Wortkalenderblatt Oktober

Diogenes und die Zeit der Lese 

Die Stadt erwacht aus ihrem kurzen Schlaf und blinzet mich an. Es ist die Zeit, wo man noch das Klicken der Fußgängerampeln laut hört.  Mein Hund zerrt und will partout nicht an der mitten auf der Fahrbahn liegenden weggeworfenen medizinischen Maske vorbei, ohne ihr – im Gegensatz zum einstigen Besitzer oder zur Besitzerin – genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Man glaubt nicht, an welchen Stellen man auf einmal Zeit hat, wenn man am anderen Ende der Leine hängt…Jedenfalls Zeit genug, um den Blick über die Armada der inzwischen recht lädierten großen Wahlplakate schweifen zu lassen.

Überall mit Bärtchen, Brille oder sonstigem Geistreichen übermalte Portraits, auf denen neonfarbene „Dankeschön! -Störer“ im Querformat kleben. Warum nur erinnert mich das Ganze an den gerupften Hahn, den der unerschrockene Diogenes von Sinope – ob seines Benehmens genannt „der Hund“ – einstens dem ach so schlauen Platon unter die Augen hielt, als dieser die These aufstellte, dass der Mensch nichts anderes sei als „ein federloses zweifüßiges Tier“.  Im Kleide eines Narren liebte es Diogenes, die nackte Wahrheit für sich und für die anderen aufzuspüren. Ach, lassen wir das, zumal ich gerade einen weiteren Vierbeiner dabei beobachte, wie dieser ungeniert das Beinchen hebt an einem der verbleichenden PappkameradInnen … aus meiner Sicht hat er schlafwandlerisch richtig… Ok, ich hör hier mal einfach auf.

Also wieder mal alles auf Anfang, zumindest dieser Tage beim Koalitionen schmieden. Die einen kennen den Stallgeruch und suchen ihn, den anderen stinkt´s. Ich erlaube mir, in der Zwischenzeit Alleebäume zu betrachten. Die messen die Zeit nicht in Legislaturperioden, sie sehen Menschen kommen und gehen und fragen nicht nach dem woher und warum. Nun aber verschwinden viele von ihnen, was nicht nur ihrem Alter geschuldet ist. Ob ihr Wohl und das ihrer Verwandtschaft in den umgebenden Wäldern in der kommenden 100-Tages-Bilanz Erwähnung findet? Man wird sehen.

Heute früh jedenfalls hörte ich im Radio ein Interview mit einer Politikwissenschaftlerin, die klagte, dass wir die letzten Jahre verbummelt und uns unsinnigerweise beschäftigt hätten mit Fragen wie unter anderem gendergerechte Sprache und dem Bienensterben. Mit dem einen oder anderen hatte sie vielleicht nicht ganz unrecht. Aber das Bienensterben ist wirklich eine Katastrophe und eine Politik, die sich dessen annimmt ist gewiss näher an den vermeintlich großen Problemen unserer Zeit, als wir es wahrhaben wollen.

Manche seiner Zeitgenossen lachten über Diogenes, dem Nonkonformisten der Antike, dem alle Probleme gleich wichtig schienen: Vielleicht aber hatte der Verspottete nur die Gabe, wesentlich früher  Zusammenhänge zu erkennen als andere, denen im späteren Verlauf – wie den „Bösen Buben von Korinth“ in Wilhelm Buschs Bildergeschichte   – das Lachen im Halse stecken blieb.

Wohl denn, die ersten bunten Blätter wehen an mir vorbei, es ist Herbst geworden. Zeit des Aufbruchs, entziffere ich da noch auf einem der Plakate. Tatsächlich aber sind wir schon in der Zeit der Lese. Es soll heuer ein guter Jahrgang werden und eine große Ernte. Meine Gedanken wandern zu den Winzern, die in diesem Jahr vom Unwetter heimgesucht wurden. Wir dürfen sie nicht vergessen.

O wie schnell ist das wieder gegangen mit dem Herbstwerden!“, notierte Hermann Hesse. Manchmal sehne ich nach den mit leichter Feder – als 28-Jähriger – geschriebenen Sätzen von ihm wie in „Der Flieger“, wo es heißt:

Ein satter, leise glühender Oktobertag. An den Hügeln leuchten die Weinberge goldgelb … Überall roch es nach reifen Trauben und jungem Wein. Jedermann war draußen beim Lesen oder Keltern… Freilich, in alten Zeiten hatte es noch ganz andere Herbste gegeben! Man mußte nur die Siebzigjährigen hören. Sie sprachen von fabelhaften Jahrgängen, in denen der Wein so reichlich und so honigsüß gewesen sei, wie es heutzutage gar nimmer vorkomme. Man muß sie redenlassen, die Alten, und in aller Stille die Hälfte abziehen. Wenn wir einmal siebzig oder achtzig sind, werden wir von manchem Jahr gerade so reden Wir werden … unser ganzes Jugendheimweh in unsere sehnlichen Erinnerungen mischen.“

Ita est ergo ita sit, mithin: So ist es also sei es so. Oder eben auf gut Deutsch: Kannst nix dran ändern [Anmerkung der Redaktion: …, also mach was draus!]

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen einen uns umarmenden, erdenden, hoffnungsfrohen goldenen Oktober, wo immer es auch sei und am besten mit einem guten Tropfen im Glas. Letzteres aber bitte nicht aus alten Schläuchen …

Herzlichst

Diogenes und die Zeit der Lese 

Die Stadt erwacht aus ihrem kurzen Schlaf und blinzet mich an. Es ist die Zeit, wo man noch das Klicken der Fußgängerampeln laut hört.  Mein Hund zerrt und will partout nicht an der mitten auf der Fahrbahn liegenden weggeworfenen medizinischen Maske vorbei, ohne ihr – im Gegensatz zum einstigen Besitzer oder zur Besitzerin – genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Man glaubt nicht, an welchen Stellen man auf einmal Zeit hat, wenn man am anderen Ende der Leine hängt…Jedenfalls Zeit genug, um den Blick über die Armada der inzwischen recht lädierten großen Wahlplakate schweifen zu lassen.

Überall mit Bärtchen, Brille oder sonstigem Geistreichen übermalte Portraits, auf denen neonfarbene „Dankeschön! -Störer“ im Querformat kleben. Warum nur erinnert mich das Ganze an den gerupften Hahn, den der unerschrockene Diogenes von Sinope – ob seines Benehmens genannt „der Hund“ – einstens dem ach so schlauen Platon unter die Augen hielt, als dieser die These aufstellte, dass der Mensch nichts anderes sei als „ein federloses zweifüßiges Tier“.  Im Kleide eines Narren liebte es Diogenes, die nackte Wahrheit für sich und für die anderen aufzuspüren. Ach, lassen wir das, zumal ich gerade einen weiteren Vierbeiner dabei beobachte, wie dieser ungeniert das Beinchen hebt an einem der verbleichenden PappkameradInnen … aus meiner Sicht hat er schlafwandlerisch richtig… Ok, ich hör hier mal einfach auf.

Also wieder mal alles auf Anfang, zumindest dieser Tage beim Koalitionen schmieden. Die einen kennen den Stallgeruch und suchen ihn, den anderen stinkt´s. Ich erlaube mir, in der Zwischenzeit Alleebäume zu betrachten. Die messen die Zeit nicht in Legislaturperioden, sie sehen Menschen kommen und gehen und fragen nicht nach dem woher und warum. Nun aber verschwinden viele von ihnen, was nicht nur ihrem Alter geschuldet ist. Ob ihr Wohl und das ihrer Verwandtschaft in den umgebenden Wäldern in der kommenden 100-Tages-Bilanz Erwähnung findet? Man wird sehen.

Heute früh jedenfalls hörte ich im Radio ein Interview mit einer Politikwissenschaftlerin, die klagte, dass wir die letzten Jahre verbummelt und uns unsinnigerweise beschäftigt hätten mit Fragen wie unter anderem gendergerechte Sprache und dem Bienensterben. Mit dem einen oder anderen hatte sie vielleicht nicht ganz unrecht. Aber das Bienensterben ist wirklich eine Katastrophe und eine Politik, die sich dessen annimmt ist gewiss näher an den vermeintlich großen Problemen unserer Zeit, als wir es wahrhaben wollen.

Manche seiner Zeitgenossen lachten über Diogenes, dem Nonkonformisten der Antike, dem alle Probleme gleich wichtig schienen: Vielleicht aber hatte der Verspottete nur die Gabe, wesentlich früher  Zusammenhänge zu erkennen als andere, denen im späteren Verlauf – wie den „Bösen Buben von Korinth“ in Wilhelm Buschs Bildergeschichte   – das Lachen im Halse stecken blieb.

Wohl denn, die ersten bunten Blätter wehen an mir vorbei, es ist Herbst geworden. Zeit des Aufbruchs, entziffere ich da noch auf einem der Plakate. Tatsächlich aber sind wir schon in der Zeit der Lese. Es soll heuer ein guter Jahrgang werden und eine große Ernte. Meine Gedanken wandern zu den Winzern, die in diesem Jahr vom Unwetter heimgesucht wurden. Wir dürfen sie nicht vergessen.

O wie schnell ist das wieder gegangen mit dem Herbstwerden!“, notierte Hermann Hesse. Manchmal sehne ich nach den mit leichter Feder – als 28-Jähriger – geschriebenen Sätzen von ihm wie in „Der Flieger“, wo es heißt:

Ein satter, leise glühender Oktobertag. An den Hügeln leuchten die Weinberge goldgelb … Überall roch es nach reifen Trauben und jungem Wein. Jedermann war draußen beim Lesen oder Keltern… Freilich, in alten Zeiten hatte es noch ganz andere Herbste gegeben! Man mußte nur die Siebzigjährigen hören. Sie sprachen von fabelhaften Jahrgängen, in denen der Wein so reichlich und so honigsüß gewesen sei, wie es heutzutage gar nimmer vorkomme. Man muß sie redenlassen, die Alten, und in aller Stille die Hälfte abziehen. Wenn wir einmal siebzig oder achtzig sind, werden wir von manchem Jahr gerade so reden Wir werden … unser ganzes Jugendheimweh in unsere sehnlichen Erinnerungen mischen.“

Ita est ergo ita sit, mithin: So ist es also sei es so. Oder eben auf gut Deutsch: Kannst nix dran ändern [Anmerkung der Redaktion: …, also mach was draus!]

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen einen uns umarmenden, erdenden, hoffnungsfrohen goldenen Oktober, wo immer es auch sei und am besten mit einem guten Tropfen im Glas. Letzteres aber bitte nicht aus alten Schläuchen …

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne. gabriele.@t-online.de