Wortkalender für November

The Sound of Silence. Rendezvous mit der Stille

Eben noch, gestern Abend noch, war eine andere Welt …“ Diese Worte von Hermann Hesse fallen mir ein bei der stummen Zwiesprache mit der letzten blassroten Rose in meinem Garten. Gut, dass wir uns heute noch begegnen, denn morgen könnte es zu spät sein. Für die Rose, hoffe ich doch. Trotzdem schmerzt´s.

Wohin sind die „Luftschaukeln“ des Septembers entfleucht und schließlich, haben die „sanfte Riesen“ im Oktober wirklich schon alle bunten Buketts leuchtenden Herbstlaubs eingesammelt, wie Kästner vermutet? Ich blicke mich um. Die Bäume sind tatsächlich inzwischen fast kahl, die letzten braunen Blätter stellen sich, eines nach dem anderen, dem Lauf des Lebens. Grabeindeckungen werden preiswert angeboten und hinter ihnen drängen in prallvollen Regalen schon ungeduldig dicke Christbaumkugeln.

Der Wind legt eine Pause ein, als wolle er die Zeit des Abschieds etwas verlängern. „Es gibt eine Stille des Herbstes bis in die Farben hinein“, erkannte Hugo von Hofmannsthal. Stille. Diese Stille ist nicht atemlos, nur tröstlich, wie eine Atempause, ein Seufzer.

Hallo darkness, my old friend. I´ve come to talk with you again…“ Die Stimme der Stille, der „Sound of Silence“ hält Einzug um mich herum. Der späte Herbst hat was von einer „Reifeprüfung“. Erinnern Sie sich übrigens noch an den gleichnamigen Film? Sie erinnern sich sicher noch an den Soundtrack von Simon and Garfunkel und daran, wie Dustin Hoffmann in der Hauptrolle jugendlich lasziv aber letztlich vergeblich versucht, im glitzernden Wasser des Pools treibend, der Zeit zu entkommen.

Die Natur kehrt in sich selbst zurück. Und wir? „Es ist nun Zeit, sich wieder an das Zimmer zu gewöhnen“, mahnt Hesse, jene Tage zwischen Herbst und Winter beschreibend weiter in seinem „Spaziergang im Zimmer“. Hesse weist sogar das Ziel, wohin dieser Spaziergang zu führen vermag. In einer Postkarte, die er im Kriegsjahr 1943 an den Verleger Kurt Frömberg schrieb, navigiert er uns, alle Schranken und Schrecken negierend, zu jenem Ort:“ Je finsterer und geistverlassener die Welt wird, desto mehr kehrt jeder zu den kleinen Lichtern zurück, die man in sich selber brennen hat“.

Meinen Spaziergang im Zimmer hebe ich mir erstmal auf für den Winter, denn da kann ich ihn genießen, zusammen mit dem „Duft halbvergessener Tage“, von denen Hofmannsthal spricht. Jedoch, „Nicht Stille, nicht Fortgehen, nur Bewegung ist der Zweck des Lebens“, vertraut uns Christian Friedrich Hebbel an. Ja, Bewegung… Ich beschließe deshalb, wenn auch nur virtuell, die „Promenade“ aufzusuchen. Die Musik von Modest Mussorgski beflügelt mich gerade dazu. Ich wandere also gewissermaßen mit ihm zu den „Bildern einer Ausstellung“. Die Bilder, die ich vor mir sehe sind aber nicht die seines verstorbenen Freundes. Nein, es sind derzeit die “stil leven“, die Stillleben von Vincent van Gogh in der aktuellen Ausstellung im Museum Baberini in Potsdam. Ich lustwandele also von Bild zu Bild und das Leuchten in mir wird immer größer und wärmer, den Farben gleich gegen Ende jenes kurzen Künstlerlebens. Das also sollen per Definition „Gruppierungen toter oder regloser Gegenstände“ sein? Sicher, alles ist ein Abbild der Vergänglichkeit, wenn man nicht begreift, den Augenblick der Gegenwart einzufangen. „Stillleben sind nur der Anfang von allem“, sagte der von van Gogh geprägte „Vorkriegsrebell“ Oskar Kokoschka. Dachte er dabei wirklich nur an die Erstellung flüchtiger Farbstudien? Ich zweifele daran, wenn ich mir sein Stillleben „Hammel und Hyazinthe“ vor Augen halte.

Wie dem auch sei, halten Sie in dieser Zeit doch einfach mal inne und lauschen der Stille. Besuchen Sie Ihre vergessenen Zimmer. Sie wissen schon: dort warten die kleinen Lichter. Wäre doch jammerschade, wenn deren Wachs runterbrennt, ohne Ihnen Wärme für die kühleren Tage gespendet zu haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen lichtstillen, wohligen November.


Herzlichst Ihre Gabriele Thöne
Für Fragen und Anmerkungen bitte an: GABRIELE.THOENE@t-online.de