Wortkalenderblatt September

Kater Murr, sein Kirschmus und die Zentaur.
Vom Umgang mit dem Anderen

Schon eine ganze Weile beobachte ich bei meiner allmorgendlichen Runde mit dem Hund einen großen grauen Kater. Er liegt majestätisch auf einer kleinen Bank vor einem alten Haus und räkelt sein dickes frischgelecktes Fell genüsslich in der wärmenden Spätsommersonne, umrahmt von den herrlichen Farben des kleinen Gärtchens. Zur Begrüßung schnurrt er leise, während er meinen schwanzwedelnden Hund mit einem seiner hellgrünen Augen vorsichtshalber im Visier behält. Ein Ritual überm Gartenzaun, von Spezies zu Spezies.
Was wohl der eine vom anderen denkt, es bleibt ein Geheimnis.Da fällt mir ein, kennen Sie die Szene:

„Mit einem lauten: „Seht die verfluchte Bestie!“ sprang er auf mich zu. Es war zu spät, mich zu retten, ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder, so gut es gehen wollte, ich fühlte schon die Rute auf meinem Rücken. Aber die Hand schon aufgehoben, hielt der Meister plötzlich inne, schlug eine helle Lache auf und rief: „Kater -Kater, du liesest? ja, das kann, das das will ich dir nicht verwehren…“ Es war der Kater Murr, über den sein Besitzer, der berühmte E.T.A. Hoffmann, in Romanform erzählte und sich dabei über so manche Borniertheit der Menschen mittels seines klugen kleinen Begleiters lustig machte. Die ganze Geschichte beginnt damit, dass er eines Tages seinen Murr erwischte bei dessen Versuch, sich das Lesen selbst beizubringen und das ausgerechnet mit Knigges „Über den Umgang mit Menschen“…
Ja, was wissen wir denn schon von Tieren, wir homo sapiens sapiens mit dem Restblut des Neandertalers? Sicher, wir kennen die Anzahl ihrer Knochen und sonstigem Geflecht, aber darüber hinaus? Wir richten uns unsere Welt so ein, wie es uns gefällt – und bekommen dafür gerade die Rechnung von dieser serviert. Im Mittelalter verbrannten wir schwarze Katzen in den Scheiterhaufen unsere Menschlichkeit, in der Heutzeit versuchen wir Caniden zu Veganern zu mutieren, Getier pferchen wir ein auf engsten Raum und verzehren es ohne den Hauch von Demut. Der Philosoph Prechtel nennt das „Art-Egoismus“, da unser Mitgefühl abhängig von der eigenen Reichweite sei. Bei manchen Menschen glaube ich, stimmt nicht mal das.
Mir fällt mal wieder mal das Höhlengleichnis ein von Sokrates, dem Denker der Antike. Die darin beschriebenen Menschen, die in einer Höhle gefesselt, jahrein jahraus Schattenspiele an der Wand sahen und als Abbild der Wirklichkeit interpretierten, fühlten sie etwas beim Betrachten? Auch heute konsumieren wir Bilder, doch verstehen wir auch was sie über uns und unsere Welt aussagen, so wie die Bilder von Menschen auf Schlauchbooten, von Verzweifelten, die sich an Frachtflugzeugen klammern?
Der englische Schriftsteller George Orwell fasste es treffend in Worte: „Die Realität existiert im menschlichen Verstand und nirgendwo anders.“ Ist sie uns aber dadurch näher? Albert Einstein wischte dies vom Tisch mit einem kühlen: „Die Realität ist nur eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige.“ Und in der Bibel steht, wenig Trost spendend: „Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk…“ Wird es aber realer, wenn wir es nicht nur mit den eigenen Augen sehen, sondern auch noch mit den eigenen Händen be-greifen, wie es der Ungläubige Thomas tat? Und, ist es dann nur real oder ist es tatsächlich wahr? Und schließlich, gibt es nur eine Realität, die den Anspruch hat, für alle Menschen, für alle Mitgeschöpfe, gar für das ganze Universum gleichermaßen zu gelten? Vielleicht gilt das nur für die Relativitätstheorie. Wenn überhaupt.

Manchmal denke ich, es war ein wunderbares Sinnbild, was die griechische Mythologie in Form der Zentaur geschaffen hat. Sie wissen schon, jene Wesen halb Mensch, halb Pferd. Zentaur konnten nie ganz ungestüm, konnten nie ganz arrogant sein, ihre Augen sahen eben zwei Welten in einer. Freilich, die Metapher dahinter hat sich im Laufe der Jahrtausende verloren. Besagter George Orwell jedenfalls zeigt uns in seiner berühmten Fabel „Farm der Tiere“ – mal alle darin enthaltenen politischen Anspielungen hier unbeachtet lassend – eine ganz andere Verbindung: Nachdem nämlich dort die Tiere ihre Farm übernommen hatten, wollten sie den zweibeinigen Farmern vorführen, wie gut sie das konnten. Napoleon, das kluge Schwein, lief inzwischen wie alle seine Artgenossen auf zwei Beinen und trug mit Stolz Kleidung. Als jener Napoleon mit einem Mr. Pilkington nach dem gemeinsamen Abendessen im Übermut Karten spielte, entfachte sich zwischen den beiden ein erbitterter Streit um ein Pik-Ass. Andere Tiere, die wie ehedem wieder zu untergeordneten Statisten degradiert waren, beobachten das Gezeter durchs Fenster und konnten bald nicht mehr unterscheiden, wer Mensch und wer Schwein ist….

Nein, ich will nicht sagen, dass Menschen Schweine sind – auch wenn unsere genetische Verwandtschaft frappant ist! – oder dass Sie Zentaur sein sollten, aber … Besagter Kater Murr jedenfalls fragte sich selbstkritisch, wie er zu seinem Verstehen gekommen war und beschwichtigte seine Zweifel damit, dass es ja bei den Menschen genauso sei, diese aber in jungen Jahren wesentlich dümmer und unbeholfener wären als beispielsweis er als kleines Käterchen, der nie wie die kleinen Menschen Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen habe…So gesehen werden manche von uns nie erwachsen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderschönen September und wechseln Sie immer mal die Perspektive. Sie werden sehen, es lohnt sich und macht – Sie ahnen´s schon – keineswegs dümmer.

Herzlichst

Ihre

Gabriele Thöne.