Herausgeber: Udo Lauer - Merlin-Presse-Berlin

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                   Auf ein Neues. Oder wie?

 

In den Händen halten was nicht zu Boden fallen darf
das verpackte Geschenk...

Warum fallen mir gerade jetzt diese Zeilen eines Gedichts der
2016 verstorbenen Lyrikerin Rosemarie Bronikowski  ein.
Deja vu. Ich starre wie gebannt auf das unschuldige Kalenderblatt mit der Zahl 1. 1 ist ok, aber 2019? Wer spricht noch vom Millenium, wo wir doch nun stramm auf 2100 zugehen. Wir? Die meisten von uns sicher nur ein Teil der Wegstrecke bis dorthin.  Ich ertappe mich in letzter Zeit dabei, beim Anblick junger Menschen auszurechnen, wie alt sie wohl sein mögen, wenn das Kalenderblatt oder der Monitor oder was dann auch immer diese magische Zahl  anzeigt: 2-1-0-0.
Ob es das Phänomen der Zeit auch hinter unserer Ewigkeit gibt? Ist, Einstein hin oder her, Zeit vielleicht aufs Ganze gesehen doch nur  ein anthropologisches Hirngespinst, eine Spielerei mit unserem menschenerkundeten Mikroteils des Universums, um das Leben irgendwie in den Griff zu bekommen.
Ich schaue über mein Glas Rotwein in´s Kaminfeuer.
Franz Werfel, der berühmte expressionistische Dichter, der nach abenteuerlicher Flucht schließlich 1940 nach Amerika emigrierte, schrieb In seinem Wanderlied:

„... Glaubst du, deine Schritte sind vergangen

die einst kies- und strassenüber klangen? ...

Deine Schritte laufen oder schleppen

ewig weiter über Weg und Treppen.“...
Ja, als Kind stellte ich mir immer eine Art Lineal vor, auf dem sich ein Ereignis nach dem anderen aneinanderreihte und wie bei einem Rechenschieber. Ich glaubte vor allem fest daran, dass man den Schieber immer nach vorne und irgendwie auch nach hinten bewegen kann, um die Zukunft zu sehen oder die Vergangenheit nochmal zu erleben. Leider oder zum Glück ist dem nicht so, aber das erfuhr ich erst viel später. Und auch, dass das Leben keine Reihenschaltung ist.
Klar, die Erfahrung der Jahre und des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard berühmtes Wort lehren einem, dass das  Leben nur nach vorne gelebt werden kann. Aber trotzdem besagen wissenschaftliche Studien zuhauf, dass die meisten Menschen sich den überwiegenden Teil ihres Lebens nur mit der Vergangenheit beschäftigen und sich dabei in einer Art Kokon einspinnen, ohne dass dabei eine Metamorphose zum Schmetterling erfolgt. Nein, Tatsache ist, dass wir dabei einzig und allein graue Haare bekommen, basta.
In diesem Neuen Jahr nehme ich mir also wieder fest vor, meine Zeit nicht mehr bedenkenlos zu verschwenden, als wäre sie reproduzierbar und nicht vielmehr eine Aneinanderreihung von einzigartigen Momentaufnahmen. Ich will versuchen, den Schatz besser zu hüten. Obgleich. .. Wie sinnlos ist denn eines Menschen Zeit, wenn sie keinem anderen geschenkt wird.
Die Erde aber war endlich still und zufrieden und rollte, völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn.“, läßt Erich Kästner in seinem Band „Bei Durchsicht meiner Bücher“, 1946 , die arme menschengeschundene Erde aufatmen, als am Ende aller Tage gar kein Mensch mehr da ist, der sie mit dem anderen teilt und auf ihr rumtrampelt. Na, hoffentlich dauert´s noch ne Weile bis dahin; strengen wir uns mal an.
L’Chaim. Auf das Leben! Ich zünde ein Licht an, das Neue Jahr zu begrüßen. Kein Jahr gleicht dem anderen. In jedem Jahr treten weitere Menschen in den Blick, verabschieden sich Freunde. Die Neugierjedoch, sie allein  muß bleiben, bis zum Schluß. Und der kommt  dann wohl irgendwann. Bis dahin aber sollten wir alles und alle in uns sammeln und willkommen heißen. Denn nur so erlangen wir, was Hermann Hesse in Siddhartha den Suchenden Godvinda erfahren lässt am Ende seiner Lebensreise: das Lächeln der Vollendeten.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen einen guten Start in´s Jahr 2019. Vergessen Sie nicht: es ist das einzige Jahr 2019, dass Sie erleben werden und können. Lassen Sie sich also darauf ein und vor allem, machen Sie was draus. Denn der Ton in Ihren Händen will geformt werden. Schon Laotse, der große chinesische Philosoph, wusste:"Ton knetend formt man Gefäße. Doch erst ihr Hohlraum, das Nichts, ermöglicht die Füllung." Deshalb gehen Sie vorurteilsfrei und freudig in das Neue Jahr und seien Sie gespannt, auf das, was sich am Ende dort alles (wieder-)findet.

    Ihre Gabriele Thöne.
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