Wortkalender für Oktober

Imagine Planet.

Flaschenpost an einen Alien

Der Herbst zieht ein. Ich blicke aus meinem Zimmer über die Gärten und Häuser meiner kleinen Straße.. Ein Farbspiel zwischen wildem Bunt und welkenden Blättern. Regentropfen perlen am Fensterglas, die Sonne spiegelt sich darin. Ich höre von weitem meine Freunde, die Wildgänse, die  spüren, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Und ich?

Ich stehe wiedermal in meinem Leben am Fenster und schaue der Formation am Himmel nach, die immer weiter zu entschwinden scheint unter den besorgten Rufen des Leittiers. Mich fröstelt es im warmen Zimmer. Es ist mir, als würde es immer einsamer um mich. Die Kalenderblätter werden meinen Träumen, den  kleinen selbstgebauten Sicherheiten und Vertröstungen gleich, stetig weniger.  Ich schleppe mich zu meinem einladenden alten Sessel und…

„Na, wie weit bist du?“, ruft plötzlich eine mir bekannte Stimme in mein Ohr. Ich zucke zusammen.  „Wie jetzt?“, stottere ich und blicke in zwei mir vertraute Augen. Mir dämmert´s. „Hallo Alf!“ „Für dich immer noch Gordon Shumway aus Neu-Melmac! Ich bin inzwischen Ober-Commander der Weltraumpatrouille W-1 hoch 245189… Ach lassen wir´s, nenn mich Alf…“ „Danke. Alf! … Ehrlich, das hab ich vollkommen vergessen. Das sollte doch aber auch erst sein, wenn´s ernst wird…“, höre ich mich jammern. “ Ist es denn immer noch nicht ernst?  Und überhaupt, bei unserem letzten Treffen haben wir verabredet, dass ich deshalb  demnächst bei dir vorbeikommen werde!“, raunzt mich mein Gegenüber galagtisch griesgrämig an. “Eben, demnächst! Das ist jetzt aber mehr als 30 Jahre her!“, trumphe ich auf. „Das ist für mich dem-nächst! Ihr seid doch wirklich unbelehrbar und habt immer noch kein feeling für die Zeit. Und überhaupt, entweder sind 30 Jahre zu lang oder zu kurz für dem-nächst. Was denn nu´?!… Ist aber auch voll belanglos…  Also hast du mir jetzt was mitzugeben für die Nachbar-Ewigkeiten oder nicht? Ich muss nämlich abdüsen, bevor es bei euch gleich richtig scheppert!“ „Gleich?“, konntere ich mit gespielter Gelassenheit, aber Alf überhört es geflissentlich und  trommelt mit seinen behaarten Fingern unbeirrt und ungeduldig gegen meine Sessellehne.

„Warte einen Moment“, flehe ich. „Was ist ein Moment bei dir?“, schnippt er zurück. „Also 10 Minuten… vielleicht…“ „4,5 Minuten geb ich dir. Es ist nämlich  5 vor 12. Um kurz vor 12 hebe ich ab. Basta!“

Ich springe auf wie besessen, rase auf den Speicher. Da, in der hintersten Ecke steht sie noch, die leere Bieflasche mit Bügelverschluß, die ich extra aufgehoben habe für einen Tag X, der dann ja wohl nun gekommen ist. Stopp, keine Zeit für sentimental journey! Ich falle stattdessen über den Zeitungsstapel im Wohnzimmer her und beginne, Fotos und Zeitungsartikel herauszureißen. Alf nimmt meine ungetümen Schnipsel kopfschüttelnd entgegen, rollt sie zusammen und stopft gekonnt einen nach dem anderen in die Flasche. „Du musst ja wissen was du tust!…  Ein Foto von einem zornigen Mädchen mit blonden Zöpfen, Bilder von überfüllten Schlauchbooten im Meer, brennende Wälder, die aktuelle Kinderarmutsstatistik, die Rede eines Astronauten an seine späteren Enkel… .“ „ Suche nichts zu verbergen, denn die Zeit, die alles sieht und hört, deckt es doch auf.“  „Gut! Hätt ich gar nicht gedacht, dass du…“  „Stimmt, das stammt nicht von mir, ist von Sophokles.“ „Hä?“ „Ein Dichter und Philosoph!“ „Ach…, drum. Und wo ist der jetzt?“ „Tot. Schon lange.“ „War n´ kluger Erdling!“ „Ja, aber sein eigener Sohn hat versucht, ihn entmündigen zu lassen.“ Alf seufzt: „Null Kommentar.“ Er beginnt wieder zu trommeln.  „Wär´s das?“, fragt er schließlich pietätlos kurz angebunden.

„Nein! Ich hab da noch was“, rufe ich und werfe ihm dabei erstmal einige kleine Lyrikbände zu, die er – es ist entsetzlich – flugs in ihre Bestandteile zerkleinert und auszugsweise in den Flaschenhals zu bugsieren versucht. „Warte ne Serkunde!“ „Ha. Ne Sekunde!“, äfft er mich nach. Ich winke ab und stolpere die Kellerstufen hinab.

„Was ist das denn für´n vorsintflutliches Ding?“ Alf mustert das technische Fossil sichtlich amüsiert. „Das kann ich aber wirklich nicht da rein!“ „Wart mal ab“, kontere ich aufgeregt und drücke auf die Tasten meines alten Kasetten-Rekorders. Alf lehnt sich an mich, derweil wir beide lauschen bis zum Schlußakkord:

„…Imagine all the people
Living life in peace…
You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one
…“

Stille. „Wie kommt der Typ da rein?“, Alf rüttelt an dem altersschwachem Apparat. „Das ist nur noch seine Stimme. Das war John Lennon.“ „Und wo ist der jetzt?“ „Tot.“ „Auch tot?“ „Ja. Einer von uns hat ihn ermordet.“ Er blickt mich ohne Hoffnung an:. „… Verdammt, ich kann es nicht mehr ertragen.. Ihr seid so….“ „Du hast ja recht! Aber nicht alle. Genau deshalb  müssen die da draußen das hier eben auch hören, bevor sie uns archivieren“, erwidere ich eifernd und überreiche ihm mit feierlichem Pathos die alte Kasette aus dem Rekorder. „Die da draußen... Ganz schön eingebildet seid ihr. Bis zuletzt.“ Alf mustert die Kassette von allen Seiten. Er kann meine Gedanken lesen: „Null problemo!“ Er knackt das Gehäuse entzwei und zaubert den Bandsalat wie einen störrischen Geist in die Flasche. Der Bügel der überfüllten Flasche schnappt hörbar zu.

„Ich muss jetzt los! Das Ding da nehm ich mit und werfe es am besten ein paar Lichtjahre hinter der Großen Magellanischen Wolke raus. Irgendeiner wird’s schon auffangen und sich nen Kopf oder was auch immer machen. Vielleicht ist das Zeugs hier ja tatsächlich doch besser als die letzten Botschaften von euch mit dem Mozart und so. Also farewell meine Liebe und schöne letzte demnächst oder so!“

Regen peitscht gegen die Hauswand. Ich wache auf. Wielange habe ich geschlafen in dem Sessel? Keine Ahnung, aber ich stolpere sofort in den Keller. Hier muss er doch sein, mein alter Kasettenrecorder. Die Taste des Rekorders bewegt sich keinen Millimeter, künftiger Weltraumschrott. Franz Kafka fällt mir ein: “Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr.“ Irgendwann am Abend ziehe ich mir auf Youtube den Film rein, in dem Lennon am weißen Flügel Imagine spielt und Yoko Ono nach und nach die weißen Fensterläden öffnet und das Sonnenlicht hereinlässt. Es war aber auch wirklich viel zu dunkel.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erhellenden Herbst, in dem Sie mal wieder Ihre Träume aus den selbstgebauten Kerkern und Verliesen befreien. Und vergessen Sie vor allem nicht, vom Sessel aufzustehen und schnurstracks in den Herbstwind unseres guten alten Planeten zu laufen. Sie wissen doch, was Alexander von Humboldt meinte, wenn er sagte: „Natur muss gefühlt werden.“  Vielleicht wachen Sie und ich beim Fühlen auf. Noch jedenfalls ist es dafür nicht zu spät, wenn ich den Faktor Zeit recht verstehe. Aber auch daran gibt es nun zumindest außerhalb unserer Milchstraße ernsthafte Zweifel…

Herzlichst und in irdischer Verbundenheit

Ihre Gabriele Thöne.

Ganz Irdisch zum SCHREIBEN: gabriele.thoene@t-online.de