Herausgeber: Udo Lauer - Merlin-Presse-Berlin

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Du in meinem Blute innen. Wandlungen einer Göttlichen
 Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren vor ihr stand. Es war in der Alten Pinakothek in München. Um mich herum Trubel und Stimmengewirr doch plötzlich flutete ein Strahl Ruhe zu mir herüber und schob mich zu ihr. „Madonna mit der Nelke“. Das Werk des damals kaum mehr als 20-jährigen Leonardo da Vinci. Vielleicht nicht so schön wie die “Madonna im Rosenhag „von Schongau. Aber dieser Blick der Muttergottes auf die rote Nelke, die sie dem Kind entgegenhält. Dieser innere Blick, er zieht in die Ewigkeit.
Ob Goethe daran gedacht hat, als er seinerzeit seiner Christiane einen ganzen Kasten duftender Nelken darbot und diese, die Nelken, als des Gärtners Wonne bezeichnete, verbunden mit dem Ratschlag: „Die Nelke soll man nicht verschmähen.“ Recht prosaisch, wenn man bedenkt, dass jene Blume im antiken Griechenland als Göttliche, als Dianthus bezeichnet, den floralen Olymp für sich eroberte.
 Doch in meinen Kindertagen hatte ich ganz andere Gedanken, während ich Poesiealben vollkrittelte mit dem Berühmtberüchtigtem „Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken, nur die eine nicht und die heißt Vergissmeinnicht.“ Das war noch in einer Zeit, als die Nelken in Vasen mit geometrischen Mustern der Fünfzigerjahre mit flattrigem Asparagus auf Nierentischchen über braven Häckeldeckchen platziert wurden und zusammen mit den mit Bohnenkaffee gefüllten Sammeltassen und Bogenhanfpyramiden vor Wetterstationen aus Eiche ihrer Bewunderung harrten. In der Lebendigkeit des Anblicks bestand da aus heutiger Sicht kaum ein Unterschied zu den Friedhofsgestecken jener Tage…
 Dass dies alles mal in den 68érn zusammen mit dem Mief aus 1000 Jahren weggefegt werden sollte, unvorstellbar.

Erst viel später erlangte ich wieder Respekt vor Nelken, als sie nämlich aus Gewehrkolben schauten 1974 in der Nelkenrevolution in Portugal. Und auch als ich erfuhr, dass während der Französischen Revolution rote Nelken als Symbol für ihre Unbeugsamkeit das Revers vieler Aristokraten auf ihrem Weg zum Schafott zierten. Heute ist die Nelke im Knopfloch meist weiß und mutiert als Accessoire eines Bräutigams; ein Unhold, wer dabei denkt, das es die Schwere des anzutretenden Gangs ist, der hier zu Vergleichen Anlass gibt…
Klassisch: „rosa“ für Freundschaft, „weiß“ für Treue und schließlich „ die Rote“, die Sozialistin. Heute gibt es noch viel mehr an Farbenpracht und Sortenvielfalt bei den Nelken. Aber apropos „rot“: Meine ersten roten Nelken zum 8. März bekam ich 1991 in Potsdam. Ab diesem Jahr feiern wir in Berlin den Frauentag als allgemeinen Feiertag. Darauf freue ich mich. Wenn ich auch die einzelnen Nelken–Blütenblätter im Geiste „equal „ zupfe und dabei leise vor mich hin sage:“ Wir bekommen die Gleichberechtigung bald vollständig. Wir bekommen sie überhaupt nicht. Wir bekommen die Gleichstellung bald vollständig. Wir bekommen…“
Was ich wirklich schade finde ist, dass die Männer heute und nicht nur am Casual Day bei jedem Wetter mit Ungetümen von Schaltüchern um den Hals gewickelt rumlaufen, anstatt mit Eleganz und Nonchalance eine Boutonnière zu tragen. Das ist Ihnen dandyhaft, liebe Herren der Schöpfung? Na, es geht doch inzwischen auch mit Ohrringen. Oscar Wilde und Nelson Mandela jedenfalls hatten das gewisse Bewusstsein dafür und fühlten sich dabei bestimmt nicht wie Retro–Käfer mit Blumenväschen.

Das alles sollten Sie mal bedenken, wenn Sie, liebe Damen, demnächst von Ihnen, lieber Herren, am 8. März rote Nelken geschenkt bekommen. Und seien Sie dabei nicht bescheiden und klaglos wie das Veilchen im Walde, sondern spüren Sie es in sich so, wie Hermann Hesse es tat, der ganz zart die Huldigung der Nelke in seinem Gedicht begann mit:

Rote Nelken blühen im Garten,

Lässt verliebte Düfte glühen…“

Aber bekanntlich sind ja stille Nelken, pardon, stille Wasser tief und Hesse endet aufgewühlt mit:
„...Du in meinem Blute innen,

Liebe du, was soll dein Träumen?

Willst ja nicht in Tropfen rinnen,

Willst in Strömen, willst in Fluten

Dich vergeuden, dich verschäumen!“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen ganz und gar wunderbaren März, in dem Sie einmal jede Nelke liebevoll betrachten, an ihr riechen und verschäumen Sie sich dabei im Innersten in ihrer Leidenschaft, denn eins ist gewiss: das ist niemals vergeudet!

          Herzlichst Ihre Gabriele Thöne
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