Wortkalender für Juni 2019

Pre-opening. Advent im Juni

Kennen Sie die schönste aller Emotionen? Sie meinen die Liebe? Stimmt … jedenfalls fast. Bekanntlich soll es beim Menschen ja eigentlich nur ganze sechs Grund-Emotionen geben; die Neugier, den Ekel, die Freude, die Angst, den Ärger und die Trauer. Und manche Forscher ergänzen noch um Gefühle wie eben besagte Liebe, aber auch Schuld und Scham. Und seit alters her disputiert man über den Unterschied zwischen Affekte und Stimmungen. Für Siegmund Freud erklärte sich einfach alles aus dem Lust-Unlust-Prinzip. Wie dem auch sei, eins ist allen diesen „Wallungen“ des Menschen gemein: sie beziehen sich auf das einzelne Individuum. Oder?

Die Liebe ist sicher die stärkste aller Empfindungen. Sie kann platonisch sein wie in Zeiten der Minne, selbstverliebt wie im Bildnis des Dorian Gray, aufsaugend wie bei Stalkern, begehrend wie Casanova, aufopfernd wie bei Mutter Teresa. Und sie ist weit vor der dem Leiden des jungen Werther in uns eingewoben durch das Schiffchen am Webstuhl des Lebens. Nun, ob wir Liebe empfangen, Liebe empfinden und gar Liebe geben können, das ist von so vielen Dingen und Zufällen abhängig. Genauso wie die Menge an Liebe, die wir benötigen, um unsere Sehnsucht danach zufrieden zu stellen. Manch einer von uns benötigt für die Suche nach seinem Quantum fast sein Leben lang, um schließlich am Ende festzustellen, dass es nie die eigenen Maßstäbe waren, denen er hinterherhechelte wie der Hund hinter der vorgehaltenen Wurst.

Wonach ich aber hier tatsächlich frage, ist weder Liebe noch Neugier noch Freude. Es ist vielmehr eine Mischung all dessen, ein „Gefühl sui generis“. Immer noch keinen blassen Schimmer? Dabei weiß es doch jeder Fuchs. Pardon, zumindest wird von einem berichtet, der einem Kleinen Prinzen eine ganz einfache Definition aus der Feder seines Erschaffers Antoine de Saint-Exupéry für das gesuchte Phänomen mit auf dem Weg gab, nämlich: „Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen“. Fällt der Groschen?

Na endlich! Es ist die Vorfreude! Warum? Na, horchen Sie doch einmal für einige intensive Augenblicke tief in sich hinein: wie war es denn, als Sie ihrem 18. Geburtstag entgegenfieberten oder sich ausmalten, ob und wenn ja, wie die Antwort lauten wird auf die Frage nach dem „… Du mich auch?“ War es allein der Nervenkitzel, der auf der Zunge brannte, der aber vor Jahr und Tag in den Sümpfen der Ent-Täuschungen genauso unterging wie Ihr letztes Brausestäbchen?  

Was aber macht das Warten so besonders für uns, wo wir doch in Wahrheit den augenblicklichen Eintritt des Ereignisses erzwingen würden. Dies zumal in einer Zeit, in der die Tugend der Geduld immer weltfremder zu werden scheint und sich Wünsche dank eines klicks online sofort realisieren lassen, wie ein freigelassener Flaschengeist, der aber stets auf Abertausende seiner Brüder und Schwestern verweist, die ebenfalls ihrer Befreiung harren. Sind wir glücklicher, nur weil wir die Phase bis zur Ankunft, dem Advent, nicht mehr durchstehen, durchleiden wollen? Immer schneller wachsen lange Ohren aus Schokoweihnachtsmännern, drehen Pappnasen schon zwischen Lametta bereits erste Kapriolen. Ab spätestens April bereiten uns Hochglanz Journalien auf die Notwendigkeit vor, mit einer halbwegs passablen Bikinifigur bald am Strand zu punkten, während bereits die ersten Beeren-Shake-und Zwiebelkuchenrezepte das Jahresende einläuten mit Kürbisschnitzen und selbst gebastelten Lampions, um nur bei einigen Beispielen unseres kleinen Kulturkreises zu bleiben.

Nun also Juni. Der Monat könnte als pre-opening des bevorstehenden Sommers bezeichnet werden. Er zeigt uns oft schon, wohin die Reise geht, zieht uns in einer Art Vorfreude-Modus in sich hinein. Oder etwa nicht beziehungsweise nicht mehr? Warum ist Ihnen da soviel verloren gegangen im Verlauf Ihres bisherigen Daseins? Kein Gänsehautfeeling mehr, nur noch Abgeklärtheit? Auch hier gilt: denken Sie einen Moment mal an dieses Wahnsinnsgefühl kurz vor dem Einläuten der Sommerferien. Nein, ich meine nicht die „drohenden“ Zeugnisse, sondern die unbeschreibliche Freude beim Gedanken an die schier endlos erscheinenden ungetrübten, sonnendurchfluteten Wochen ohne störende Schule, ohne Zwang. Irre, stimmt´s?! Und das kann man nicht nur neurobiologisch und mit der Ausschüttung von Endophinen erklären.

Treten Sie am besten mal endlich wieder genauso diesem Juni entgegen und freuen Sie sich bewusst über jeden Tag der Vorfreude auf diesen Sommer. Sehen Sie das Glitzern des Wassers zwischen den Blättern alter Bäume, riechen Sie die Felder, die Erde, den warmen Asphalt, die weiche Luft der Sommerabende auf Ihrer Haut? Haken Sie nicht die Tage ab, wie lästige Verhinderer. Sondern lassen Sie Ihr Herz pochen. Es ist keiner von vielen Sommern, es ist Ihr einziger Sommer 2019. Versuchen Sie´s mal mit Advent von jetzt bis zur Sonnenwende. Vorfreude, ein wahrer Jungbrunnen!

Herzlichst Ihre Gabriele Thöne.
Für Ihre Anmerkungen: gabriele Thoene@t-online.de