Besuch abgestattet. Madame habe ihm ob seines guten Benehmens in ein Zimmer geführt, gefüllt bis zur Decke mit den herrlichsten Spielsachen. “Das ist die Schatzkammer der Kinder“, habe sie gesagt und ihn aufgefordert, sich eines davon auszusuchen. „Mit der bewundernswerten und klarsichtigen Schnelligkeit der Kinder, bei denen Begierde, Überlegungen und Handeln gewissermaßen eins sind – worin sie sich von den degenerierten Erwachsenen unterscheiden, bei denen im Gegenteil die Überlegungen fast alle Zeit beansprucht –, ergriff ich so gleich das schönste, teuerste, auffälligste, neueste und kuriosesten Spielzeug. Meine Mutter schimpfte über mein Betragen und wollte mir nicht erlauben, dass ich das Spielzeug behielt. Sie bestand darauf, dass ich mir einen unendlich schäbigeren Gegenstand aussuchte. Aber das konnte ich nicht hinnehmen, und um des lieben Friedens willen gab ich mich mit einem Mittelding zufrieden“, beklagte sich der Junge von einst.

Geben Sie sich nicht mit einem Mittelding zufrieden, Sie werden es sonst ewig bereuen. Eine Frage des Geldes? Nicht unbedingt. Denn das Schönste und Perfekteste, das Auffälligste und Kurioseste sind doch die Blumen. „Nehmet wahr der Lilien auf dem Felde … Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht ist bekleidet gewesen als deren eines“, heißt es schon in der Bibel.

Mein Glas ist leer. Ich sehe in den trägen Augusthimmel. Es wird wieder ein Morgen geben, solange es die Erde gibt und Blumen auf ihr. Selbst Baudelaire, der kluge Exzentriker verkneift es sich nicht: “Will ein Segelschiff erwachen im Morgenwind mein Herz, aus Träumen los den Anker machen für Fahrten himmelwärts.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen August mit vielen guten Momenten und mit Dankbarkeit dafür, wenn Sie das “Dennoch“ hören können in jeder Blume, an der Sie nicht achtlos vorübergehen.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.

Für Ihre Anmerkungen bitte an: gabriele.thoene@t-online.de