Herausgeber: Udo Lauer - Merlin-Presse-Berlin

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Von Masken und anderen Verstecken.
Gedanken- und Singspiele im Februar

„Da von Motokiyo unter der Maske, der Perücke und in dem reich verzierten Kostüm höchstens ein schmaler Streifen Haut unmittelbar unterhalb der Maske zu sehen war, vermochte niemand zu erraten, was sich hinter der Maske abspielte“, heißt es im Roman
„Das Haus Kanze“ von  Nobuko Alberty.
                   Japan im 14. Jahrhundert, die Kunst des Nō Theaters.  
Mehr als 250 Masken werden in den tänzerischen Aufführungen des  Nō gezeigt, wobei anzumerken ist, dass nur die Rolle des erwachsenen jungen Mannes ohne Maske gespielt wird, während es für Frauen, Ungeheuer und Geister in jedem Fall einer Maske bedarf. Ich will mir über die letzte Bemerkung keine weiteren Gedanken machen, zumal ja nur Männer auftreten, aber – der Februar legt´s nahe – über „Masken“.
In den meisten Kulturen ist die Maske zu Hause und das seit Alters her. Vom Schamanen bis zur Commedia dell´arte, von den weißen Schutzmasken auf den Straßen Tokyos bis zur
Halloween-Hässlichkeit. Ein Mysterium, diese Maske, die auch
“Larve“ genannt wird. Sie dient uns als Tarnung und als Schutz zugleich. Sie zieht Beistand aus der anderen Dimension herbei und entrückt den Träger im Moment des Tragens, macht ihn  zum Transmitter. In jedem Fall verleiht sie der Person dahinter eine  andere Aura. Grade so wie die  Maske der Evelyne Valera in der Operette von Fred Raymond „Maske in Blau“. Die Menschen bedienen sich ihrer aber auch als Gleichnis im Theater, das seit der Antike Komödie und Tragödie – dem wahren Leben gleich - durch einträchtig zusammenhängende Masken symbolisiert. Bei Letzterem fällt mir der  junge Mann namens Nick Bottom ein, der in Shakespeares „Sommerrnachtstraum“ das Herz der Elfenkönigin Titania erobert, indem oder obgleich er mit einem Eselskopf als Maskerade auftritt, Oberons Zauberei aber schließlich doch alle Eselei wieder zum Guten wendet, was man leider in vergleichbaren realen Fällen nicht immer erhoffen braucht.
Die Maske. Sie hilft zum Überleben im Inferno, so die Gasmaske und sie fesselt den memento mori, wie die Totenmaske von Martin Luther, von Schiller oder von Beate Uhse.
Gerade dieser Tage denke ich an all die wundervollen oder grauseligen Masken der alemannischen Fasnet, den Hexen, den Teufeln und Dämonen, die bald wieder lautstark ihr Unwesen in den Straßen und Gassen treiben werden und dabei viel lebenslustig derber sein dürfen, als ihre vornehmen Verwandten in Venedig. Interessant ist zudem, dass die Maske häufig zusammen mit einer Kostümierung daherkommt, um ganzheitlicher und imposanter zu wirken. Das weiß beispielsweise schon das Kammermädchen Adele in der Johann-Strauss-Operette  „Die Fledermaus“, wenn sie feststellt: „Spiel ich die Unschuld vom Lande, natürlich im kurzen Gewande... Spiel ich eine Königin, schreit ich majestätisch hin. Nicke hier und nicke da. Ja ganz, ja in meiner Gloria.“ Ob es dem Rapper Cro, der  gewöhnlich mit Panda-Maske auftritt, auch so geht, während er  in seinem den Pulsschlag der heutigen Zeit erfassenden, traumhaft lyrischen Song verzweifelt versucht, nicht seine Maske, wohl aber „Victoria´s Secret“ per WhatsApp zu lüften?
„Eine Maske,“, so der irische Dramatiker Oscar Wilde, „erzählt uns mehr als ein Gesicht.“ Bei Geishas oder westlichem Braut-Make up mag das offenkundig sein. Unser Alltag heute ist aber zumeist subtiler. Botox glättet die Gesichtslandschaft bis hin zur Maske, Farbe im Haar zaubert Jugend, Bodypushing sorgt für die Illusion eines tadellosen Körpers, Concealer, Foundation und Camouflage verschaffen neben Tatoos die rechte Tarnung. In Fußballstadien hat das Bodypainting ebenso Einzug gehalten wie auf Erotik-Messen, wenn auch dort manchmal der verhüllende Überzug nicht immer aus Schokolade, sondern manchmal aus schwerverdaulichem Latex ist. Wir brauchen mithin eigentlich keine 5. Jahreszeit, wenn es nur darum geht, sich zu maskieren. Ich will damit nicht sagen, dass ich darüber erhaben wäre, „entlarve“ ich  mich doch vielmehr gerade selbst beim Abschminken.
Aber sind es nicht ganz andere Masken, die in ihrer Wirkung viel schlimmer sind als etwas Farbe und Tütü? Ich meine den ernüchternden Fakt, dass viele unserer Mitmenschen nur dann ihr wahres Gesicht zeigen, wenn sie gebraucht werden, ohne im Gegenzug eine aus ihrer Sicht angemessene Entlohnung dafür zu erhalten. Dann schwindet nämlich die Maske oft wie Schnee in der Sonne und legt das wahre Antlitz bloß, einem nackten, schroffen, vom Eise befreiten Felsen gleich. Ach, schon in der Antike erkannte es der römische Philosoph Seneca: „Menschen können auf Dauer keine Maske tragen.“
Das Spiel mit den Masken, es ist wunderschön, irritierend und zeitaufwändig im Leben des Menschen, doch wie trist wäre es ohne. Gehen Sie mal für einen einzigen Tage in diesem Monat mit wachem Blick durch die Welt und fragen Sie sich: Ist es Maske oder ist es pur, was mir da gerade über den Weg läuft. Sie werden staunen. Aber schauen Sie dabei nicht nur die anderen an. Vielleicht ist der Spiegel nur deshalb seinerzeit erfunden worden, um uns unsere eigene Maskerade vor Augen zu führen.     Wer weiß.
Apropos „wissen“. Unser guter Fontane, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, sprach in diesem Zusammenhang ein weiteres Phänomen gelassen an: „Wer nicht weiß, dass er eine Maske trägt, trägt sie am vollkommensten“. Wenn das nur immer gelänge im Alltag, das Verschmelzen der Rolle mit dem Akteur. Aber was nutzt die beste Erkenntnis und vor allem wem? Sammeln wir lieber Erfahrungen. „Das gehört jetzt alles dir, Motoshige. Pflege dein Erbe sorgfältig! Vor allen Dingen die Masken“, läßt Nobuko Alberty ihren Roman enden.
Für den Fall, dass Sie sich in dieses demaskierende Spiel zu verlieren drohen, hilft Ihnen vielleicht wieder jene Adele aus der „Fledermaus“. Ich höre sie förmlich ihren spöttisch-weisen Sopran über uns ausschütten, wenn sie – nehmen sie es mal geschlechterübergreifend – feststellt: „Mein Herr Marquis, ein Mann wie Sie sollt besser das verstehen. Darum rate ich, ja genauer sich die Leute anzusehen... Gestehen müssen Sie fürwahr, sehr komisch dieser Irrtum war. Ja sehr komisch hahahha, ist die Sache, hahaha. Drum verzeihn Sie, wenn ich lache, hahaha!
Sehr komisch, Herr Marquis, sind Sie!“
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderbaren,  einzigartig verspieltem, aber stets authentisch gelebten und durchliebten Februar.

  Ihre Gabriele Thöne.
 
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