Wortkalender für September

Und seist du noch so ferne. Tuchfühlungen im September

Ich glaube, der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen„,
schrieb Ottilie in ihr Tagebuch…

Ich blinzele in die Mittagssonne und stehe schon vor dem, der dies aussprechen ließ.
Wenige Meter vom Frauenplan entfernt, direkt vor dem Nationaltheater mit seinen mächtigen Säulen. Goethe und Schiller, im Denkmal vereint. Beide blicken mich nicht an, doch bilden wir in genau diesem Moment der Ruhe so etwas wie eine Mènage á trois – natürlich rein platonisch, alles andere über lasse ich fein den Schwestern Caroline und Charlotte, wenn Sie wissen, was ich meine … Ich schaue also empor, aber die hohen Herren würdigen mich keines Blicks, entfleuchen in ferne Sphären, während sie zwischen sich einen Lorbeerkranz hin und her zu schieben scheinen. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, wie schön und verrückt es wäre, wenn beide von ihrem hohen Podest aus jenes Lorbeergebinde mir zuwerfen würden, einem Brautstrauß gleich. „In des Herzens heilig stille Räume musst du fliehen aus des Lebens Drang“, höre ich den jungen Schiller raunen. Ob er das auch Goethe wissen ließ, als dieser Schillers vermeintlichen Totenschädel dereinstens im Geheimen betrachtete… Eine japanische Reisegruppe platziert sich justamente genau vor dem bronzenen Standbild. Es ist Zeit zum Aufwachen, denn ich will sie jetzt nicht teilen, mit niemandem, meine „Luftgebilde“, wie Goethe meine Träume bezeichnen würde, meine „Weimarer Elegie“.

September. Ein herrlicher Monat fürwahr. Und es ist seit Jahren schon der Monat, in dem bei uns der Denkmäler gedacht wird, insbesondere am sogenannten „Tag des offenen Denkmals“. Man braucht nicht zur Walhalla zu pilgern oder gar den hoffnungslosen Guinness-Versuch zu unternehmen, alle der gemäß aktueller Kulturstatistik über 1 Million Denkmäler in Deutschland – angefangen vom Solitär bis zum Ensemble, vom Garten- bis zum Bodendenkmal – persönlich kennenlernen zu wollen. Kreuzt doch in Berlin, Potsdam und Umgebung fast an jeder Ecke ein solches stumm-beredtes Objekt unseren alltäglichen Weg. Ob Literat, ob Staatsmann, ob Freude, ob Trauer, ob Krieg, Unrecht oder Frieden, ob naturgetreu, ob abstrakt, allen ist gemein, dass mit ihnen das Wagnis eingegangen wurde, die Zeit zu überbrücken im Dienste des kollektiven Gedächtnisses. Wer von den solchermaßen Ver-Ewigten gab sich schon zufrieden mit der Offenbarung, in der es heißt:“….sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.“ Ob man es sich bei allen Arbeiten der Verblichenen so wünschen sollte? Vielleicht erschließt sich mir das noch nicht so ganz. Da beschränke ich mich mal lieber auf das Wort Ovids, der bereits im alten Rom die profane Warhrheit aussprach:„Die Tat ist vergangen, die Denkmäler bleiben. Aber. Aber auch das ist ein gar dünnes Eis, wurden wir doch selbst in unserer jüngsten Geschichte Augenzeuge, wie mancher dieser uns durch unser Leben Begleitende vom Sockel gestürzt wurde. Zwischen Scherben und offenem Hohlkörper passte immer noch ein Teil der eigenen Biografie unserer kurzen Ewigkeit.

Nicht im November, wohl aber bei diesem lebensvollem Septemberlicht, gehe ich gerne über den alten Südwestkirchhof in Stahnsdorf. Vorbei an der norwegischen Jugendstil-Holzkirche führt mich dabei mein Weg zumeist weit hinein in das Innere und an die Ränder. Begleitet vom Rauschen alter Bäume und vorbei an Berühmtheiten wie Corinth und Baronin von Ardenne, Humperdinck und Zille. Oft fällt mir dabei wieder der Herr Geheimrat aus Weimar ein: „Wie über die Menschen, so auch über die Denkmäler lässt sich die Zeit ihr Recht nicht nehmen“. Das stammt aus seinerm Roman „Die Wahlverwandtschaften“, einer sagen wir „Ménage a quatre“ zwischen Charlotte und dem Hauptmann, Eduard und jener Ottilie. Bei allen Irrungen und Wirrungen ihrer Herzen berührt mich aber besonders der Disput zwischen Charlotte und einem jungen Architekten, der trotz aller fachkundigen Erfahrenheit offenbart: „Was Entwürfe zu Monumenten aller Art betrifft, deren habe ich viele gesammelt und zeige sie gelegentlich; doch bleibt immer das schönste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis“. Wie wahr, wird jeder sagen, der die Gesichtslandschaften kennt, die Udo Lauer als Fotograf  für uns sichtbar macht.

Nutzen Sie mithin diesen September mal ganz bewußt, um Denkmälern und Bildnissen (wieder)  näher zu kommen, denn oft führt der Weg dorthin ganz schnell direkt ins eigenes Herz. Und Sie wissen doch genau was seinerzeit Abert Schweitzer meinte, wenn er fernab aller Medizin feststellte: „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen.“  Ach ja und vielleicht sollten Sie bei all´diesen spannenden Sichtungen  dann auch den ganz besonderen Menschen an Ihrer Seite nicht vergessen, denn „Das Bild der Geliebten kann nicht alt werden, denn jeder Moment ist seine Geburtsstunde.“ Das wusste schon der uns durch diese Kolumne mal wieder begleitende Herr von Goethe und der war immerhin bei vielen dieser „Geburtsstunden“ dabei. Bis zuletzt, aber das steht in seiner Marienbader Elegie, doch davon ein andermal.

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.

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