Wortkalender für August

Von Äpfeln, Händen und der Ernte der Sehnsucht
Plong. Er fiel mir einfach in den Schoß.
Zugegeben, nicht sehr schön, eher klein und blassgrün wie ein verschlafener Flaschengeist. Aber eben einer der ersten in diesem Jahr. Irgendwas hält mich ab, ihn gleich auf den Kompost zu werfen. Stattdessen setze ich mich nochmals auf die wackelige Gartenbank und betrachte ihn, meinen Augustapfel. Wenn ich ihn mit den Äpfeln aus dem Supermarkt vergleiche, die mich gerade vor Kurzem mit ihren mega-roten Bäckchen  aus dem überfüllten Regal heraus lockend angelacht haben, dann ist er geradezu mickrig. Aber. Erst ganz zart und dann mit Macht steigt mir dieser unvergleichliche  süß-zart betörende Duft in die Nase. 

Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif„, rief doch der gute alte Baum in Grimms Märchen von der Frau Holle den beiden ungleichen Schwestern zu. Ich erinnere mich, wie meine Mutter früher uns Kinder  immer in eben diesen Wochen losschickte, um vergleichbare Exemplare aufzusammeln unter den Chaussee-Bäumen, die in den Wirtschaftswunderjahren schon keinen mehr interessierten. Wir hätten sie auch direkt von den schwerbeladenen Ästen abpflücken können, aber das war uns ja streng von zuhause aus verboten worden. Wir durften nichts „ab-zweigen“,nur was unten lag, das war irgendwie nichtmal Mundraub. Naja, manchmal haben wir ein wenig nachgeholfen und sind … sagen wir rein zufällig … gegen den Stamm gelaufen. Das wäre ja sowieso runtergefallen beim nächsten Sommergewitter. Oder so.

Übrigens, die  besten Sammelobjekte jenerr Kindertage wurden durch Mutters Hände sofort in Apfelmus und herrlichen Apfelkuchen verzaubert und das war dann doch aller Mühe und juristischer Auslegungen wert, jedenfalls meinem damaligen Naturrechts-Verständnis zufolge.

Ach ja, Hände. Mutters Hände sehe ich noch genau vor mir, auch wenn Dürer siw leider nicht mehr malen konnte. Vaters Hände waren groß und die Haut darauf wie gegerbt. Mir kommt plötzlich der kleine Gedichtband in den Sinn, der neulich, nach Jahren der Verborgenheit, wieder in meine Hände fand. „So sitz ich Stunden wie gebannt, im Gestern halb und halb im Heute“, sprach da Annette von Droste-Hülshoff,im Gedicht ebenfalls auf einer Bank sitzend, leise aus den vergilbten Blätternzu mir. Dabei fiel mir zum ersten Mal auch die handschriftliche Widmung auf der Einbandseite auf: “Ein frohes Neujahr, Dein Walter. Bremen, den 18. Dez. 1940“. Jener Walter lebte dann zum Glück noch weitere 63 Jahre; es war der österichische Psychoanalytiker Walter Karl Toman.

Der Duft um mich herum wird jetzt geradezu unwiderstehlich und zack beiße ich hinein. Mein kleiner, unscheinbarer Apfel schmeckt unbeschreiblich gut  und ich blinzele in die Abendsonne. Ich würde mein illustres Mahl für kein noch so  opulentes  Fingerfoodkunstwerk am Rande eines kulturellen Hochgenusses eintauschen. Manchmal ist alles so einfach.“Man muss die Dinge so tief sehen, dass sie einfach werden“, wusste Konrad Adenauer. Und manchmal bedarf es nur des Fühlens. Oder wie es in der buddhistischen HerzSutra, der Sutra  der Vervollkommnung der Weisheit heißt:“Form ist nicht leer von Leerheit, Form ist selbst diese Leerheit“.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen einmalig schönen August, in dem Sie mal nicht versuchen, weiter anzuhäufen, sondern sich die kleine Winzlinge ansehen, die Ihnen in dieser Zeit so (wieder) in Ihre Hände fallen. Es sind oft unermessliche Kostbarkeiten darunter, denn sie sind zumeist einfach vollkommen. Vollkommenheit aber definiert Antoine de Saint-Exupéry in Wind, Sand und Sterne,  „… entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.“

Herzlichst

Ihre Gabriele Thöne.
Ich freue mich wie immer auf Ihre Nachrichten,
unter gabriele.thoene@t-online.de