Spurensuche in Estland

1. Tag meiner Spurensuche

Mit Estland und seiner Geschichte beschäftige ich mich schon seit ca. 20 Monaten. Ich habe ein bisschen Familiengeschichte recherchiert – nicht für meine Familie, sondern für eine 90-jährige Freundin, deren Eltern um 1918 aus Estland fliehen mussten. Dazu habe ich viele historische Romane gelesen, die mir die Städte, die ich besuchen will, nahe gebracht haben.

In Berlin hatten wir 33 Grad Celsius und für Tallinn waren nur 23 Grad angesagt. Gute Aussichten! Die hatte ich auch auf dem Flug, als wir über den Wolken waren. Großartig sahen die unter uns liegenden „Eisberge“ im Sonnenschein aus. 

Eisberge in der Sonne.
Über Tallin

Beim Landeanflug auf Tallinn, es war kurz nach 18 h Ortszeit, war die Küste zu sehen und auch einige der zahlreichen estnischen Inseln. Das Foto unten zeigt einen weiten Außenbezirke von Tallinn.

Das Taxi brachte mich in 20 Minuten bis zur Altstadt von Tallinn, bis zu meinem Hotel. 

Mein Hotel in der Stadt Tallin
Die Kathedrahle von Tallin

Ich habe eingecheckt und mein Zimmer bezogen. Dann Zug ich mit dem Fotoapparat auf den Domberg, dem wichtigsten und höchsten Punkt (44 m) in der Altstadt von Tallinn. Ich fand schöne alte Häuser, gut restauriert. Außer der Domkirche von St. Marien, die seit 1525 durch den Erlass einer lutherischen Kirchenordnung seitens der Amtsinhaber der Stadt evangelisch ist, befindet sich das estnische Parlament im ehemaligen Schloss

Schloß und langer Hermann

Ministerien in weiteren großen Gebäuden, die riesige Alexander-Newski-Kathedrale, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, sowie Diplomatische Vertretungen. Der Amtssitz des deutschen Botschafters befindet sich auch dort. Der Domberg war von einer großen Wehrmauer umgeben, die teilweise noch erhalten ist. 


2.Tag meiner Spurensuche.

In der Oberstadt wohnten die dänischen, finnischen und schwedischen Vertreter der jeweiligen Kronen, der estnische Erzbischof ohne Macht und die deutschen Barone, die adligen Balten-Deutschen, wenn sie nicht auf ihren Gütern weilten oder in St. Petersburg, nachdem ein großer Teil des Baltikums Anfang des 17. Jh. dem Zarenreich angegliedert worden war. 

Aber es gab kein Volk auf dieser Höhe, da die Vertreter der Krone und der Kirche nicht ständig dort lebten und die Dienerschaft dort nicht zurück ließen. Man öffnete und erweiterte somit die Mauer um die Unterstadt. 

Hier wohnten nicht die „Schmuddelkinder“ des 21. Jh., sondern die deutschen, schwedischen, dänischen und sonstigen europäischen Kaufleute, Apotheker, Künstler, Lehrer und Handwerker. Es gab auch einige Esten, doch die wurden damals als Untermenschen angesehen und als „die Grauen“ bezeichnet, die man nicht sah. Mit den napoleonischen Kriegen änderte sich das aber erheblich.

Die Bürger der Unterstadt verwalteten ihre Stadt selbst. Sie hatten das lübische Stadtrecht noch von den Dänen erhalten. Sie machten ihre Stadt sehr reich, gehörten der Hanse an, hatten mit den osteuropäischen Völkern gute Kontakte und ebenso in die damals wichtige Welt.

Der Reichtum der Bürger zeigt sich noch heute im Stadtbild. Es gibt ein großes Rathaus, die Nikolai-, die Olai- und die Heiliggeistkirche, 

Tallinn ist die größte Stadt Estlands und Hauptstadt. Sie hat fast eine halbe Million Einwohner. Die klassische Altstadt beherbergt nur einen sehr kleinen Teil der Hauptstädter. Die weiteren Bezirke der Hauptstadt sind vom Domberg aus längst nicht alle erkennbar. Aber man sieht das Meer und auch schemenhaft Inseln.

3. Tag meiner Spurensuche.

Ich hatte schon auf dem Flug nach Tallinn über ein Projekt gelesen, das in einem ehemaligen Firmenkomplex neu aufgebaut wird. Vor allem stand in dem Artikel etwas über Pop-up-Stores und die Einrichtung einer fotografiska. Der Artikel war in englischer Sprache geschrieben, und der Name „fotografiska“ lehnt sich bestimmt an die estnische Sprache an, auch wenn das Projekt aus Schweden kommt. Doch davon später. Für meine weiteren Reisepläne hatte ich mir über das Internet schon die Züge von Tallinn nach Rakvere und von Rakvere weiter nach Narva herausgesucht. Wie und wo muss ich jetzt die Fahrkarten besorgen? Den Bahnhof habe ich auf dem Stadtplan gefunden, und im Hotel wurde mir bestätigt, dass der Bahnhof um die Ecke liegt. Das habe ich ohne Koffer ausprobiert und beide Tickets erstanden. Für den ausgewählten Zug habe ich die erste Klasse gebucht. Die eine Stunde Fährt nach Rakvere kostet mich 9,50 Euro, die etwas längere weiter nach Narva noch mal 10 Euro. Und das sind keine Seniorenpreise! 

Ich hatte auch gelesen, dass es einen Markt gibt hinter dem Bahnhof. Ich war ein bisschen in Abenteuerlaune und fand den Bahnhofsmarkt „Balti Jaama Turg“ auch gleich. Es ist eine sehr große Halle. Quasi unter einem Vordach wird Obst und Gemüse in Mengen und sehr guter Qualität angeboten. Es gibt dort auch einen Kaffeestand. Weiter in der Markthalle, also hinter geschlossenen Türen, war das Angebot an Bekleidung, handgestrickten Strümpfen, anderen Stricksachen, Trödel, Antiquitätentrödel und fastfood-Ständen ziemlich groß. Hier drinnen allerdings würde ich für Qualität meine Hand nicht ins Feuer legen; die Materialien hatten alle sehr große Plastikanteile. Ohne viel zu fotografieren bin ich einfach weiter durch die Straßen gezogen und habe diese beiden schönen, mit Holz verkleideten Häuser gefunden. Und die Kabelführung für die Straßenbahn fand ich auch sehr dekorativ. 

Dann kam mir der Artikel über das Fotografieprojekt wieder in den Sinn. Der Bahnhofsmarkt war ca 750 m von meinem Hotel entfernt, das obige Projekt 900 m. Es konnte also nicht allzu weit sein. Im Hotel holte ich mir die notwendigen Informationen. Sehr schnell fand ich die „Telliskivi Creative City“ und war fasziniert von dem großen Areal, den vielen kleinen und größeren Geschäften, Firmen und Gaststätten. Die Kinderspielplätze zeichneten sich auch durch viel bunte Farbe aus, es gab Street Art und ein Theater mit Café. 

Es war nicht überall etwas los. Die kleinen Pop-up-Läden, die kurzfristig auf- und wieder zumachen, bieten zum Teil schöne Sachen an, aber auch viele schöne Sachen, die niemand braucht, zumindest kam es mir so vor. Aber die Aufmachung war schlicht und einfach und stürzt die UnternehmerInnen sicher nicht in größere Schulden. 

Doch noch ganz kurz erst einmal zum Projekt Fotografiska. Der Name prangt in großen Lettern am Haus. Die Ausstellungsräume befinden sich im 2. und 3. Stock, darüber gibt es noch ein Restaurant mit Ausblick. Im Erdgeschoss werden die Tickets für die Ausstellung verkauft, ebenso Bücher und Bilder aus den Ausstellungsprogrammen und ein bisschen Schnickschnack. In der Eingangshalle, der man die ehemalige Fabrikhalle noch ansieht, werden in einem großzügigen modernen Café Tee und Kaffee, selbst gebackener Kuchen sowie Speisen für den kleinen Hunger angeboten.

Mit dem Projekt soll die (moderne) Fotografie als Kunstrichtung gefördert werden. Neben Ausstellungen berühmter Fotografen werden auch FotografInnen aus der Region ins Programm aufgenommen. Zur Zeit laufen vier Ausstellungen: die Ausstellung „Hommage to Humanity“ von Jimmy Nelson, Bilder von Allison Jacksen, sowie Fotos von Anja Niemi und Anna-Stina Treumund. Anja Niemi ist jedenfalls Estin. Mein Facit: interessantes Konzept, aber die Bilder von Allison Jacksen waren nicht mein Fall. Aber das ist eben Kunst! Auf einem weiteren nahegelegenen Gelände eines Eisenbahn-Depots waren auch Räume geschaffen worden zum Verkauf von Waren, alles alte Ware oder Ausschuss o.ä. Schon der muffige Geruch hat mich in die Flucht geschlagen. Den großen Adler habe ich noch aufs Foto gebannt

Jetzt fehlte mir noch der Hafen. Auch der war nach meiner Karte fußläufig zu erreichen. Ich hatte eine kleinere Version des Hamburger Hafens vor Augen – aber weit gefehlt! In der als Hafen bezeichneten Bucht gab es keine Mauern oder Liegeplätze für Schiffe, keine Kräne, keine Arbeiter. Auf einer Mole stand ein Angler und im Hintergrund campten Leute. 

Völlig verwundert bin ich dann so weit wie möglich am Wasser entlang gegangen, immer weiter von der Altstadt entfernt. Am Ufer lagen überall gesprengte Betonklötze, vielleicht aus alten Befestigungsmauern? Dann kam ich noch an einen langen alten Gebäudekomplex mit vielen zugemauerten Fenstern. Ein freundlicher Hundebesitzer erklärte mir auf meine Frage, dass dies ein Gefängnis gewesen sei für sehr viele Leute, vermutlich noch bis in die Zeit der Sowjetunion. Schrecklich fanden wir das Beide.  Dann fand ich noch einen großen Hangar für Seeflugzeuge und auch ein paar Schiffe, die am hier existierenden Kai vertäut waren.  Mehr wollte ich dann nicht sehen und ging die Strecke wieder zurück. Eine große Fähre lief in den Teil des Hafens ein, wo auch die Mole für die großem Passagierschiffe sich befindet. Der Riesendampfer, der dort lag, hatte bestimmt seine Tausende Passagiere schon ausgespuckt und in die Altstadt von Tallinn geschickt

Rathausmarkt)

das große Haus der Gilde, das Schwarzhäupterhaus und viele weitere Häuser um den Rathausmarkt und in allen Straßen und Gassen. Sie stammen nicht mehr aus dem 13. Jh., weil es zwischendrin auch in Tallinn große Brände gegeben hat, so das die Häuser und Kirchen auf den alten Mauern wieder aufgebaut werden mussten. Aber die architektonische Vielfalt ist noch so groß, dass die UNESCO die gesamte Altstadt 1997 zum Weltkulturerbe erhob. In der gesamten Altstadt sind die Straßen im Wesentlichen mit den sog. Katzenköpfen gepflastert und relativ uneben. Der Verkehr läuft daher in sehr ruhigem Tempo. Mein Hotel liegt in der Altstadt, und ich bin nur zu Fuß unterwegs.

Was mir bei meinen Streifzügen durch die Altstadt besonders angenehm auffiel, war die ruhige Gelassenheit, die überall zu spüren war. Egal, ob gerade 4200 Reisende der AIDA ausgeschifft waren oder viele Touristengruppen geführt durch die Stadt zogen, es war ruhig, kein Gedrängel, es gab genügend Lokale und Cafés, und auch Souvenirgeschäfte in unendlichen Mengen. Und gerade am sonnigen und warmen Montag hatte ich ein Urlaubsgefühl wie vor kurzem an der Nordsee. Tallinn ist eine Hafenstadt und somit nah am Wasser gebaut, und das Licht und das Himmelsblau entsprach so sehr der norddeutschen Küste. Es ist herrlich.


Bilderbogen aus Estland

4. Tag meiner Spurensuche.


Es ist unglaublich: ich habe offensichtlich die beste Reisezeit für Estland gewählt, die möglich ist! Das Wetter ist wunderbar, der Himmel immer wieder leuchtend blau, die Temperaturen tagsüber immer um und über 20 Grad. Ein dicker Schauer zwischendrin in Tallinn hat die Luft geklärt.

Mein Zug verließ Tallinn pünktlich um 11:41 h. Ich habe nur wenig aus dem Fenster geschaut, aber es war m. e. eine Landschaft wie in Mecklenburg und Schleswig-Holstein, mit großen Wiesen und Feldern und Knicks dazwischen. Nach einer Stunde kam ich in Rakvere an. Auf dem Bahnhof sprach mich eine mitreisende Frau an und fragte auf englisch, ob ich ein Taxi brauche. Es gäbe in Rakvere nur zwei, und die müßte man per Telefon rufen. Sie tat es und bot mir dann an, mich mitzunehmen, weil mein Hotel auf ihrem Weg liege und sie deshalb die Kosten allein übernähme. 

Ich war natürlich sehr dankbar. Die Dame erzählte mir, dass ihr Vater und ihr Großvater in Rakvere geboren seien, sie selbst aber nicht. Sie sei vor 4 Jahren hierher gezogen wegen eines Jobs. Leider kam ich erst später auf die Idee, dass ich sie zum Abendessen ins Hotel hätte einladen sollen, dann hätte sie mir bestimmt noch einiges über ihre Familie und über den Ort erzählen können. Wir haben aber keine Namen oder Adressen ausgetauscht. Schade.

Dann stand ich vor dem Aqua & Spa Hotel. Es sah aus, wie ich es erwartet hatte, schlicht und unauffällig.  Aber es entpuppte sich ganz anders! Es ist ein sehr großes Hotel, sogar mit großen Suiten. Und vor allem gibt es hier ein sehr großes Angebot an Saunen, Bädern, Massagen etc. Sauna und Schwimmlandschaft waren im Zimmerpreis eingeschlossen, das Massageangebot aus aller Welt bewegte sich preislich zwischen 27 Euro und 150 Euro, mit einem Angebot zwischen 15 und 90 Minuten. Ich habe mich mit dem Saunabesuch begnügt. Das Hotel hatte für mich aber keine Bedeutung; es war das einzige, das ich von Deutschland aus buchen konnte. Es gibt allerdings noch ein ganz kleines altes „Hotel Wesenberg“ im Ort an der Hauptstraße. Wesenberg war der deutsch-baltische Name für das Städtchen. 

Der Ort selbst hat kein Zentrum mit einem Markt- oder Rathausplatz. Die alte Bebauung, die Steinhäuser, sind prächtig und (west)europäisch geprägt, die kleineren Häuser mit den Holzverschalungen wirken auf mich schon sehr russisch. Aber auch sie sind alt und viele alte Häuser werden zur Zeit mit viel Aufwand restauriert. Die russischen Hochhäuser im Plattenbaustil dominieren allerdings das Stadtbild.

Vom Hotel aus bin ich gleich bergauf auf der Straße „Pikk“ gelandet, wo mit großem Aufwand und offensichtlich viel Geld aus der EU die Bürgersteige mit sehr schönen Platten ausgelegt, während die Straße mit flach geschliffenen Katzenköpfen gepflastert wurden. Ein wirklich beeindruckendes Bild.

Von der Pikk aus habe ich eine Möglichkeit gesucht, die noch höher liegende alte Burgruine zu finden. Sie wurde im 5. oder 6. Jh. schon von Esten dort gebaut und im 13. Jh. vom dänischen König übernommen. Der gab sie dann an die deutschen Ordensritter weiter. Die Burg hat viele Kriegsstürme von Dänen, Schweden, Deutschen, Finnen und Russen überlebt, wurde aber 1605 von Schweden und Polen zerstört. Die Ruine verlor damit ihren Status als Festungsanlage und wurde einem Reinhold von Brederode als Lehen übertragen. Heute wird die Festungsruine als Museum, für historisches Theater, für Ritterspiele mit echten Pferden, mit Enten und Kaninchen genutzt. Kinder können auch in Kleinen Werkstätten dort mittelalterliche Handarbeit lernen, können Bogenschießen üben und mittelalterliche Gerichte essen. Ich war leider erst spät dort und habe nur noch wenige Aktivitäten genießen können. Aber ich habe zumindest das Bogenschießen geübt und war auch ganz gut dabei.

Vor dem Schloss, auf einem Nebenhügel, steht noch ein Denkmal für den Auerochsen. Ich weiß nicht, ob diese Viecher so groß waren wie ihr Denkmal, aber gewaltig müssen sie in jedem Fall gewesen sein. 
Am nächsten Tag habe ich mittags den Zug nach Narva genommen. Es war der gleiche Zug, mit dem ich nach Rakvere gekommen war. Ich hatte sogar dieselbe Platznummer bekommen. Bei wunderbarem Wetter verließ ich Rakvere.

Text und Fotos von Beate Lau

Beate Lau auf SPUREN SUCHE und berichtet aus Estland

Wird Fortgesetzt.