Herausgeber: Udo Lauer - Merlin-Presse-Berlin

A+ A A-

Von der Schneekönigin und dem Blut des Adonis

Kennen Sie das? Man sitzt mit bestem Schreibvorsatz vor einem weißen Blatt Papier und schaut es eine ganze Weile nur an. Einfach so. Buchstaben zerfließen beim Denken und erweisen sich als unwürdig, dieses unbeschriebene, weiße, seidenweiche Papier zu entweihen.
Nach einer ganzen Weile wende ich mich von meinem Blatt ab und sehe hinaus in den winterfesten Garten. Die Sträucher trotzen dem kalten Wind, die Bäume stehen kahl da und die Rosen sind halb verschwunden in der sie schützenden Erde, die nun mit zuckrig leichtem Raureif bedeckt ist. Die Natur ist unbemerkt erstarrt in einem Dornröschenschlaf, fröstelnd und sehnsüchtig wartend auf den weißen Mantel aus Schnee. Ich kann da nichts dran ändern. Mein Blick wandert also wieder zurück auf das Papier. Ja, es ist wirklich weiß, schneeweiß.
Schnee. Plötzlich, wie auf einer Schneeflocke hereingeschwebt, fällt mir das Lieblingsmärchen meiner Kindertage ein: „Die Schneekönigin“ von Christian Andersen. Ein Märchen voller Tiefe und Symbolkraft. Gerda und Kay, Gegenpole wie Goldmund und Narziß. Gibt es einen Sieger, wenn Vernunft und Liebe einander begegnen? Ohne Liebe erfriert das Herz und die Eissplitter im Auge lassen den jungen Kay im Palast der Schneekönigin die Schönheit des Seins nicht mehr erkennen. Ohne Vernunft aber weiß der Weg kein Ziel und Klein-Gerdas Herz verirrt sich in den mit Veilchen gefüllten roten Seitenkissen der Zauberin.
Es ist mithin nicht das Schwarz, das dem Weiß gegenüber steht, es ist das Rot.
So, wie das Blut des sterbenden Adonis die Alba Rosa der schaumgeborenen Aphrodite einstens in Purpur tränkte. Rot und weiß bilden das Rad des Lebens, aus dem das erlösende Wort „Ewigkeit“ besteht, welches der kluge Kay erst durch die Tränen der unbeirrt an die Liebe glaubenden Gerda zu schreiben vermag. Begierde und Reinheit, Sommer und Winter, Blüte und Tod, Anfang im Ende.
Alles zusammen ist Leben.
Deshalb wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen einen märchenhaft verzauberten Dezember, in dem Sie sich ab und an wieder einen Strauß voller glitzernder Eisblumen erträumen, der dann plötzlich, wie von Feenhand überreicht, vor Ihnen am Fenster blüht.
Ach ja und wenn die Wintertage einmal allzu hart erscheinen, dann erinnern Sie sich doch einfach  an den tröstenden Satz, mit dem Christian Andersen sein Märchen für uns schließt, nämlich:

                                  „Da saßen sie beide,
                erwachsen und doch in ihrem Herzen Kinder,
            und es war Sommer, blühender, gesegneter Sommer.“


       In diesem Sinne verbleibe ich für dieses Jahr herzlichst und mit
                   allerbesten Wünschen

         Ihre Gabriele Thöne
Wie immer freud sich die Autorin auf Ihre Anmerkungen unter:
                Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!