Wortkalender für Juli 2019

Der Himmel der Erinnerung

„Schau auf deine Füße!“ diese fürsorgliche Ermahnung meines Vaters begleitete mich durch meine Kindheit. Doch, was sollte ich schon dagegen opponieren, wenn ich mal wieder – wie Heinrich Hoffmanns Hanns Guck-in-die Luft – über einer Wurzel, einem Stein oder einem sonstigen Hindernis der Länge nach hingebrettert war. Ich habe aber nie darüber geklagt, wusste ich doch zu genau weshalb es geschehen war, verschwieg dies aber geflissentlich, denn das schien mir der stillen Übereinkunft zwischen mir und denen da droben geschuldet.

„Da sind alle Träume drin und die Gedanken der Menschen, die uns lieben“, eröffnete mir eine alte Dame, der ich mich eines Tages doch anvertraute und die mir ihrerseits so viel über ihr Leben und ihre Abschiede erzählte. Alles Schulwissen, das sich später darüber schob wie eine Icloud, vermochte nicht, ihre Worte ganz in mir zu entkräften.

„Und auch den Kuss, ich hätt ihn längst vergessen wenn nicht die Wolke da gewesen wär… Die Pflaumenbäume blühen vielleicht noch immer und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind. Doch jene Wolke blühte nur Minuten und als ich aufsah, verschwand sie schon im Wind“, sinniert Berthold Brecht in seiner „ Erinnerung an die Marie A.“, einer bittersüßen Elegie über den Zauber der Vergänglichkeit, dem nur der Augenblick genügt.

Ich jedenfalls erinnere mich an so unendlich viele Himmelsbilder in meinem Leben, von Wolken eigenhändig gemalt. Als Ausdruck pastellfarbenen Erwachens. grenzenlosen Sommers, als herbstliches Leuchten und winterlicher Reinheit. Als Zeugen tiefen Glücks. Und tiefer Traurigkeit, wo sie mich in Sanftheit lehrten „statt in die Kissen“ hinaufzuweinen in die überfließenden Himmel, wie Rilke es in Worte einfängt.

Ja, die Wolken umarmen unsere Seelen im stillen Einvernehmen „… Und immer wieder, wenn ich mich müde gesehen an der Menschen Gesichtern,… hob ich das Aug über die Häuser und Bäume empor zu euch, ihr ewigen Gedanken des Himmels“, Christian Morgenstern.

Die Wolken und wir, Wahlverwandtschaften eben, sind sie doch „die Fortsetzung der Erde“, denn sie kehren – wie wir – stets wieder zur Erde zurück. „Wind, Welle, Wolke, ohne Form noch Stand, ihr seid im inneren Wesen uns verwandt… Ganz Drang und Wille, dennoch ewig Spiel….“, gleich uns „…wandernd, überall fremd, schwebend zwischen Zeit und Ewigkeit.“ Herrmann Hesse liebte sie, die Wolken-Geschwister.

Einem in den Himmel fliegenden Luftballon gleich, sollten auch wir es uns nicht versagen, zwischen der dem Heute und dem Morgen uns immer wieder eine kleine Auszeit mit den Wolken zu gönnen. Denn nur das Loszulassen erdet und macht heiter. Vielleicht verstehen wir dann auch Rilke, der in seinem „Das Märchen von der Wolke“ von gar ungeheuerlichen Dingen berichtet in dieser Zwischenwelt, nämlich „… Wie eine gelbe Goldmelone lag groß der Mond im Kraut am Hang. Ein Wölkchen wollte davon naschen und es gelang ihm, ein paar Zoll des hellen Rundes zu erhaschen, rasch kaut es sich die Bäckchen voll.“

Und schließlich möchte ich Sie noch zu guter Letzt in ein ganz besonderes Geheimnis einweihen, das der Songtexter Carlo Karges uns dereinst verraten hat: “Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß wie Wolken schmecken…“ Also hören Sie in diesem Juli mal den Schmetterlingen ganz genau zu! Kann sein, dass Sie dann Wolken fangen und (wieder) auf den Geschmack kommen, den himmlischen.

In diesem Sinne eine wunderbare Zeit!

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne

für Ihre Meinung auf die ich mich freue: gabriele.thoene@t-online.de